Margit Farwig

Die Frau ohne Hund

 

Die Frau ohne Hund

 

Wenn ich zurückdenke, vor Jahren, als wir in die neue Wohnung zogen, 1. Stock, da gab es viel zu erobern. Ein großes Haus mit vielen Quadratmetern Wohnraum, das uns gleich ansprach. Und was auch praktisch als Zugabe obendrein ins Auge stach, alles in einer Höhe, alles ohne Treppe, wie es sonst in den gemieteten Häusern der Fall war. Die Schlafräume oder was auch immer, waren nur durch ständiges Auf und Ab zu erreichen. Nun die himmlische Bewegungsfreiheit, Bewegungen, die wir in andere Kanäle steuern konnten. Eine gewisse Rennerei lag mir als Hausfrau aber doch unter den Füßen, spannte sich die vollziehbare Teilstrecke z. B. im Wohn-Eßraum über zwölf Meter, wenn ich vorne anfing zu laufen, um dann nach durchschrittenen zwei Räumen in den Küchentrakt zu gelangen, der sich daran anschloss.

 

Wohlgemerkt, durch eine verschließbare Tür, um die Wohlgerüche aus der Küche nicht in die heiligen Wohnhallen dringen zu lassen. Für ein leichtes Schnuppern reichte es allemal.

 

So, und nun gehen meine Gedanken zurück durch die Balkontür dieser Küche, die sich flink öffnen ließ, auch letzte Brat- und Dünstreste in die Natur entsandte.

 

Wie das so ist, ich werfe einen Blick auf die Terrasse und bin entsetzt. Dort steht breitbeinig, mit langem Rücken, Beinen wie vom großen Kalb, Augen wie vom Hund von Baskerville, gelb/braun, feurig, ein Tier – man nennt es Hund.

 

Dieser Hund schaute mich an, mir rieselte ein Schauer den Rücken hinunter oder waren es zwei? Alle Gedanken über Hunde versammelten sich in Eile und berieten sich, was das werden sollte, wie geht man an solch einen Fall ran, wie begegnet man, ich, diesem Ungeheuer. Blitzschnell fielen mir die jederzeit gängigen Worte ein, die ich, einem Singsang ähnelnd, an alle Arten und Größen von Hunden, säuselnd in die erwartungsvollen Gesichter, das war noch harmlos ausgedrückt, hauchte, natürlich nicht ohne die Gestik einer liebevollen Hundemutter.

 

Diese Art Geräuschkulisse, eine Performance an Vierbeiner meinerseits, kam immer an. Schwanz wedelnd und voll Hingabe öffneten sie mir ihre Hundeseele und wir badeten gemeinsam in himmlischen Momenten, die wir vorher so nicht kannten. Als Frau ohne Hund kam ich mir göttlich vor, ich wurde von Hunden angenommen.

 

Hingebungsvoll beugte ich mich nun übers Geländer, öffnete die Schleusen meiner Säuseleien von Sein oder Nichtsein, von ewiger Freundschaft oder nicht...Jetzt sah ich auch die Gebrechlichkeit, das Grau um die Mundwinkel und das angebliche Feuer in den Augen, das mehr einem flackernden Kerzenstummel glich. Das alte Tier kam in Bewegung, schickte nach Liebe bettelnde Augen hoch zu mir, nach Anerkennung und Wärme. Völlig überrascht, von Mitleid überwältigt, wandte ich mich ihm gänzlich zu. „Ja, du bist ja ein Lieber, so ein liebes Hundchen (das Riesentier), ja, so ein feines Tier (das Fell alt und struppig, stellenweise ohne Haare, glänzend), wer bist du denn?" Seine ganze Hingabe war mir nun sicher. Ich lief in die Küche, nahm eine Schnitte und schmierte dick feine Leberwurst darauf, ein Zeichen von Zuneigung und Freude, wie schön es mit uns werden sollte. Keine Bellerei, nur ein freudiges Raunzen aus verdorrter Kehle, hohoho... Mein neuer Freund versuchte, das Brot zu schnappen, es klappte. Er kaute genüsslich, warf einen dankbaren Blick hoch zu mir. Die Freundschaft war besiegelt...

 

© Margit Farwig  25. 7. 2012

Fortsetzung folgt!

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