Felix Abegg

elendig bedeutungsvoll


Für einen Moment glänzen die klaren Wassertropfen im Sonnenlicht, als sie sich vom Kalkstein der Statue lösen und zu Boden fallen. Die hohen, verspielten Fenster tauchen das Innere der Kathedrale in fahles, sträniges Licht, das kalt und hart von den Wänden reflektiert.
 
Am Fuße der Kanzel, wo sich die Feuchtigkeit gesammelt hat, steht diese graue Gestalt. Formen aus Stein ohne jeglichen Ausdruck, ohne einer weiteren Bestimmung. Denn niemand ist da, der sie wahrnehmen könnte. Die tote Stille füllt den Raum vollständig aus, teilt sich den Platz lediglich mit der erdrückenden Luft. Eine grässliche Dichte des Nichts, stetig wachsend in der Knechtung der Zeit. Niemand an die Statue denkt. Ist sie überhaupt noch, oder nur noch ein Teil der Umgebung? Endlose Leere und Bedeutungslosigkeit bemächtigen sich der Figur aus Stein. 
 
Krachen und Ächzen durchbrechen die Kargheit der Stille, das gewaltige Tor zur Kathedrale schwingt einen Spalt weit auf. Eine bucklige Gestalt humpelt mit donnernden Schritten durch das Hauptschiff, unendlich schleppend, unendlich leidend. Das Nichts füllt sich bei jedem Schritt mit Abscheulichkeit und Elend. Der Atem des Buckligen erinnert eher an ein Stönen, seine Schmerzen scheinen schon seit langer Zeit alles zu durchdringen. Die Holzbänke erzittern, als seine missratenen Füsse unkontrolliert auf den Marmorboden aufschlagen. Eine ekelhafte Kreatur, der sich nicht einmal der Tod selbst erbarmt.
 
Dann plötzlich Ruhe. Der Bucklige ist neben der Kanzel stehen geblieben. Er achtet nicht auf das übertrieben grosse Kreuz über dem Altar. Seine blutunterlaufenen Augen scheinen dem völlerischen Prunk in der Kathedrale, der offensichtlich alles beherrscht, keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. Die schnaufende Gestalt sammelt sich, blickt ängstlich mal nach links, mal nach hinten. Ganz bedächtig, mit einer Anmut, die ihm niemand zugetraut hätte, nähert sich das Fleisch gewordene Elend der Statue aus Stein. 
 
Traurig blickt das junge Gesicht, welches einst ein begnadeter Steinmetz angefertigt hatte, auf den ungewohnten Gast herunter. Mit Neugier betrachtet der Bucklige das Kunstwerk, versucht trotz schwindender Sehkraft alle Details zu erfassen. In filigraner Struktur wird ein Mantel dargestellt, der lose an angedeuteten Schultern herab hängt. Die Statue trägt keine Krone, kein Wappen, keine Rüstung. Sie wirkt weder bedrohlich noch harmlos. Trotz der Einfachheit der Erscheinung strahlt jede Facette eine wundervolle Erhabenheit aus. Das einzig wirklich Ausdrucksvolle sind die Hände, deren Handflächen in einer gebenden Geste vor dem Körper eine Schale zu bilden scheinen. 
 
Nach einem kurzen Innehalten greift der Bucklige beherzt nach vorne. Seine gewaligen, dreckigen Pranken umschließen die zarten Arme aus Stein. Kurz wirkt es so, als würden die gequälten Knochen alles zerstören. Unheimliche Laute, gefolgt von einem angestrengten Röcheln, ertönen durch die Kathedrale. Er versucht sich zu konzentrieren, versucht für einen kurzen Augenblick, das Zittern und Schütteln zu unterdrücken, welches seinen Körper unentwegt zurichtet. Plötzlich klappt er wie ein nasser Sack auf den harten Boden zusammen. Das Dröhnen des Aufpralls schallt in mannigfaltigem Echo wieder, bis es verstummt.
 
Einem Lindwurm gleich schlängelt er sich über den kalten Boden, dreht und windet sich, um erneut auf die Beine zu kommen. Als er sich erhebt, erstarrt sein Körper ganz unvermittelt. Denn ein wohliger Lichtschein erhellt sein schmerzverzerrtes Gesicht. Einem kleinen Funken gleich erfüllt das warme Licht sein Haupt und die Kanzel darüber. Der Bucklige blickt völlig gebannt in den heilenden Schimmer. Mit jedem Atemzug macht sich Erleichterung und Zufriedenheit in ihm breit. Mit jedem Wimpernschlag weicht das Entsetzen aus seinem Dasein. Sanftes Raunen durchzieht den toten Raum der Kathedrale. Ein herrlicher Fluss aus goldgelbem Licht nimmt sich immer mehr Terrain, in tausenden Verzweigungen erhellt es seinen Weg durch die Leere. An Säulen und Bögen, an Glas und Holz, an Büchern und Stoffen, an Haut und Haar hinterlässt es seine wohlwollenden Spuren, ohne dabei an Kraft zu verlieren. 
 
Nach einiger Zeit, aber nur sehr zögernd, reisst sich der Bucklige von diesem Anblick los. Mit einem Quäntchen Glück in der Hand trottet er wieder das Hauptschiff entlang, macht sich auf in Richtung des beschwerlichen Heimwegs. Die weisse Kerze ruht weiter stolz die in den Händen der Statue. Ihre Flamme flackert fröhlich dahin, scheinbar niemals enden wollend. Aus der unwahrscheinlichsten, der geringsten, der niedrigsten Quelle, die man sich vorstellen kann, ist die Bedeutung an diesen Ort und in diese Zeit zurückgekehrt. 
 
Das schwere Tor fällt zurück in die Angeln. Die Kathedrale hat ihre Einsamkeit wieder. Und über das junge Gesicht aus Stein huscht das wundervollste Lächeln, das die Welt je gesehen hat.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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