Patrick Rabe

Magdalena

Ich gehe zum Fenster und schaue hinaus auf die nächtliche Stadt. Draußen tobt der Krieg der Engel und Vampire, der Alkoholzombies und lustmordenden Freier, aber dieser geht völlig still und unbemerkt vonstatten, sodass die braven Bürger nicht in ihrem Schlaf gestört werden. Sogar die kleine, nahe bei meinem Haus gelegene Disco ist komplett schallisoliert, sodass kein Lärm nach außen dringt. Nur manchmal hört man eine zu Boden klirrende Flasche oder den juchzenden Schrei eines nächtlichen Herumtreibers. Kurz gehe ich auf meinen Balkon, um die Luft zu wittern. Es hat geregnet und die Bäume an der Straße tropfen schwer vor Feuchtigkeit. Die Luft ist wie gereinigt von der verdickten Schwüle des Nachmittags, das aufregende Flair der Nacht, die bald ein Morgen werden will, fängt mich für einige Augenblicke ein. Aber dann wende ich mich wieder um, schließe die Balkontür und gehe zurück in mein Zimmer.
 
Magdalena dreht sich unruhig im Schlaf hin und her und murmelt irgendetwas. Ihre Hände krampfen sich in das weiße Satinkissen. Ich betrachte sie. Sie hat wahrscheinlich gerade einen Alptraum, aber ihr Gebaren wirkt auf mich wunderschön. Ihre Finger, wie sie sich ins Kissen krallen und wieder loslassen, ihre wunderschönen Mädchenfinger! Ihre schwarzen, geöffneten Haare, wie sie um ihren Kopf und auf ihren Rücken fallen, auf ihre weißen Schultern und das schwarze Seidennachthemd, das sich sanft an ihren Körper schmiegt! Mein schönes Mädchen, mein Engel der Nacht! Und doch kenne ich sie gar nicht. Faktisch ist sie eine völlig Fremde für mich, denn ich hatte sie vor heute Abend nie gesehen. Und dennoch…es gibt ein Einander-kennen, eine Vertrautheit, die sich über die Wärme der Haut einstellt, über die Berührung von Körper zu Körper. Und plötzlich ist es, als wäre man sich schon immer nah gewesen. Das ist eine Vertrautheit der Seelen, ein wortloses Bekenntnis zueinander, das keine Treueschwüre braucht, kein ‚Ich liebe dich‘, kein ‚in guten wie in schlechten Zeiten‘. Es kann wenige Stunden dauern, oder eine ganze Nacht, aber im Hautkontakt ist man in Ewigkeit verbunden und war schon immer beieinander.
 
Ich lächle. Magdalena ist eine von diesen, bei denen sich die eigentümliche Nähe sofort eingestellt hatte. Ich hatte sie in der Disco aufgerissen, nach drei Bacardi-Colas und zwei Police- Songs hinter einander. Ins Close Up ging ich öfter am Wochenende. Sie spielten dort meine Musik und man konnte dort leicht Frauen kennenlernen. Magdalena stand an der Bar in einem schwarzen Minikleid und trank Baileys auf Eis. Ungefähr fünf Männer, die ich ebenso wie sie noch nie hier gesehen hatte, umschwärmten sie gockelhaft. Jeder kam ihr mindestens einmal so nahe, dass man vermuten konnte, er hätte etwas mit ihr. Magdalena ließ es geschehen. Sie gab sich allen diesen Männern willig hin, schien es mir, floss wie Wasser von Form zu Form. In ihren Augen brannte ein trauriges Feuer. Als wäre es das Wissen um eine Aufgabe, die zu groß ist, sie zu erfüllen, eine Bürde, zu schwer, sie zu tragen, und sie trug die Bürde dennoch, sie erfüllte die Aufgabe trotzdem. Sie war ein Engel, eine Dienerin, das erkannte ich schnell, denn ich war versiert durch jahrelange Erfahrung im Nachtleben. Ich wusste, dass sie jemanden brauchte, mit dem sie sich über ihre Bürde austauschen konnte, jemanden, der ihr ähnlich war. Und ich wusste, dass ich derjenige war. Doch ich traute mich nicht sofort an sie heran. Ihre Begleiter störten. So trank ich eine Bacardi-Cola nach der anderen und wartete meinen Moment ab. Die Stunden vergingen. Schließlich verließen drei der Männer den Raum, nachdem sie sich von Magdalena mit Küsschen verabschiedet hatten. Der DJ legte ‚So lonely‘ von the Police auf. Mir kribbelte es am ganzen Körper. Jetzt sollte ich es wagen. Aber ich traute mich nicht. Da kam mir ein genialer Einfall. Ich sagte mir: Wenn der DJ jetzt noch einen Song von the Police spielt, mache ich sie an. Die Chance, dass im Close Up zwei Stücke einer Band hintereinander gespielt würden, war sehr gering. So hoffte ich, Zeit schinden zu können. Doch als die letzten Akkorde von ‚So lonely‘ verklangen, folgte sofort das Riff von ‚Message in a Bottle‘. Da wusste ich, dass ich handeln musste! Ich bahnte mir einen Weg durch die Tanzenden, bis ich die Bar erreicht hatte. Dann schaltete ich meinen Kopf aus und übergab an meine Instinkte. Ich tanzte dieses schöne Mädchen einfach an, wie von selber umfassten meine Hände ihre Hüften und zogen sie an mich. Und es gab keine Abwehr bei Magdalena. Sie schien zu spüren, dass ich ganz eins mit meiner Absicht war, sie zu erobern, und wurde davon angesteckt, gab sich in meine Arme. Ihr Becken rieb sich kreisend an meinem, wich zurück, kam mir wieder nah. Ich umschlang ihren Oberkörper, und für Sekunden standen wir so aneinandergeschmiegt, wie zwei zusammengehörige Sternenstaubpartikel, die beim Urknall getrennt worden waren und nun wieder zueinander gefunden hatten, sich nun festhielten wie im Irrsinn, um sich ja nie wieder zu verlieren.
 
