Patrick Rabe

Die Begegnung

Und es regnete immer noch. In Strömen. Und es wehte. Wie Vorhänge scheuchten die Böen den Regen voran, ließen ihn diagonal auf die Straße treffen. Ja, es war, als zerfetze der Wind den Regen, denn zwischen den einzelnen Fetzen war Luft, ein Zwischenraum, dann ging es weiter. Und für Michael hatte der Regen noch einen anderen Aspekt. Er brannte, wie Nadelstiche, war heiß wie Feuer, kalt wie Eis, beides abwechselnd. Als er vor die Tür trat, war ihm zunächst, als würde er plötzlich erblinden. Es war stockdunkel und diesig – und nass. So dunkel war es fast den ganzen Tag gewesen. Michael hätte nicht sagen können, ob es kurz nach 20 Uhr oder auch schon Mitternacht war. Es war ihm auch völlig gleichgültig. In seinem Kopf existierten Raum und Zeit nicht mehr. Dabei hatte er um halb Neun einen Termin. Michael war Hobby-Gitarrist. Aber in ihm gab es nur noch eines: das heiße Brennen, das wehmütig leidenschaftliche Verzehren der Liebe. Wahre Liebe. Er war sich da sicher. Noch nie hatte er so für ein Mädchen empfunden wie für Jenny. Bisher hatte er immer nur geglaubt zu wissen, was Liebe ist. Mit einem Mädchen flirten oder ausgehen; aber es war viel mehr. Viel unterschwelliger, viel schöner und viel schmerzlicher. Michael war ein empfindsamer Mensch und er galt in der Schule eher als Außenseiter, über den man gelegentlich spottete. Das ausgerechnet er sich in Jenny verlieben musste, das begehrteste Mädchen der Oberstufe! Sie war unheimlich schön und anziehend, das fanden alle. Sie war sympathisch und umgänglich, oft auch feinfühlig und gutwillig; aber sie war übermütig, o ja! Sie nutzte ihr Charisma dazu, um zu verführen, die Jungen an Fäden zu ziehen, sie zu gängeln. Mit einigen hatte sie schon ein übles Spiel getrieben. Aber Michael verstand sie. Sie hatte es zuhause nie leicht gehabt. Doch in letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass sie sich Roman zuwandte, einem seiner Freunde. Es war anders als bei seinen Vorgängern. Liebte sie ihn etwa? Als Michael zum ersten Mal auf diesen Gedanken kam, entdeckte auch er seine Gefühle für Jenny. Vier Wochen war das jetzt her. Vier Wochen voller Schmerz. Und Eifersucht. Es wurde ja nicht besser dadurch, dass Roman sein Freund war, im Gegenteil. Doch vor einer Woche hatte Jenny angefangen, mit Thomas herumzuflirten. Thomas war anders als Roman. Ernster, nicht so oberflächlich. Es war eine unglaubliche Spannung im Raum zwischen diesen dreien. Und Jenny thronte über allem. Aber Michael wußte, dass Jenny nicht kalt war. Er hatte eine Art Vertrauensverhältnis zu ihr aufgebaut, nachdem sie sich früher, wie die meisten, über ihn lustig gemacht hatte. Nur seine Liebe hatte er ihr noch nicht gestanden, auch aus Angst, dieses Vertrauensverhältnis wieder einzubüßen.
 
Wieder peitschte ihm eine Regenbö ins Gesicht und holte ihn in die Gegenwart zurück. Er krampfte die Finger um das Futter seines Mantels und sah hinunter zu seinem Gitarrenkasten. Doch – Moment – da war kein Gitarrenkasten! Kein schwarzes Etwas mit Kunstleder bespannt, an dem das Wasser hinablief. Vergessen! Und zu spät, ihn noch zu holen. Er war schon zu weit gegangen. Die Straße war einsam und durch die Nebel – und Regenschleier konnte er die alte, stillgelegte Bushaltestelle sehen. Nie hatte man sich die Mühe gemacht, sie zu entfernen, nicht hier, in diesem verlassenen Bezirk der Stadt. Als er sie erreicht hatte, sah er, dass jemand darin saß. Es war Jenny.
 
