Klaus-D. Heid

Reingefallen

„Herein!“

Arno Fischer lehnte sich bequem in seinem Sessel zurück. Er wusste, was er Schubert gleich sagen würde. Er wusste auch, dass Schubert am Ende des Gespräches ein echtes Problem haben würde!

„Herr Schubert! Was für eine Freude, Sie zu sehen! Gut sehen Sie aus. Urlaub gemacht?“

Heinrich Schubert hatte – weiß Gott! – schon seit Ewigkeiten keinen Urlaub mehr gemacht. Außerdem war ihm klar, dass er mit seinen tiefen schwarzen Augenrändern und seinem eingefallenen Gesicht schlechter aussehen musste, als ein verrostetes Autowrack.

„Hallo, Herr Fischer. Kein Urlaub. Aber trotzdem vielen Dank. Darf ich vielleicht gleich zur Sache kommen, wenn wir ausreichend Freundlichkeiten ausgetauscht haben, ja?“

Fischer registrierte, wie Schubert ihn ansah. Aus Schuberts Augen schlugen ihm kleine giftige Pfeile entgegen. Er wollte also sofortige Konfrontation? Konnte er haben!

„Natürlich, Herr Schubert. Ist ja auch im meinem Interesse. Also? Was kann ich für Sie tun...?“

„Meine Frau benötigt sehr teure Medikamente. Meine Kinder wünschen sich, dass wir endlich mal Urlaub machen. Nichts Großes – nur eben Urlaub. Die Bank fordert Ihren Kredit zurück und mein Wagen macht es auch nicht mehr lange! Kurz: ich möchte bitte ein Darlehen von Ihnen! Und zwar ein Darlehen, dass ich nicht zurückzahlen muss, wenn Sie mich verstehen, Herr Fischer...!“

Fischer lächelte sein Gegenüber an. Na also! Der gute Schubert wollte ihn erpressen. Er möchte gerne Profit aus seinem Wissen ziehen. Vielleicht sollte er noch eine Weile so tun, als ob er nicht verstanden hätte, um was es ging...

„Nicht zurückzahlen? Wie soll ich das denn verstehen, Herr Schubert? Weshalb sollte ich denn mein schwer verdientes Geld an Sie verschenken? Sie meinen doch eine ‚Schenkung’, nicht wahr?“

Endlich nahm Schubert auf einem Stuhl Platz, der wahrscheinlich ebensoviel Geld gekostet hatte, wie Schuberts Auto.

„Keine Schenkung! Aus meiner Sicht ist es eher eine Art zusätzlicher Bonus für geleistete Arbeit. Deklarieren Sie es einfach als Sondergratifikation.“

„Sondergratifikation? So was gibt’s? Donnerwetter, Schubert, Sie sind ja ein wahres Genie. Bestimmt haben Sie sich schon Gedanken über die Höhe dieser Sondergratifikation gemacht? Na, Schubert, dann mal raus mit der Sprache. Umso schneller haben wir beide es hinter uns!“

Jetzt rutschte Schubert unruhig auf seinem Stuhl herum. Vor diesem Augenblick hatte er sich gefürchtet. Er versuchte, mit möglichst fester Stimme zu antworten:

„Eine Million. Ich brauche eine Million!“

In Fischers Gesichtsausdruck regte sich nicht der kleinste Muskel. Es schien, als würde er kein bisschen über Schuberts Forderung erstaunt sein.

„Wie wäre es mit zwei Millionen? Drei Millionen? Eine Milliarde? Möchten Sie vielleicht auch meine Anzüge, meine Schuhe und meine Unterwäsche übernehmen, Schubert? Nur zu! Sagen Sie schon, was Sie sich noch alles vorstellen, damit Sie ein zufriedenes Kerlchen sind! Vielleicht darf ich Ihnen noch meine Frau anbieten? Sie ist zwar nicht mehr die jüngste – aber sie kann hervorragend kochen, Schubert...!“

Die Gleichgültigkeit und Lächerlichkeit, mit der Fischer reagierte, brachte Schubert etwas aus der Fassung. Natürlich wusste er, wie abgebrüht Fischer war; aber trotzdem musste er sich nun zusammenreißen, um nicht laut loszubrüllen.

