Jürgen Berndt-Lüders

Den ersten Schritt macht immer der Mann




Marcus ließ heute die Finger von der Fernbedienung des Fernsehers und machte sich auf zum Hauptbahnhof. Dort konnte er frühstücken und Leute beobachten.
 
Sein Blick war auf den Eingang gerichtet, und so bemerkte er recht früh die beiden Frauen älteren Datums, die einen Trolli hinter sich herzogen und nach einem passenden Platz suchten. Obwohl das Lokal relativ leer war, pflanzten sich die beiden ausgerechnet an den Nebentisch und nahmen ihm den Blick auf die große, schwere Eingangstür.
 
Die Kellnerin kam, um die Bestellung aufzunehmen.
 
„Ich hätte gern einen Kaffee mit Sahnehäubchen, so wie der Herr da, und ein Butterhörnchen“, sagte die eine und warf Marcus einen freundlichen Blick zu.
 
„Ich auch“, sagte die andere.
 
„Zwei Cappu und zwei Croissant“, notierte die Kellnerin. „Sehr wohl. Kommt gleich.“
 
„Ich bin ja so froh, dass du mich begleitest, Erna“, bekannte die rechte der beiden und warf einen Blick zu Marcus hinüber. „Allein zu reisen ist immer so umständlich, langweilig und gefährlich. Wer weiß, wer einen da so anspricht.“ Sie lächelte.
 
Erna hob ihren Zeigefinger. „Christine, du bist wieder ausgesprochen deutlich“, fand sie. „Du wirst doch gern angesprochen und verstehst es auch, anderen, vor allem Männern zu zeigen, dass du angesprochen werden möchtest.“
 
Christine sah wieder in Marcus’ Richtung.
 
„Seit Friederich tot ist, bin ich auch überhaupt nicht ausgelastet“, bedauerte Christine. „Dabei könnte ich so manchem rüstigen Rentner noch eine echte Stütze sein.“
 
Eine Stütze bräuchte ich nicht, dachte Marcus. Ich mach' meinen Kram lieber allein. Eher eine Ratgeberin, wenn ich mal Zweifel bei einer anstehenden Entscheidung habe.
 
„Setz’ doch mal eine Annonce in die Zeitung“, schlug Erna vor. "Rüstige Rentnerin sucht Mann, den sie erobern kann."
 
Christine lächelte herüber. „Nein, mein Kind, das habe ich doch nicht nötig. Ich bin kontraktfreudig genug. Ich müsste nur an die Orte gehen, wo sich Rentner aufhalten, die meinetwegen Witwer sind oder...“
 
„...oder die nie verheiratet waren. Dürfte es auch ein Geschiedener sein?“ fragte Erna.
 
„Nein, ewige Junggesellen sind Eigenbrödtler, meist mürrisch und vom Leben enttäuscht. Und Geschiedene haben oft keine gute Meinung von Frauen. Die scheren häufig alle über einen Kamm.“
 
Wie gut, dass ich Witwer bin, dachte Marcus. Eigentlich wäre diese Christine genau richtig für mich. Pfiffig ist sie und nicht auf den Mund gefallen. Sie findet mich wohl auch sympathisch, schaut immer zu mir herüber, lächelt so nett. Aber keinesfalls aufdringlich.
 
„Und weshalb hast du nicht längst deine Fühler nach einem Mann ausgestreckt, meine Liebe?“, fragte Erna. „War noch nicht der Richtige dabei?“
 
„Ich verschaffe mir immer erst einmal ein Bild von dem Kandidaten“, dozierte Christine. „Ich beobachte lange, und je nachdem, wie er auf mich reagiert, ändere ich meine Strategie.“
 
Die Kellnerin kam, brachte den Capuccino und die Croissants und kassierte sofort..
 
Marcus rutschte sich auf dem Stuhl zurecht und versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Jetzt ein freundliches Gesicht machen, und schon würde er Christine erobert haben. Diese schien sein Bestreben bemerkt zu haben, denn wieder warf sie einen interessierten Blick herüber.
 
Schade, dass die beiden verreisen, dachte Marcus. Ich kann sie ja nicht fragen, wohin und wie lange. Dazu ist es zu früh, und es würde wie Neugierde wirken. Wenn sie mich jetzt nicht anspricht, wird aus uns beiden nichts. Sie behauptet ja, dass sie dies täte.
 
„Meine liebe Erna“, rief Christine ultimativ. „Ich glaube, dass wir zum Zug müssen. Wir sind nicht mehr die Schnellsten, und die Uhr zeigt zehn Minuten vor Abfahrt.“
 
„Wo ist denn hier eine Uhr?“, fragte Erna und sah auf ihre Armbanduhr.
 
„Dort, an der Wand, hinter dem Herrn dort. Ich schaue ständig unauffällig dort hin. So bekommst du nicht den Eindruck, es sei langweilig mit dir.“
 
Erna drehte den Kopf hin und her, sah quasi durch Marcus hindurch und bemerkte die Uhr. „Ja, du hast wie immer recht“, fand sie und erhob sich. „Komm, meine Liebe.“
 
„Schade“, bekannte Christine und stand ebenfalls auf. Beide gingen trolliziehend durch den Ausgang.
 
Marcus wusste nicht, worauf sich dieses „schade“ bezogen hatte. Er bestellte sich einen Korn zum Cappu. 
 
Durchsage der Deutschen Bahn AG: Der Zug nach Bad Salzuflen, planmäßige Abfahrt 10:23 Uhr von Gleis 8 hat voraussichtlich  45 Minuten Verspätung.
 
"Kann ich abräumen?", fragte die Kellnerin.
 
Marcus sah flüchtig in die Tassen. "Nein, die Damen kommen zurück. Der Zug hat doch Verspätung."
 
Erna und Christine wuchteten die Trollis zurück durch den Eingang. Marcus winkte. "Sie haben noch zu trinken. Kommen Sie."
 
"Endlich", stöhnte die eroberungstüchtige Christine.
 
Marcus wusste nun, worauf sich das "Endlich" bezog. Er hatte den ersten Schritt getan.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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