Jenny fühlte sich wie ausgehöhlt. Mit einem Mal war alles vorbei. Spaß war Ernst geworden. Dabei hatte sie sich von diesem Nachmittag einen besonderen Reiz versprochen. Viele aus ihrer Abiturientenklasse waren zusammengekommen. Man feierte den Geburtstag von Jörn; er wurde achtzehn. In dem Keller, den man für diesen Zweck bereitgestellt hatte, floss ordentlich Champagner, und das war längst nicht alles. Naja, wenn schon. In der letzten Zeit war sie mit Roman zusammen gewesen. Sie mochte ihn sehr gerne. Der einzige Schwachpunkt, den sie hatte, war dieser spielerische Übermut, der sie manchmal überkam, der Reiz, ihr Charisma zu überprüfen. Manchmal verfluchte sie sich deswegen. So hatte sie unversehens etwas mit Thomas angefangen. Mehr oder weniger. Und heute überkam sie dieser Übermut so stark, wie schon lange nicht mehr. Roman und Thomas würden beide zu dieser Fete kommen. Das war die Gelegenheit. Genüsslich, aber immer unauffällig, stachelte sie die Beiden gegeneinander auf. Sie machten Scherze, redeten Blech über Phrasen und langsam aber sicher spitzte sich die Situation zu. Jenny ging kurz ins Bad, um den Lippenstift nachzutragen und als sie zurückkam, blieb ihr fast das Herz stehen. Roman und Thomas lagen am Boden und hingen sich gegenseitig an der Kehle. Um sie herum lagen die Scherben einiger Gläser. Kurz treffen sich die Blicke von Jenny und Thomas, der zuunterst liegt. Da gibt er Roman einen Schlag ins Gesicht, der ihn blitzartig auf die Beine befördert. Thomas läuft das Blut aus dem Mundwinkel, als er keucht: „Bring nicht mich um, bring sie um!“
 
Der Rest waren nur noch Fetzen, umhergewirbelt in Jennys Erinnerung. Umgebracht hatte Roman sie nicht, aber in die Regennacht gestoßen und immer wieder gebrüllt: „Du Schlampe! Du dreckige, verdammte Schlampe!“ Jetzt fühlte sie sich entsetzlich leer. Was hatte sie getan? Und warum? Sie fühlte sich hilflos, einsam. Langsam ging sie durch den heftigen Regen. Da sah sie ein Licht. Es war das trübe Licht einer alten Straßenlampe, die Glühbirne verdreckt und ein großer, roter, getrockneter Farbfleck bedeckte sie so, dass ein faustgroßer Schatten ihren Lichtfall unterbrach. Darunter befand sich eine alte, stillgelegte Bushaltestelle. Jenny seufzte, als sie sie sah. Mit zitternden Beinen legte sie die letzten Schritte zurück. Jetzt konnte sie sich endlich setzen. Der Knoten in ihrem Bauch brach auf, und sie begann, leise zu weinen.
 
„Hi, Na.“ Das war es, was Michael sagte, als er sie so dort sitzen sah. Es berührte ihn tief im Innern, sie so zu sehen, und er fand die richtigen Worte nicht. „Hi, Na.“ entsprach ja nicht mal seinem Gefühl; es war banal – fast peinlich. Jenny blickte auf. Ihre Augen verrieten einen plötzlichen Wandel ihrer dumpfen Trauer. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber ihre Stimme gehorchte ihr nicht mehr, und sie schluckte nur. „Möchtest du, dass ich mich zu dir setze – Jenny?“ fragte Michael zögernd. Den Namen „Jenny“ auszusprechen, machte ihm zu schaffen. Jenny nickte und strich sich ihren Rock glatt. Michael empfand kurz so etwas wie Dankbarkeit und Freude, dass Jenny ihn nicht abwies. Er setzte sich und vermied es absichtlich, sie nach ihrem Problem zu fragen, obwohl es ihm auf der Seele brannte.
 
Jenny wunderte sich über sich selbst. Wie konnte sie glücklich sein, jemanden bei sich zu haben – jetzt, und noch dazu einen Jungen! Jungen hatte doch immer nur ihr gutes Aussehen gekümmert und interessiert. Mit ihr zusammen zu sein war ein Privileg. Aber auf den Gedanken, sie könnte noch mehr sein als Körper, war doch noch kein Junge gekommen! All ihre Exfreunde waren nur oberflächlich an ihr interessiert gewesen – sie wollten sie gar nicht so, wie sie war; sie wollten sie so, wie sie vorgab zu sein. Und trotz dieser bitteren Erfahrung erlaubte sie einem Jungen, sich neben sie zu setzen?!? Gerade in ihrem momentanen Zustand? Aber Michael unterschied sich von den anderen, die Gespräche mit ihm taten ihr gut. Irgendwie fühlte sie sich tatsächlich wohler, als sich Michael neben ihr niederließ. Denn da war nicht nur ein leerer, desinteressierter Mensch, der ihre Situation eventuell ausnutzen wollte. Da war ein Gefühl um Michael herum, das sie wärmte und barg – vom ersten Augenblick an.
 
Michael hatte zuerst etwas wie „`musst nicht weinen“ sagen wollen, aber dann war ihm klar geworden, dass das Jenny nicht helfen würde, und es vielleicht ganz gut war, wenn sie jetzt weinte. So beschloss er, einfach nur da zu sein, denn wenn man dieses Anwesendsein mit etwas erfüllt, kann es oftmals noch mehr bewirken als Worte. Er merkte, wie sich etwas in Jenny löste und wie seine Nähe auch sie erfüllte. Und mit der Zeit hörte sie auf zu weinen, und ihre Haut sog die zurückbleibende Feuchtigkeit auf  Sie sah hoch. Jennys und Michaels Augen begegneten sich einen Moment lang. Doch was Michael da anblickte, waren nicht die Augen der Jenny, die er sonst zu sehen bekam. Sie waren wie gereinigt von diesem oberflächlichen Gehabe; sie waren von einer neuen Qualität erfüllt: von Wahrheit.
 
Jenny war schon oft, wenn auch meist unabsichtlich, das Gefühl gegeben worden „du bist nichts wert“. Das erste Mal vielleicht, als sie erfuhr, dass ihre richtigen Eltern sie zur Adoption freigegeben hatten. Da hatte sie sich mit unglaublicher Intensität an ihre Adoptiveltern geklammert, jedes Fünkchen Liebe aus ihnen gesogen. Der zweite große Schlag war es gewesen, dass der Vater sie und die Mutter verlassen hatte – in Jennys Sicht aber in erster Linie sie. Lange konnte sie darüber nicht hinwegkommen. Und nun begann die Zeit, in der sie diese Liebe und dieses Verständnis bei gleichaltrigen Jungen suchte. Doch bald merkte sie, dass es in erster Linie ihr gutes Aussehen war, was ihr die Jungen so hold machte. Was die an ihr mochten, war nicht sie selbst; nur ihr Äußeres. Da begann sie sich einen Panzer zu bauen, einen Panzer aus Gleichgültigkeit, Scherzhaftigkeit, Umgänglichkeit, Verführung und vor allem Oberflächlichkeit: Wenn die alle nicht hören wollen, was ich wirklich zu sagen habe, dann sollen sie es auch nicht zu hören bekommen. Dann spiel`ich ihnen lieber das vor, was sie sehen wollen – ein kokettes, umgängliches, modernes Mädchen. Hinter dieser Maske, dieser Mauer ließ es sich ganz gut leben. Sie war nicht ständig in Gefahr, verletzt zu werden, sie wurde als „toll“ empfunden, alle rissen sich um sie, was sie auch kräftig ausnutzte (sie war schon bald als „Jungsverschleißerin“ bekannt) und so langsam verlor sie das Ziel, jemanden zu finden, der sie mochte wie sie war, aus den Augen. Aber jetzt, als sie Michaels Augen sah, da begann diese Mauer zu bröckeln. Ein winziges Pflänzchen der Hoffnung keimte in ihr auf.
 
