Mike Arnold

Nachtgedanken, Ostfront 1943, Winter




Manchmal öffnen Gerüche oder bestimmte Farben ein Tor in die Vergangenheit. Hier, in dem kalten und nassen Grab, das wir Unterstand nennen, war es das Lied eines Kameraden. Gespielt auf einer Mundharmonika war es wohl Abschied vom Walde. Ein Lied, welches mir schon immer Wege eröffnet hatte. Mit halb-geschlossenen Augen träumte ich von den Nadelwäldern meiner bergischen Heimat. Träumte von der Wupper, die lau und träge im Sommer unser Bad war. Von der Schwebebahn des Kaisers, die bei  Wetterwechsel so schön in den Kurven quietschte.

„Achtung!“ schrie der Hauptfeld als der Oberleutnant in den Raum kam. Wir sprangen nicht auf, wie wir es in der Kaserne in Solingen getan hätten, sondern maßen den Eindringling mir den Blicken, fragend, ob er nun unseren Tod befehlen oder warme Mäntel verteilen wollte, die von jungen schlanken Frauen in die grauen Säcke gestopft worden waren. „ Ich brauche einen Posten dort draußen. Ein Melder brachte die Nachricht vom FK.“ Wir schauderten, also doch Tod. Als sich niemand meldete, blickte er mich an, zeigte kurz auf mich und nickte mir zu. „Fünf Minuten, Munition fassen und M 43er.“
Ich grunzte, man schlug mir grienend auf die Schulter. Allgemein war man froh, dort nicht raus zu müssen.
Die schweren, verwanzten Decken machten den Weg aus dem Unterstand frei in die russische klare Nacht. Ein junger HG, ich hatte ihn noch nie gesehen und würde ihn auch nie wieder sehen, nickte kurz, tippte auf die Karte und ließ mich in der Dunkelheit allein.

Ich blickte durch den Feldstecher auf einen dunklen Wald, der schwarz und leer vor mir lag. Der Himmel war bedeckt und so konnten weder Sterne noch Mond meine Sicht verbessern. Nach gefühlten zwei Stunden angestrengten Schauens, ließ ich mich in das Erdloch fallen.

Der Spieß in Solingen war ein Veteran aus dem ersten Weltkrieg und hatte in Verdun die Hölle aus einem Logenplatz bewundern dürfen. Seine Ausbildung verlief ohne Schreien und Repressalien, sondern war auf das Überleben ausgerichtet. Haken unten beim Robben. Wenn Du vorbeischießt, bleib in Deckung. Öffne jedes Fenster eines Hauses, wenn du von innen schießt. Nützlich erschien uns das damals nicht, heute lebten wir nur noch, weil er es uns beigebracht hatte. Seine Frau hatte ein paar Hühner und einen kleinen Garten und zu Weihnachten, bevor wir verlegt worden, lud sie uns zum Essen ein. Lieder wurden gesungen und gute Wünsche ausgetauscht. Wir gingen, den Kopf voller Unsinn und den Magen voll Hähnchen zu dem großen Schlachten.

In dem Wald knackte ein Ast. Ich schreckte hoch, blickte in die Nacht, suchte mit der linken Hand meine Kar. Ein junger Fuchs stand dort an einem Baum. Seine Knopfnase schnüffelnd in die Nacht gereckt, suchte er sicherlich kleine Nager, die seinen Hunger stillen sollten. Ein Fuchs würde immer nur so viel töten, wie er brauchte. Ihm würde niemals einfallen, alle Mäuse des Waldes zu töten, weil sie graue Schwänze hatten. Leise entließ ich die Luft aus meinen Lungen, die ich dort eingeschlossen hatte.

Als ich den ersten Mensch erschoss, starb an diesem Tag nicht nur der junge Russe, sondern auch ich. Tränen liefen mir über das Gesicht und ich fragte mich, was Gott davon hielt, was ich getan hatte. Fast greifbar war mir, dass er mich Mörder nennen würde und keine Ausrede, keine Flucht in den Befehl konnte mich davon befreien. Du lebst durch das Schwert, du stirbst durch das Schwert.
Noch einmal blickte ich mit dem Glas in den Winterwald und mein Fuchs stand immer noch da, schaute mich an, unbewegt, still. Sein Fell war glatt und seine Augen fixierten mich. Es wurde mir sehr unbehaglich und ich schaute weg. Die Kugel riss ein großes Loch in das Brett über mir und ich warf mich auf den Boden. Ein Scharfschütze! Sicher einen Vorhut. Ich riss die Signalpistole hoch und drückte ab. Ein Feuerball stieß in die Nacht und schon ratterten die MG32 durch die Stille. Ich hielt mir die Ohren zu und öffnete den Mund. Da kam sie schon, die 8,8 und rissen die Erde auf.

Der Morgen war nass und mein Kiefer schmerzte, so fest hatte ich ihn geschlossen. Wir sondierten die Lage und schlichen durch die aufgewühlte Erde. Hier und dort sah ich die Überreste eines Menschen. Neben einem sehr alten Baum lag mein Fuchs. Erschlagen und vernichtet, so wie ich es war, lag er da. Eine  Anklage, ein Schrei, ein Befehl. Damit musste heute Schluss sein, nie mehr töten, nie mehr sterben!
Der Truppführer schickte mich zurück zum Schlafen. „Siehst müde aus. Wegtreten!“.

Dort in der Ferne, tief im Walde, da steht geschrieben, so still und ernst das Wort. Vom rechten Tun in meinem Leben und von des Menschen Hort. Ich hatte brav gelesen und lief, wie ich nie wieder laufen sollte. Mein Fuchs lief neben mir, blickte mich an und schien zu lächeln. Wir liefen über weiße Felder und dichte Tannenwälder und über graue Wolken. Als wir schliefen, sahen wir die Menschen, wie sie Tod brachten. Als wir erwachten träumten wir im seidigen Fell unsere Leben.

Wir mussten Mäuse jagen.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Mike Arnold).
Der Beitrag wurde von Mike Arnold auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Mike Arnold als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Finderlohn und andere Stories von Susanne Henke



Dreizehn Kurze mit Biss von einsatzfreudigen Fußballfans, kreativen Werbefachleuten, liebeskranken Kaufhauskunden und modernen Kopfgeldjägern.
Und dann:
"Auf dem Weg zum erfolgreichen Abitur will ein privates Institut seine Schützlinge begleiten. Ein langer, für das Institut lukrativer Weg, denkt Frank, als der etwa sechzehnjährige Rotschopf neben ihm in sein Handy grölt:
'Wir sin¹ grad in Bahn, Digger!'"

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krieg & Frieden" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Mike Arnold

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Aufstieg von Mike Arnold (Gedanken)
Kriegsverbrechen von Paul Rudolf Uhl (Krieg & Frieden)
Die nackte Wahrheit von Klaus-D. Heid (Leidenschaft)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen