Enno Ahrens

Des Söhnleins Begehren

 

„Von wegen, keine adäquate Arbeit. Du gehst heute noch zum Berufsberater.“

„Papa, ich möchte Dichter werden.“

„Das braucht keiner zu werden, Poetik gehört zum Leben. Dichter ist man.“

„Ja, Papa, und als Schriftsteller muss man schreiben.“

„Ja, und als Säufer muss man saufen. Von wegen, nichts als Hirngespinnste. Und Lyrik ist was für Mädchen oder Schwule.“

„Papa, ich beschäftige mich mit psychologischen, moralischen und soziologischen Problemen. Ist doch besonders wichtig in der heutigen

dekadenten Zeit.“

„Du hast nichts gelernt. Deine psychologischen Kenntnisse pfeifen in unserer Wissenswelt eh längst die Kleinkinder aus ihren Pampers. Und der Säufer bleibt ein Säufer, ob er nun trocken ist oder nicht.“

„So nicht, Papa.“

„Populärwissenschaftliche Interpretationen über unser Universum sind gefragt, das wäre spannend, hart dran an den Geheimnissen des Seins. Dazu müssest du erst mal studieren.“

„Ich bin jetzt in einem Internet-Schreibforum. Dort sind lauter Literaten drin.“

„Du dummer Junge!“

„Im Schreibforum lerne ich mich zu vervollkommnen.“

„Was willst du denn vervollkommnen, deine Unvollkommenheit. Geh’ in die Wissenschaft und nimm erst mal ein paar Säufergehirne auseinander.“

„Papa, dessen bedarf meine Poetenseele nicht. Ich kann mich einfühlen in die verborgensten Hirnwindungen der Menschen.“

„Du bist ja nicht ganz dicht.“

„Drum, Papa, lass mich Dichter werden!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.08.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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