Klaus-D. Heid

Hin und Her ...

Kalte schmutzige Wände, auf denen Kakerlaken herumkrochen. Von der ebenso schmutzigen Decke baumelte eine nackte Glühbirne, die mit ihrem schwachen Licht alle Unebenheiten der Wände in tausend böse Geister verwandelte. Überall Ungeziefer. Auf dem feuchten Boden des Raumes paarten sich dicke ekelerregende Spinnen. Würmer wanden sich in der glitschigen Nässe des Betons. Der Raum maß vielleicht drei mal drei Meter. Es gab kein Fenster. Es gab keine Luftzufuhr außer einem winzigen Lufthauch, der einen übelriechenden modrigen Gestank in den Kerkerraum blies. Aus einem kaum sichtbaren Eisenrohr entwich jener Geruch, der intensiv an Verwesung und Tod erinnerte.

Bis auf ein stählernes Bett und einen hölzernen Tisch war der Raum leer. Kein Stuhl, kein Schrank. In einer Ecke des Kerkers befand sich die Toilette. Toilette? Es war nichts weiter, als ein mit Holz umrandetes Loch im Boden. Vom Gestank der Fäkalien angezogen, schwirrten unzählige Fliegen herum.

Er saß zusammengekauert wie ein Embryo auf dem Bett.

Nur einmal am Tag öffnete sich eine kleine Luke in der Tür, um ihn mit dem Fraß zu versorgen, den jedes Tier als Nahrung verweigern würde. Einmal am Tag erhielt er einen blechernen Napf, halb gefüllt mit einem undefinierbare matschigen Brei. Nicht selten bewegte sich etwas in diesem Brei, was ihn aber nicht hinderte, den Brei wie ein königliches Festmahl zu verschlingen. Es hatte sehr lange gedauert. Anfangs verweigerte er die Nahrungsaufnahme, bis der Hunger seine Eingeweide explodieren ließ. Dann versuchte er, die kleinen Tierchen aus dem Brei zu ziehen. Als er jeden Geschmackssinn verloren hatte, ignorierte er schließlich alles, was sich in dem Napf befand. Ohne hinzusehen, stopfte er sich den Brei mit den Fingern in den Mund.

Waren es sieben Jahre? Zehn Jahre? Ein halbes Leben?

Er wusste es nicht mehr. Keine Geschmacksempfindung, kein Zeitgefühl und keine Hoffnung. Alles, was einen Menschen am Leben halten konnte, bestand bei ihm nur noch aus stupiden rhythmischen Bewegungen. Während er gekrümmt auf dem Bett kauerte, bewegte sich sein Oberkörper einem unsichtbaren Takt folgend, vor und zurück. Monoton. Vor und zurück. Immer wieder vor und zurück. Er war nichts weiter, als ein knochiger Mechanismus ohne Seele. Seine Seele hatte er verloren, als er seine Hoffnung verlor.

Langsam erhob sich die Gestalt vom Bett, als ein Geräusch an der Tür zu hören war. Immer das gleiche Geräusch. Immer das gleiche Essen. Immer das gleiche Knarren, mit den sich die kleine Luke in der Tür öffnete. Keine Worte. Der Blechnapf wurde ihm gereicht – und sofort schloss sich die Luke wieder. Kein Gesicht und keine Stimme. Er nahm den Napf entgegen und setzte sich wieder auf das Bett. Wenn er den Brei gegessen hatte, musste er den Napf zurückstellen. Unter der Luke befand sich ein kleines schmales Brett, auf dem er den Napf abzustellen hatte. Tat er es nicht, bekam er am nächsten Tag kein Essen.

Abgesehen von einer zerrissenen Fetzen, der ihm als Hose und gleichzeitig als Decke diente, war der Mann nackt. Die Augenhöhlen waren so tief eingefallen, dass glauben konnte, er hätte keine Augäpfel mehr. Genauso waren seine Wangen eingefallen. Nur eine brüchige lederne Hautschicht bedeckte seine Gesichtsknochen. Die Lederhaut spannte sich auch über den Rest seines abgemagerten Leibes und schien ausgetrocknet wie in der Sonne gedörrtes Pergament. Die Fuß- und Fingernägel waren lang und sahen wie Krallen aus. Wild und zottig wirkte der Bart; seine langen Kopfhaare fielen ihm wirr ins Gesicht. Alles in Allem erinnerte nur noch sehr wenig an ihm an ein menschliches Wesen.

Eine Spinne, die offenbar sehr gut im Spinnenfangen war, kletterte mit ihrem fetten haarigen Körper gemächlich am Bart des Mannes hoch. Sie reagierte trotz der langsamen Bewegung des Mannes nicht schnell genug, um zu verhindern, dass sie von den knorrigen Fingern des Mannes zerquetscht wurde. Achtlos ließ der Mann den matschigen Klumpen aufs Bett fallen, nachdem er sich zuvor die Finger abgeleckt hatte. Sein Verstand hatte längst aufgehört, zu funktionieren. Seine Gehirn war nicht mehr in der Lage, zwischen Gut und Böse oder Richtig und Falsch zu unterscheiden. Alles war nur reine Mechanik, die keinem menschlichen Instinkt mehr folgte.

Weil dieser menschliche Instinkt vollkommen abgestorben war, registrierte der Mann auch nicht mehr, dass sich ein Schlüssel im Schloss der Tür drehte. Es gehörte nicht zu seinem gewohnten Tagesablauf, dass jemand die Tür öffnete und alles, was nicht dem Tagesablauf entsprach, gab es auch nicht. Mit glasigem unbeteiligtem Blick starrte der Mann weiter ins Nichts, als die Tür geöffnet wurde.

„Du bist frei. Geh! Verstehst Du nicht, was ich sage? Du kannst gehen!“

Keine Reaktion. Nur immer wieder das motorische Hin und Her seines Oberkörpers.

„Alle politischen Gefangenen dürfen gehen. Ihr seid alle frei. Frei! Geh jetzt und versuche, noch lebende Verwandte von Dir zu finden. Die Welt hat sich inzwischen verändert, mein Freund. Also geh jetzt und sieh Dir die Welt an, in der wir jetzt leben...!“

Hin und Her. Hin und Her.

Siebzehn Jahre Einzelhaft hatten aus einem Menschen ein inhaltloses Wrack werden lassen. Siebzehn Jahre hatte man den Mann unter unwürdigsten Bedingungen eingesperrt, weil er in der Öffentlichkeit eine andere Meinung vertrat, als die offiziell geforderte Meinung. Er gehörte zu den wenigen, die niemals von ihrem Grundsatz abwichen. So lange blieb der Mann standhaft, bis im Laufe der Jahre seine Wiederstandskraft gebrochen war. Trotzdem hatte er niemandem gegenüber seine Ansichten verraten. Bevor dies vielleicht geschehen wäre, war er in einen todesähnlichen komatösen Zustand gefallen, der ihn zugleich geschützt und vernichtet hatte.

„Warum gehst Du nicht? Du bist frei! Es gibt jetzt die Freiheit aller Religionen, mein Freund. Jeder kann glauben, woran er glauben möchte! Niemand wird Dich wieder wegen deines Glaubens einsperren...!“

Er hörte es nicht. Er verstand es nicht. Er begriff es nicht. Niemals wieder würde er verstehen, was man ihm sagte. Nicht, nach so langer Zeit. Es war zu spät für ihn.

Hin und Her. Hin und Her....

Freiheit ist das Gegenteil von Menschlichkeit. Leider! KDHKlaus-D. Heid, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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