Manfred Bieschke-Behm

Schweig – Du bist ein direktes Geschenk des Himmels (Nachruf)



„Schweig – Du bist ein direktes Geschenk des Himmels“. Diesen Satz hat meine Tante Martha als Kind von ihrem Vater zu hören bekommen, als sie fragte woher sie käme. „Schweig – Du bist ein direktes Geschenk des Himmels“, diesen Satz hast Du mir gegenüber oft zitiert, er kam Dir oft in den Sinn. Was mag dieser Satz für Dich bedeutet haben? Gab er Dir Frieden?
Deine letzten Lebensjahre waren stille Jahre. Sie waren leise und bescheiden. Dabei war Dein Leben voller Abwechslung, voller Höhen und Tiefen. Oft hast Du mir aus Deinem Leben erzählt. Die Geschichten machten mich manchmal traurig aber auch froh und glücklich. Ich weiß manches von Dir, nicht alles. Aber das ist auch gut so. Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, die er mit ins Grab nimmt. Geheimnisse, die auf ewig Geheimnisse bleiben. Von mir weißt Du nur wenige Dinge, aber vielleicht mehr, als ich weiß. Auch das bleibt Dein Geheimnis.
Ich hatte immer das Gefühl, dass uns mehr als das Familienblut verbindet. Ja, wir waren sehr eng – sehr eng miteinander verbunden. Wir verstanden uns ohne Worte. wir sahen uns nur an, und erfuhren mehr, als Worte es vermögen zum Ausdruck zu bringen.
Dein Leben hatte krumme Wege und auch mein Leben verlief nicht immer gradlinig. Trotzdem haben wir es immer wieder geschafft einen für uns richtigen Weg zu finden. Wir sind Kämpfernaturen.  Das heißt, Du warst eine Kämpfernatur, denn Dein Herz hat nach einhundertacht Jahren aufgehört zu schlagen. Zum Schluss hast Du um Dein leben nicht mehr gekämpft. Du wolltest nicht mehr. Du warst müde. Häufig hast Du zu mir gesagt, dass Altwerden keine Auszeichnung ist, sondern Strafe. Ich habe Dich verstanden und Dich bewundert, wie Du die Strafe ohne Zorn, sondern in Geduld ausgehalten hast.
Ich erinnere mich gerne an den Blick in Dein gütiges Gesicht. Ich liebte Deine tiefen Furchen, Deine sanften Augen und Deinen mild gestimmten Mund. Oft erschienst Du mir müde – müde vom Leben. Und doch gab es das Aufleben, wenn Du mir aus Deinem Leben berichtet hast. Dabei suchten Deine Hände meine Hände. Wir hielten uns fest, ohne Druck auszuüben. Ich vermisse Deine Hände. Sehr.
Bei einem meiner letzen Besuche traf ich Dich singend an. War es Dein Abgesang an diese Welt? Ich setzte mich zu Dir, Du hast mich angesehen, bekamst feuchte Augen und hast einfach weitergesungen. „Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf Dein Fuß…“ hast Du gesungen und dabei Dein Bein leicht angehoben und auf Deine Fußspitze geschaut, als hättest Du erwartet, dass sich tatsächlich ein Vogel auf Deinen Fuß setzt. Sollte es der Vogel sein, der Dich abholt?
Ich glaube, Du warst mit Dir im Reinen. Keine Ängste peinigten Deine letzten Monate und Tage. Du bist ruhig eingeschlafen und hast kurz davor meinen Namen gesagt. Nicht gerufen. leise gehaucht. So, wie Du es Dir immer gewünscht hast, bist Du friedlich eingeschlafen. Für immer eingeschlafen. Deine Lebensuhr war abgelaufen. Für mich tickt die Uhr bis heute – unermüdlich. Höre ich das Ticken einer bestimmten Uhr, weiß ich, dass Du mir ganz nah bist. Dann krampft sich für ein Moment mein Herz zusammen und mir wird bewusst, dass durch Deinen Tot ein Stück meines Lebens weggebrochen ist. Ein großes Stück.
Du hast mich fast ein Leben lang begleitet. Ohne mich ständig zu fragen was mein Leben ist. Du hast es es auch so gewusst. Ich hatte immer das Gefühl, dass du mich beschützt. Noch heute, nachdem Du schon dreizehn Jahre Tot bist, habe ich dieses wunderbare, wohltuende Gefühl. Ich spüre die Seelenverwandtschaft übe Deinen Tot hinaus.
Ich werde nie mehr Deinem Gesicht ganz nahe sein. Wir können uns keine zärtlichen Küsse mehr geben. Das ist vorbei. Für immer. Ich schweige. Denn Du warst ein direktes Geschenk vom Himmel.

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