Ihre Augen begegneten sich wieder. Michael spürte fast körperlich Jennys Schrei nach Anerkennung. Und vor ihm tauchte ein Bild auf. Das Bild einer Schildkröte unter ihrem Panzer. Jenny, Jenny – ja, ich liebe dich so, wie du bist; ich finde dein Inneres nicht beschämend, ich finde es schön; ich liebe dich; ich liebe dich! Und er wußte, dass er zu ihr durchdringen konnte, dass er derjenige war, den sie suchte, und er ergriff ihre Hand. Sie wehrte ihn nicht ab. Er legte seinen Arm um sie. Da seufzte Jenny, als befreie sie sich von etwas; und als Michael sie wieder ansah, da waren ihre Augen von tiefer Dankbarkeit und von Glück erfüllt. Sanft streichelte sie seine Wange. Da rollte eine Träne aus Michaels Auge. Sein Gefühl überwältigte ihn. Doch nur kurz.
 
Jenny war glücklich. Ihr Keim war Pflanze geworden, strebte zur Sonne. Hier hatte sie das gefunden, was sie so lange gesucht hatte. Und etwas wuchs in ihr, für das „Selbstwertgefühl“ ein zu oberflächliches Wort wäre. „Ich mag dich.“ sagte Michael. Das hatte Jenny schon oft gehört, von ihren „Ex-Lovern“. Aber diese Worte waren so gemeint, wie sie gesagt waren. Wie oft hatte sie sich über Michael lustig gemacht – früher. Und jetzt war er es, der hörte, was sie nicht sagte. Der sich für sie interessierte, der durch ihre Mauern drang. Doch halt – konnte sie das zulassen? Was, wenn sie sich irrte!?
 
Michael spürte intuitiv die Veränderung in Jenny. Plötzlich war etwas zwischen sie getreten, was sie seiner Liebe, die ihre Mauern einstürzen wollte, entzog. Etwas kaltes, leeres: der Zweifel. Michael sah sich bedrängt. Sie löste seinen Arm von ihren Schultern. „Du, Jenny – ich...“ Sie war aufgestanden. Sie stand wieder jenseits des Schutzes der alten Bushaltestelle. „Michael“ sagte sie – die Jenny, die er gewöhnt war – „Lass` es lieber!“ Seine Beine waren wie taub; seine Zunge schien erstarrt; er konnte nichts tun, um zu verhindern, dass sie weg ging. Und es regnete immer noch....

(Diese Geschichte schrieb ich mit 16. Nachdem ich mich von den Genres Horror und Krimi abgewandt hatte, die ich zwischen 12 und 15 beackert hatte, war dies mein eigentlicher Start ins Schriftsteller-Sein! Obwohl mein damaliges Alter deutlich aus der Geschichte spricht, bin ich doch nach wie vor sehr stolz auf sie. Ich widme sie hier "Jenny".)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Gottes Zelt: Glaubens- und Liebesgedichte von Patrick Rabe



Die Glaubens-und Liebesgedichte von Patrick Rabe sind mutig, innig, streitbar, vertrauens- und humorvoll, sie klammern auch Zweifel, Anfechtungen und Prüfungen nicht aus, stellen manchmal gewohnte Glaubensmuster auf den Kopf und eröffnen dem Leser den weiten Raum Gottes. Tief und kathartisch sind seine Gedichte von Tod und seelischer Wiederauferstehung, es finden sich Poeme der Suche, des Trostes, der Klage und der Freude. Abgerundet wird das Buch von einigen ungewöhnlichen theologischen Betrachtungen. Kein Happy-Clappy-Lobpreis, sondern ein Buch mit Ecken und Kanten, das einen Blick aufs Christentum eröffnet, der fern konservativer Traditionen liegt.

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