Ich weiß nicht, wie lange wir miteinander tanzten, wie oft wir uns küssten, wie und wo ich sie berührte, denn all das geschah in einem ekstatischen Fluss. Als ich wieder zu mir kam, saßen wir im Kneipenraum des Close Up an einem Tischchen und sie tupfte mir mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Da hast du dich ja ganz schön verausgabt!“, sagte sie mit einem neckischen Lächeln. „Ja.“, sagte ich, „When the dancer becomes the dance!“  Sie steckte ihr Taschentuch ein und sah mich aufmerksam an. “Wie heißt du?” fragte sie mich. Ich nannte meinen Namen. Sie sah mich wieder eine Zeitlang an, dann erhob sie ihre Stimme, und es schwang etwas Bedeutungsvolles darin mit: “Ich heiße Magdalena.”. Ich sah sie an. Sie war sehr blass, aber angenehm blass, und ihre Lippen sehr rot, obwohl ungeschminkt. Sie trug überhaupt keine Schminke, was ihre natürliche Schönheit gut zur Geltung brachte. Ihre Haare waren schwarz, ebenso ihre Augen, die aber einen gütigen Touch ins Braune hatten.
 
An den Tischen um uns herum war geschäftiges Gemurmel, aber ich hatte das Gefühl, dass niemand uns wahrnahm, dass wir geschützt waren vor den Augen und Ohren der anderen, als ob uns ein Tarnring umgab, so dass wir ungestört reden konnten. Es war plötzlich eine greifbare Stille zwischen uns und das Gemurmel der anderen Leute schien in den Hintergrund zu treten. Sie sah mich mit hellsichtigen Augen an. „Wie du heißt, hast du mir nun gesagt, aber noch nicht, wer du bist.“ Also darum ging es zwischen uns. Ich konnte und wollte nicht ausweichen. „Ich“, entgegnete ich, „bin ein alter Haudegen im Krieg der Engel und Vampire. Ich bin ein Nachtschwärmer, der schon viel Wahrheit in Discos wie dieser gefunden hat. Und wer bist du?“ „Ich“, antwortete Magdalena, als sei damit alles gesagt, „bin Kinderkrankenschwester auf der Geburtenstation.“ „Ich hätte dich für eine heilige Hure gehalten.“, gab ich zu. „Man sieht immer das in anderen Menschen, was man sehen will.“, lächelte Magdalena, „Und vielleicht immer das, was man gerade braucht. Aber du hast recht, ich schlafe mit sehr vielen Männern. Jeder Mann hat ein Kind in sich, das es gilt, auf die Welt zu bringen.“ Ich konnte nicht ausmachen, ob ihre letzten Worte ernst oder ironisch gewesen waren, also nahm ich den Faden auf. „Ich habe vorhin in deinen Augen so etwas gesehen, wie eine Bürde, eine übermenschliche Aufgabe. Vielleicht haben wir uns getroffen, damit ich dir tragen helfe.“ Sie lächelte: „Bist du so eine Art Engel oder Jesus, der anderen ihre Bürde abnimmt? Mmh, ich finde, du solltest dich mehr um dich selber kümmern; woher willst du wissen, ob mir das, was ich tue, nicht ganz leicht fällt?“ Ich schwieg. „Willst du mit mir schlafen?“, fragte sie ernst. Ich nickte. Magdalena beugte sich vor und küsste mich zart auf die Stirn.
 
So begann es zwischen uns. Ich nahm sie mit nach Hause, und wir schliefen miteinander, während draußen der unbemerkte Krieg tobte. Jetzt stehe ich am Bett und betrachte ihren Schlaf. Draußen, über den Bäumen, verblassen langsam die Sterne. Ich lege mich zu Magdalena, drehe sie auf die Seite und berühre ihre Brüste, die sich unter ihrem Nachthemd abzeichnen. Magdalena wacht auf und schaut mich verschlafen an. „Wie spät ist es?“, fragt sie. „Gleich vier.“, sage ich. „Oh!“, ruft sie und schüttelt ihre Haare, „Ich muss los, mich vorbereiten für die Schicht!“ „Schade!“, rufe ich aus, aber halte sie nicht auf. Ein weher Schmerz in meiner Brust begleitet ihren Aufbruch. Ich sitze auf dem Bett und schaue zu, wie sie sich anzieht, leidenschaftslos, aber bereits wach, nicht mehr müde. „Es war schön mit dir!“, sagt sie, als sie fertig angezogen vor mir steht. „Sei nicht traurig, ja?“ Sie beugt sich vor und gibt mir einen Kuss auf die Stirn, wie schon im Close Up. Ich nehme ihre Hand und drücke sie. Dann geht Magdalena. Ich bleibe auf dem Bett sitzen, wie benommen. Jeder Abschied ist traurig. Ich wische mir über die Augen. Jetzt weiß ich, dass ich es bin, der eine Bürde trägt, ich hatte in Magdalenas Augen etwas gesehen, das mich selbst betrifft. Sie ist keine heilige Hure, sie hilft Kindern auf die Welt. Und vielleicht wird sie mir einmal meine Bürde abnehmen. Und es gibt nur in dem Maße Krieg, wie man mit sich selber noch nicht im Reinen ist. Ich gehe in die Küche und koche Kaffee.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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