Gaby Wehr

Gentleman trägt “ Armani“

                                        

                                                     Gentleman trägt " Armani"     



Bahnhof Steglitz . Sonntagnachmittag am 12. August . Drückende Hitze , Rennende , Anrempler ,nervöse Fahrplanstudierende ,
Küssende, " Hamburger "- Kauende , Winkende,,, sie alle eint eines :  S i e sind stolze Besitzer eines gültigen Tickets .
Ich ,die Aussenseiterin . Meine Fahrkarte ist auf 11.August datiert , habe meine Abreise versäumt . Herzklopfen .


Raum und Zeit waren mir in Berlin  bei Johanna in ihrem grossen Liebeskummer abhanden gekommen . Immer wieder bäumte sie sich
in Tränen auf . Da glaubt man als Mutter seine erwachsenen Kinder ans Leben freigegeben zu haben , da wirft sie wilder Kummer
einem in die Arme zurück.  Nie mehr wird sie "einen anderen so lieben können" wie Felipe aus Barcelona . Auf dem Weg zum Bahnhof hadert
sie ,wie man manchmal in grossem Schmerz mit seinem Leben hadert . Keiner ,so habe sie die Erfahrung gemacht , kein Deutscher
würde mir beim Verstauen meines Koffers behilflich sein ,prognostizierte sie verbittert . In Spanien , jaaa, da sei alles besser gewesen.
Nähme einem jeder Mann sofort das schwere Gepäck aus der Hand  um  behilflich zu sein.  Während der Gedanke um mein Gepäck
das kleinere Übel darstellte ,nagte jener  über eine ungültige Fahrkarte schon eher an meinem Gewissen . Irgenwann wird doch wohl
e i n e Zugverbindung heute noch in meine Pfälzer Heimat gehen - irgendwie muss ich nach Hause kommen auch ohne diese Fahrkarte
und wenn ich einfach aufspringe !   Zahle fast jeden Preis !

Quietschend -pfeifend fährt vor mir auf Gleis 5 der ICE in Richtung Süden ein. Schon stehe ich unberechtigterweise auf der untersten Stufe
von Wagen 205 und spüre nicht mal mehr das Gewicht meines Gepäckes am Arm. Quetschend,drängelnd, vorwärtsschiebend , die Gänge
entlangdrückend ,süsslichen Schweiss verströmend , ungeduldige Reisende ,überlastetes Personal .  EINE  blinde Passagierin.
Gesicher aus belegten Abteilen . Da !  Eine junge Frau mit Kleinkind auf dem Arm nickt mir aus einem Abteil jetzt entgegen um mir einen
freien Platz zu signalisieren . Alle anderen vier Passagiere stieren müde oder gelangweilt vor sich hin ,als ich mich hereinzwänge.
Müdigkeit  wird spürbar, doch ich habe es fast geschafft . Es geht los :  Laaaaaaaaangsam Koffer anheben , tiiiieeef durchatmen ,um dann
mit stählernem Willen ..1...2..3..  zum Schwung ansetzen . Keiner hat's wahrgenommen . Geschafft ! Mein Koffer ist treffsicher in der Ablage
gelandet und ich falle in meinen Sitz.

 

Schaffnerin mit stereotypem  " Noch jemand zugestiegen ?"  erscheint . Welch' glücklicher Tag ! Natürlich sei diese Fahrkarte übertragbar auf
die gleiche von mir gewählte Kategorie des ICE-Betriebes ,meint sie . " Lediglich der Reservierungsanspruch entfällt " ,fügt sie hinzu, während ich
längst vorzüglich sitze und mit Belustigung  zu dem brabbelnden Kind hinüberschaue , welches immer wieder sein leeres Milchfläschchen
auffordernd dem jungen Mann hinüberwirft . Der lächelt bald seltener , da in ein Dokument vertieft . Vielleicht schreibt er morgen Klausur...
Daneben schaut ein akkurater Polizeianwärter in stetem Wechsel auf seine Armbanduhr und zum Fenster hinaus ; vielleicht hat er in einer
Stadt am Sonntagnachmittag seinen Einsatz wegen angesagter Demo, wer weiss....
Immerhin dafür erholt sich ein Älterer in beiger Wanderjacke an meiner Seite beim Auspacken einer deftigen Käsestulle ,was den Typen
in schwarzer Lederkluft daneben ,der dem Abteil seinen zirpenden Handyton immer wieder preisgibt ,garnicht stört . Er scheint
einen Gebrauchtwagenkauf auszuhandeln . Total abwesend ist der junge Mann gegenüber mit dem dicken ,grausen Haarbüschel im Nacken,
gehalten von einem bunten Webband . Wenn er nur seine üppige Haarpracht zur teilweisen Verhüllung seines unrasierten Gesichtes nutzen
könnte ,das wäre toll, dachte ich so vor mich hin....  er stierte aber zu Boden ,rhtythmisch wippende  Westernstiefel-Spitzen , Stöpsel in
den Ohren , aus denen ein leises Gewummere seines Hipp-Hopp das ganze Abteil versorgte : ram-ratamm-ram...

Grossbahnhöfe im Vorüberfliegen . Letzte Stunde der Reise angebrochen .Nurmehr Mutter mit Kind ,der wild- wippende Musikfreund , ein eben
zugestiegener Gentleman  in edlem Tuch gekleidet , ich schätze " Armani" ,aber in seine Zeitung vertieft und ich sitzen zusammen . Baby
schläft tief , die Mutter lächelt herüber . Wir beiden können ein lockeres gespräch über Herkunftsbahnhof , Reiseziele, Erziehungsstile und Jobs
anstellen ,denn keiner der anderen scheint wirklich anwesend zu sein . Sie pendele zwischen Hamburg - Freiburg zum Ehemann und führe
deshalb nur eine Reisetasche mit ,meint sie . Dies wiederum veranlasst mich die Erfahrungswelt meiner Tochter mit Koffern in span.Zügen
kundzutun :  " Es soll in unserem Land keine Kavaliere mehr geben ,die einem die schweren Koffer tragen helfen , meinte meine Tochter " ,
begann ich  " in Spanien seien die Männer da hilfsbereiter  " . " Armani - Mann " schielt kurz herüber . Während wir den vermeintlichen Grund,
warum keiner mehr einer Dame den Koffer trägt , ausdiskutieren , erneutes Geschrei des aufgewachten Babies ,was unseren philosphischen
Erläuterungen ein Ende macht.

Mannheim Hbf naht .Langsam schonmal erhebe ich mich . Der Zug fährt ein . Blitzschnell springt plötzlich Hipp-Hopp-Freund vom Platz hoch ,
greift blind nach meinem Koffer im Netz ,stellt ihn mir vor die Füsse ..........um weiterzuwippen .


 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Gaby Wehr).
Der Beitrag wurde von Gaby Wehr auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • linus48gmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Gaby Wehr als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Henker von Lemgo von Bettina Szrama



Hexenverfolgung in Lemgo, über das Leben der letzten verurteilten Lemgoer Hexe Maria Rampendahl und des Scharfrichters David Claussen. (1654 bis 1681)

Brillant recherchiert, gekonnt umgesetzt: Hexenprozesse, Liebesgeschichten und eine starke Heldin – dieser historische Roman hat alles, was ein spannendes Buch braucht.

Das Manuskript zum Roman errang 2005 einen 2. Platz beim internationalen Schriftstellerwettbewerb WRITEMOVIES in Hollywood.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Wahre Geschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Gaby Wehr

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Treppe von Gaby Wehr (Wahre Geschichten)
Willkommen zurück im Leben! von Bea Busch (Wahre Geschichten)
Durchgeknallt von Klaus-D. Heid (Absurd)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen