Christa Astl

MÜDE ...

 



(Ein Lebensrückblick)
 

Müde lässt sie sich auf der verwitterten Gartenbank unter dem Rosenbogen nieder. Das ist ihr sommerlicher Lieblingsplatz, seit sie im neuen Haus mitten im Grünen lebt. Sie fühlt sich erschöpft. Hat sie doch zu viel gearbeitet? Klar, der Garten erfordert Kraft, gute körperliche Kondition; das Schubkarren schieben, Steine schleppen zum Festigen des Steingartens, dann dort im steilen Gelände die ausgesuchten Blumen pflanzen, und nun das dauernde Bücken beim Jäten, da weiß sie schon, wovon ihr Knie und Kreuz weh tun.
Aber sie hatte es so gewollt. Aus einem geborgenen, ruhigen, beschaulichen Familienleben ist sie in späten Jahren noch ausgebrochen, es war ihr einfach zu langweilig. Noch hatte sie genug körperliche Kräfte, besaß Energien, hatte Pläne, die sie in nächster Zeit umsetzen wollte.
Eigentlich hatte sie geplant, einige Jahre zu reisen, sich die Welt anzusehen. Doch allgemeine politische, sogar kriegerische Unruhen, Angst vor Gewalt und Terror hielten sie nun davor zurück. Stattdessen ließ sie sich ein kleines Häuschen aufstellen, ganz nach ihren Wünschen. Da möchte sie dann den Lebensabend genießen. –
Von wegen genießen, - sie lächelt still in sich hinein. Hier hatte sie Arbeit gefunden, die sie aber wie einen Schatz hütete. Die körperliche Anstrengung, dabei die Verbundenheit mit der Natur, sie gaben ihr etwas, das sie sich auf keiner Reise hätte kaufen können: innere Ruhe, Beschaulichkeit, Zeit zum Nachdenken.
Sie kann auf ein reiches Leben zurückblicken, auf eine starke persönliche Entwicklung. Sie genießt das Alleinsein, das abendliche Stillwerden, wenn nur noch vereinzelte Vögel ihr Abendlied singen.
Früher hätte sie sich nicht die Zeit dazu genommen, immer hatte sie so viel zu tun, zu viele Pflichten warteten auf sie. Familie, Haus und Garten gaben den ganzen Tag Arbeit, wenn sie nur wollte. Doch sie wollte nicht nur, - ein innerer Drang verpflichtete sie geradezu. Die Nachbarn sollten nichts Schlechtes über sie zu reden haben, Besucher das Haus und den Garten als Schmuckstück vorfinden, so wie sie es bei anderen auch sah. Den Preis für ihre Überforderung musste sie teuer bezahlen. Denn dem Haus fehlte die Seele, ihre Seele, die sich weit in ferne Träume und Wünsche davongemacht hatte.
Einige dieser Wünsche noch zu verwirklichen, das war nun das Ziel ihres Alters.
Sie beginnt, die Tage bewusst zu leben, mit all ihren Sinnen. Sie nimmt sich Zeit, für sich und die Menschen um sich. Und eigenartig, die scheinen das zu spüren, sie muss nicht viel fragen, sie hört zu. Menschen kommen zu ihr, erzählen aus ihrem Leben, berichten von familiären Problemen, von Streitereien mit Angehörigen, von Unzufriedenheit, von Krankheiten, den eigenen und denen ihrer Familien. Meistens sind es einfache Gespräche, sehr persönliche Themen aus dem engsten Umfeld der Betroffenen. Manchmal kann sie einen Rat geben aus ihrer reichen Lebenserfahrung, vielen Leuten ist aber schon geholfen, wenn sie reden dürfen und ihnen jemand zuhört.
Nur manchmal, und das sind ihre Sternstunden, trifft sie besondere Menschen: da ist zum Beispiel eine alte, sehr vornehme Dame, eine ehemalige Universitätsprofessorin, hochintelligent, immer noch an allem interessiert und stets bereit, sich über alles ihre eigenen Gedanken zu machen. Wenn sich die beiden treffen, vergehen die Stunden im Flug. Die Vielzahl der Themen, die sie verbindet reichen von Kunst, Musik, Literatur bis zu Religionen und Philosophie.
Zu ihren Sternstunden zählen auch manche Abendbesuche bei einem Bauern, der großes Wissen über die Heilkräfte der Natur besitzt, der die Geheimnisse des Lebens zu ergründen sucht, wenn er von seinen stillen Beobachtungen von der Gartenbank aus erzählt, und diese dann in verträumten Gedichten wiedergibt.
Nur manchmal kommt leise Wehmut auf. Wenn Menschen aus vergangenen Zeiten vor ihrem inneren Auge auftauchen, fragt sie sich, was aus denen geworden ist, ob sie wohl noch leben?
Und was ist aus ihr selber geworden? Eine alte Frau. Hat sich das Leben gelohnt? Hat sie das erreicht, was sie sich erträumt hat? Was hat sie aus ihrem Leben gemacht?
Noch kann sie diese Frage nicht beantworten, noch ist sie auf der Suche, auf dem Weg. Und irgendwann, irgendwo wird er sein Ziel finden, wo sie dann ihr Leben von einer höheren Warte aus Revue passieren lassen kann. Und irgendwann wird sie vielleicht erkennen, dass sie auch manch Gutes hinterlassen hat. Irgendwann, die Stunde, von der sie weiß, dass sie ihre letzte sein wird, auf die sie jederzeit gefasst ist, - und die Zeit bis dahin versucht sie noch zu nutzen, da darf sie nicht zu müde sein.
 
 
ChA Mai 2012

 

 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.07.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

Bild von Christa Astl

  Christa Astl als Lieblingsautorin markieren

Buch von Christa Astl:

cover

Schneerosen: 24 Geschichten zur Advent- und Weihnachtszeit von Christa Astl



In der heutzutage so lauten, hektischen Vorweihnachtszeit möchte man gerne ein wenig zur Ruhe kommen.
Einfühlsame Erzählungen greifen Themen wie Trauer, Einsamkeit, Krankheit und Ausgrenzung auf und führen zu einer (Er-)Lösung durch Geborgenheit und Liebe. 24 sensible Geschichten von Großen und Kleinen aus Stadt und Land, von Himmel und Erde, die in dieser Zeit „ihr“ Weihnachtswunder erleben dürfen, laden ein zum Innehalten, Träumen und Nachdenken.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (10)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Osterhase Fritzi von Christa Astl (Kinderträume)
Der Stiefvater von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)
DER KRUMME TANNENBAUM von Christine Wolny (Weihnachten)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen