Irene Beddies

Flucht zum Mars


 
„Im Weltraum ist kein Platz für Tränen“, hatte Jim wiederholt energisch gesagt.
Miriam schluckte ihre aufsteigenden Tränen herunter. Ihre Kehle schmerzte. Damit Jim nicht sah, wie sie sich fühlte, beugte sie sich über die Instrumente der Steueranlage. Das war eigentlich nicht nötig, denn seit Wochen flogen sie auf der vorausberechneten Bahn in Richtung Mars.
 
Sie waren auf der Flucht.
 
Auf der Erde war durch einen mörderischen Cyberkrieg die Menschheit fast ausgerottet. Im Netz hatten sich vor zwei Jahren die Kontinente untereinander bekämpft, bis kein System mehr funktionsfähig war.  Wasserwerke, die Stromversorgung, Telefonverbindungen und das Verkehrsnetz waren als erstes lahmgelegt. In der Folge gab es kaum noch Nahrung und Wasser, niemand konnte die großen Städte beliefern mit dem Wenigen, das noch mühsam nach den Methoden längst vergangener Jahrhunderte geerntet wurde.
Die Städter hatten versucht, in die Dörfer auszuweichen – aber auch dort  war bald nichts mehr aufzutreiben. Nur an ganz versteckten Orten im Hochgebirge oder im Urwald war geregeltes Leben noch möglich, dort, wo die Menschen noch nie von der Technik abhängig gewesen waren.
Die Erde entvölkerte sich nach und nach: Hunger, Seuchen, raue Sitten, Kampf um jedes Essbare hatte die Zahl der Menschen dezimiert. Es war abzusehen, dass bald alles zivilisierte Leben verschwunden sein würde.
 
Jim hatte vor dem Krieg in der größten Weltraumbehörde der Welt gearbeitet. Dadurch erlangte er Kenntnis von geheimen Projekten. Seine Aufgabe hatte darin bestanden, die Kolonie auf dem Mars zur Selbstversorgung anzutreiben.
Vor mehreren Wochen hatte er ein Raumschiff mit dem letzten, in geheimen Lagern versteckten Treibstoff heimlich bestückt und das Lager mit der Notrationen für die Kolonie geleert und an Bord gebracht. Niemand von den noch Lebenden, die in der Behörde Zuflucht gesucht hatten, weil es dort noch Essbares gab, hatte etwas gemerkt, nicht einmal Miriam, seine Assistentin.
 
Eines Nachts hatte Jim Miriam geweckt und ihr mit vorgehaltener Laserpistole befohlen, die Raumkapsel zu besteigen. Weinend hatte sie gehorcht. Sie wollte die Erde, ihre Heimat, trotz der grausigen Lage nicht verlassen.
Er war zu ihr in die Kapsel geklettert, hatte unter großen Schwierigkeiten die Luken verschlossen und mit einem abenteuerlichen Manöver per Hand die Antriebsdüsen von innen gestartet. Es hatte wider alle Wahrscheinlichkeit geklappt.
Jetzt waren sie auf dem Weg zum Mars.
 
Miriam klammerte  sich an ihre Erinnerungen und an die Liebe zu Maro. Sie wollte die Wirklichkeit ausblenden und malte sich aus, wie ihre Hochzeit gefeiert würde. Aber Maro war tot, ebenso ihre Eltern und ihre kleine Schwester. Sie waren verhungert oder erschlagen worden. Wieder stiegen Miriam Tränen in die Augen. Sie wischte sie heimlich mit dem Handrücken fort. Jim sollte nichts merken.
Er hatte ja recht. Die Flucht zum Mars war ihre einzige Rettung. Dort würden sie auf die Menschen treffen, die schon seit einigen Jahren in der Basis lebten. In der letzten Zeit vor dem Krieg waren sie sogar äußerst erfolgreich in der Anlage von Treibhäusern und dem Anbau von Gemüse und Früchten gewesen. Sie würden genug produzieren, um in Zukunft bestehen zu können. 
 
Ihre Gedanken schweiften wieder ab. Zu gern wäre Miriam damals nach dem plötzlichen Ausfall aller Ressourcen in der Stadt in ihr gemütliches Appartement im 48. Stock des HABO-Centers zurückgegangen, um einige persönliche Dinge zu holen. Aber wie hätte sie Ihre Etage erreichen, 48 Stockwerke auf der Treppe erklimmen können im Stockdunkeln? Sie malte sich den Gestank in ihrer Küche aus, wo die Vorräte aus Kühlschrank und Kühltruhe verrotteten. Wäre Ungeziefer über alles hergefallen? Ratten gar?
Ratten waren sicherlich längst verhungert – oder hätten sie sich von den Toten ernährt? Bei diesem Gedanken versank sie noch tiefer in ihre Trauer. Maro, ihre Eltern und ihre Schwester hatten ein solches Schicksal nicht verdient. Sie mussten im Tod ihre Würde bewahren!
 
Was sollte sie auf der Marsstation? Warum hatte Jim sie gezwungen, mitzukommen? Eine große Hilfe konnte sie ihm in technischen Dingen nicht sein, denn sie war seine Assistentin für theoretische Berechnungen im Space Center. Die praktischen Anwendungen ihrer Erkenntnisse nahm sie kaum wahr, das war Sache der Ingenieure gewesen.
Jim kam zu ihr an die Instrumente. „Wir nähern uns dem roten Planeten. Du kannst ihn durch das Fensterchen schon sehr nahe kommen sehen. In 36 Stunden müssten wir dort sein.“
„Gut. Was erwartet uns dort? Ist man dort auf unsere Ankunft vorbereitet?“, fragte Miriam skeptisch.
„Nein. Es wird für sie eine Überraschung sein, denn wir haben ja keinen Kontakt. Sie müssten uns allerdings schon bemerkt haben.“
„Und wenn sie uns für Feinde halten?“
„Sie werden schon nicht. Immerhin ist unser Logo außen auf der Kapsel deutlich zu sehen, wenn wir noch näher heran kommen.  Das kennen sie und verwenden es selbst noch auf dem Mars.“
 
„Warum hast du mich gezwungen, mitzukommen auf diese irrwitzige Unternehmung?“ fragte Miriam zum, wie ihr schien, hundertsten Mal.
Jim schaute sie nur an und schwieg. Er zuckte resigniert mit den Schultern, als ob er eine Hoffnung aufgegeben hätte.
Dann wandte er den Blick aus dem Sichtfenster und starrte auf den rasch näher kommenden Mars.
 
 
© I. Beddies



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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