„Ich habe schon eine Frau. Ihre Milliarden können Sie auch behalten. Was Ihre Anzüge und Schuhe angeht, teile ich nicht Ihren Geschmack, Herr Fischer! Also? Wann bekomme ich das Geld?“

„Wann? Die falsche Frage, Schubert! Fragen Sie mich doch mal, ob Sie’s überhaupt bekommen!“

Es half nichts. Schubert musste nun ein stärkeres Geschütz auffahren.

„Das ich es bekomme, steht außer Frage. Muss ich Sie erst daran erinnern, dass ich, als Ihr Buchhalter, intensive Kenntnisse über Ihre schmutzigen Geschäfte habe? Muss ich erst damit drohen, mich an die Polizei zu wenden? Was geschehen würde, falls Ihre Methoden an die Öffentlichkeit geraten, muss ich Ihnen doch nicht erklären, Herr Fischer. Oder etwa doch?“

Fischer zündete sich eine seiner widerlich stinkenden Zigarren an.

„Erpressung ist ein mieses Geschäft, Schubert! Man braucht dafür Nerven wie Drahtseile und möglichst auch ein absolutes Defizit an Gewissen. Sind Sie gewissenlos, Schubert? Sind Sie so abgebrüht, dass Sie es in Kauf nehmen, als Mitwisser und Mittäter vor Gericht zu kommen? Darüber haben Sie wohl noch gar nicht nachgedacht, wie? Wer hat denn wohl das Geld von Konto zu Konto bewegt? Wer hatte denn einen Einblick in alle Transaktionen? Waren Sie es nicht, der höchstpersönlich Überweisungen in Millionenhöhe auf eine italienische Bank veranlasst hat?“

„Alles nur auf Ihre Veranlassung hin, Herr Fischer...!“

„Und wenn ich Ihnen sage, dass Sie jemanden umbringen sollen? Machen Sie’s dann auch, weil ich es Ihnen gesagt habe? Mitgefangen – mitgehangen, Schubert! Baumele ich am Strick, dann baumeln wir gemeinsam!“

Fischer hatte Recht. Man würde auch Schubert anklagen. Angesichts aller dubioser Geschäfte, zu denen auch Waffenexporte in sogenannt ‚verbotene’ Länder gehörten, würde auch Schubert bis zum Sankt Nimmerleinstag im Gefängnis sitzen.

„Ich war immer nur Ihr Handlanger, Herr Fischer! Wahrscheinlich komme ich sogar mit Bewährung davon. Aber Sie, Sie werden erst wieder aus dem Gefängnis heraus kommen, wenn Ihre Tochter längst Großmutter ist!“

Fiel Fischer darauf rein? Oder war er so siegesssicher, dass er noch immer cool blieb?

„Verstehe, mein lieber Schubert. Sie stellen sich ja gar nicht so blöd an, wie ich Sie immer eingeschätzt hatte. Wenn es nicht ein klitzekleines Einwändchen gäbe, würde ich mich nun regelrecht fürchten. Aber so...“

Was meinte Fischer? Welchen Einwand meinte er?

„Keine Einwände. Die Lage ist absolut klar! Sie zahlen – und ich schweige für immer! Mit der Million kann ich Ihnen garantieren, dass Sie nie wieder etwas von mir hören werden!“

„Der Gedanke, nie wieder etwas von Ihnen zu hören, ist mir durchaus sympathisch. Andererseits kann ich dieses Zustand auch viel preiswerter erreichen, Schubert! Damit bin ich auch schon bei meinem kleinen unbedeutenden Einwand, den ich Ihnen nun vortragen möchte.“

Er sollte aufhören! Was bedeutete schon eine lächerliche Million für Fischer? Diese Summe konnte er leicht aus der Portokasse bezahlen. Was Schubert nun wirklich störte, war der immer noch vollkommen gelassene Ausdruck seines Chefs.

