Patrick Rabe

Schatten

Ich weiß noch ganz genau – das alte Lagerhaus, ein verbotener Ort. Es stand in der Nähe unserer Schule auf einem Fabrikgelände, und wir waren oft dort spielen, Fridolin und ich. Ich war in meinen frühen Schuljahren ein verhaltensauffälliges Kind und hatte keine Freunde außer Fridolin. Aber wir beide, wir waren ein Team wie Pech und Schwefel. Wir lebten fernab der Realität in unserer selbstgeschaffenen Phantasiewelt, die nur uns beiden gehörte. Das alte Lagerhaus, schwarz, langgestreckt unter dem Nachmittagshimmel. Wir zwei sieben Jahre alt. Wir schlichen uns in die Halle, die dunkel und schattig vor uns lag. Sie war fast leer, nur im hinteren Winkel standen ein paar alte Traktoren. Wir hatten Murmeln mit. Aber wir spielten kein gewöhnliches Murmelspiel, oh nein! Fridolin legte seine Murmel auf den Boden. Es war eine große, glänzende Ölmurmel. Ich legte meine, eine kleinere blaue, dazu, und das Spiel begann. „Meine ist eine Sonne!“, sagte Fridolin. „Und deine ist ein Planet, der drumherum kreist.“ Ich nickte. Fridolin platzierte seine Murmel, und ich ließ die meine um seine herumrollen. Fridolin war eine Sonne! Während immer mehr Murmeln unser Planetenspiel bereicherten, betrachtete ich ihn. Mit tiefem Ernst in den Augen verfolgte er das Kreisen der Planeten. Und ich war genau so ernst. Für uns gab es nur noch unser Universum, in dem meine Planeten um seine Sonne kreisten, und es erschien uns wie das natürlichste von der Welt. „He ihr! Was macht ihr hier?! Raus hier!“ Eine kräftige Stimme zerschnitt die Luft. Ich sah auf. Im Halleneingang stand ein Mann in edlem Zwirn mit einem Hut. Er sah aus, wie einem billigen Gangsterfilm entsprungen. „Macht, dass ihr wegkommt!“, bellte er. Wir schnappten uns unsere Murmeln und rannten, was wir konnten.
 
Ich war sechzehn, und bis über beide Ohren verliebt in Sarah Merkant, ein Mädchen aus meiner Klasse. Ich konnte den ganzen Tag an nichts anderes denken, als an ihre langen, braunen Haare. Den ganzen Unterricht über schrieb ich ihr heimliche Gedichte und Liebesbriefe, die ich ihr aber nie gab. Mir fehlte der Mut. Stattdessen deponierte ich sie unter meinem Schultisch. Dort fand sie Marian, mein Erzfeind in der Klasse. Als ich morgens den Raum betrat, stand er in einer großen Menge anderer Jugendlicher und las laut vor: „’ Gewidmet Sarah und der Liebe und der Bank am Teich!’ Hört euch diesen Schmalz an, Leute! Und seht mal, unser Casanova kommt grade zur Tür rein!“ Einen Augenblick stand ich wie versteinert und drohte, rot zu werden, aber dann packte mich die Wut. Ich bahnte mir einen Weg durch meine Klassenkameraden, bis ich direkt vor Marian stand. Ich riss ihm den Zettel weg und verpasste ihm mit der flachen Hand eine schallende Backpfeife. Marian stand da wie erstarrt, er reagierte nicht. Ich drehte mich um und ging zu meinem Platz. Aggressive Befriedigung erfüllte mich. Da sah ich, dass an meinem Platz jemand stand. Es war Sarah Merkant. Hatte sie meine Aktion mitgekriegt? Schüchtern schaute ich zu Boden. Als ich zu ihr rüberschielte, sah ich, dass sie herzlich lächelte.
 
Unsere Hochzeit feierten wir an einem schwülen Augusttag im großen Garten der Merkants. Grillgeruch lag in der Luft, und Wespen saugten die Süße aus den eben reif gewordenen Augustäpfeln. Sarah trug ihr Brautkleid und sah phantastisch aus. Ich liebte sie so sehr! Wie sie dort unter den Gästen stand, lachend, scherzend, Sekt trinkend! Peter rief mir zu: „Hoffentlich wird das Fleisch fertig, bevor das Gewitter los geht.“ Ich nickte. Sarah lief zu Fridolin hin, der in der Nähe des Zaunes stand. Sie umarmte ihn, und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Dann eilte sie wieder zu mir herüber. Ein erstes Donnergrollen war zu hören. Peter verteilte das Fleisch, aber ehe wir zu essen anfangen konnten, trieben uns schwere Regentropfen auf die Veranda.
 
Ich ließ den Brief sinken. Ich konnte nicht glauben, was Fridolin mir hier gestand. Meine Ehe war Jahre lang glücklich gewesen – und nun das. Fridolin sollte ein Verhältnis mit Sarah haben, schon über Jahre! Nun bestellte er mich zu einem Treffen, um reinen Tisch zu machen. Als ich den Ort las, den er anvisiert hatte, rann mir ein Schauer durch die Glieder. Er wollte sich in der alten Lagerhalle mit mir treffen. Warum dort? Aber ich setzte mich in den Bus und fuhr in die Gegend unserer alten Schule. Ich wollte ihm eine Chance geben. Ich verließ den Bus, überquerte an der Schule die Straße und betrat das Fabrikgelände. Eine Reihe von Lampen beleuchtete die Lagerhalle. Ein Schild prangte am Eingang: >Gamble Inn<. Ich betrat den Raum. Im Dämmerlicht standen überall Tische, an denen Menschen Karten spielten und in der Mitte stand ein Roulettspiel. „Kinder, wie sich die Zeiten ändern!“, dachte ich. Aber immerhin war die Halle immer noch so eine Art „verbotener Ort“. Ich ließ meine Augen schweifen und hielt Ausschau nach Fridolin. Schließlich sah ich ihn. Er saß alleine an einem Tisch. Ich ging hin. Er sah sehr smart aus. Edler Zwirn und ein Hut. Er war Filialleiter einer Bank und konnte sich so etwas leisten. Aber für mich sah er aus, wie einem billigen Gangsterfilm entsprungen. „Frido!“, rief ich. „Ich kann nicht glauben, was du mir geschrieben hast!“ Fridolin lächelte. „Glaub’ es nur.“, sagte er. „Es ist alles wahr. Ich habe seit fünf Jahren ein intensives Verhältnis mit deiner Frau.“ Mir blieb die Luft weg. Ich würgte hervor: „Aber Frido, wir waren doch immer Freunde!“ Fridolin erwiderte kalt: „Es gibt keine Freundschaft in diesem Universum. Ich bin eine Sonne und du ein Planet, der um mich kreist. Du warst dafür da, um Sarah in mein Leben zu bringen. Nun hast du ausgedient.“ Ich fasste es nicht. Ich holte Luft, um etwas zu erwidern, da zog Fridolin einen Revolver. „Frido, was hast du vor?“, rief ich. Fridolin richtete die Waffe auf mich und drückte ab. Ein Schuss hallte durch den Raum. Er schoss mir mitten ins Herz. Ich zuckte zusammen, wartete auf den Todesschmerz, auf das laufende Blut. Aber – nichts geschah! Kein Schmerz, kein Blut. Ich tastete nach meiner Brust. Nichts! Fridolin drückte wieder ab. Ich zuckte unter dem Einschlag zusammen. Doch wieder passierte nichts. Meine Nerven gingen mit mir durch, ich wurde panisch. Fridolin schoss zum dritten Mal, mit dem selben Ergebnis. „Frido!“, schrie ich, - ich fühlte mich völlig irreal – „Wieso sterbe ich nicht!?“ Fridolin sah mich ruhig an und sagte wohlwollend und hart zugleich: „Weil du nie gelebt hast. Du bist nur ein Schatten, wie wir alle. So wie ich, Sarah, Marian, Peter, alle.“ Fridolin schoss zum vierten Mal.
 
Ich schrak aus meinem Schlaf und richtete mich im Bett auf. Ich sah zur Decke, wo eine Fliege die Zimmerlampe umsummte. Träges, fahles Frühmorgenlicht suppte durch die Vorhänge. Es war noch nicht die Zeit, aufzustehen. Ich wälzte mich auf die andere Seite.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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