„Ich höre, Herr Fischer...“

„Fein. Dann lassen Sie uns einmal über die harte Realität des grausamen Lebens sprechen, Schubert. Lassen Sie mich Ihnen etwas von der tiefen Schwärze erzählen, die immer nach dem Leben folgt. Sie wissen, was ich meine? Da kann plötzlich alles Mögliche passieren. Sie können von einem Auto überfahren werden, Ihnen fällt ein Dachziegel auf den Kopf – oder Sie werfen sich in Ihrer Verzweifelung vor einen Zug. Es gibt unglaublich viele Varianten, die dem Leben völlig überraschend ein Ende bereiten könnten, Schubert!“

Das war es also. Er drohte seinem Mitarbeiter, ihn umbringen zu lassen.

„Und Sie glauben, Herr Fischer, dass ich keinerlei Vorkehrungen getroffen habe, um mich abzusichern? Mir war doch klar, dass ein Mann wie Sie, der mit dem Rücken zur Wand steht, sogar vor einem Mord nicht zurückschreckt. Sie sollten wissen, dass ich – im Falle meines Todes – einen Brief von meinem Anwalt öffnen lasse, in dem alles steht, was ich über Sie weiß!“

„Sehr geschickt, Herr Schubert. Wirklich! Ausgezeichnet! Meine Anerkennung. Ich finde es auch perfekt, dass Sie Herrn Rechtsanwalt Weinstein mit der Wahrnehmung Ihrer Interessen betraut haben. Wussten Sie eigentlich, dass Weinstein auch mein Vertrauen genießt? Nein? Was halten Sie also davon, wenn wir unsere nette Gesprächsrunde ein klein wenig erweitern? Mein Freund Weinstein wartet draußen vor der Tür, Schubert. Möchten Sie ihm kurz Guten Tag sagen?“

Unmöglich! Das konnte und durfte nicht sein. Alle Papiere, Belege und Unterlagen, die Schubert im Laufe seiner Tätigkeit für Fischer, gesammelt hatte, lagen in Weinsteins Tresor. Wenn der Anwalt tatsächlich zu den gekauften Leuten Fischers gehörte, war die Situation aussichtslos.

„Sie bluffen, Herr Fischer! Ich glaube Ihnen kein Wort!“

„So?“

Fischer drückte auf einen Knopf seiner Sprechanlage.

„Fräulein Elsner? Bitten Sie doch Herr Weinstein zu uns herein, ja?“

Zu Schubert gewandt, sagte Fischer nun:

„Na, mein kleiner Erpresser? So blass im Gesicht? Sind Sie etwa überrascht, dass ich mich nicht von einem so kleinen windigen und billigen Buchhalter erpressen lasse? Was dachten Sie sich denn? Dass ich meine Taschen für Sie leere? Für Sie? Bevor Sie auch nur einen Pfennig von mir bekommen, lasse ich Sie lieber in ein Betonfundament gießen...!

Fräulein Elsner? Haben Sie mich nicht verstanden? Weinstein soll zu mir kommen. Aber etwas plötzlich, wenn ich bitten darf!“

Für Schubert brach eine Welt zusammen. Seinen Job war er los. Geld bekam er auch nicht – und so wie es aussah, endete er wohl als Fischfutter im Teich seines Chefs. In dem Moment, als er überlegte, nun sehr kleine Brötchen zu backen, um vielleicht doch irgendwie aus der Misere herauszukommen, öffnete sich die Tür zu Fischers Büro.

„Guten Tag, Herr Fischer. Hauptkommissar Kramer. Wissen Sie eigentlich, wie lange ich schon auf dieses Geständnis gewartet habe? Herr Rechtsanwalt Weinstein hat übrigens das dringende Bedürfnis, gegen sie auszusagen. Ich glaube, dass auch Ihr Mitarbeiter Schubert eine Menge zu sagen hat. Vermissen Sie Ihre Sekretärin? Ich habe mir erlaubt, sie etwas früher nach Hause zu schicken. Stattdessen konnte Frau Staatsanwältin Ziebarth Ihren hochinteressanten Ausführungen lauschen. Möchten Sie vielleicht einen Blick auf den Haftbefehl werfen, bevor Sie uns begleiten...?“

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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