Xuan Hy Nguyen

Das Schneeglöckchen


 

Es war einmal eine lebensfeindliche Eiswüste. Weit erstreckte sie sich über sieben Meilen und noch nie wurde ein Schatten eines Lebewesens dort gesichtet. Eine schneeweiße Wüste war es, die in der Lage war jedes Herz, obgleich eines Menschens oder eines Tieres, von innen heraus einzufrieren, sobald dieses Wesen auch nur ein Fuß auf die Wüste setzte. Fauchte einmal wieder der Sturm über die Eiswüste, so sah es vom weitem so aus, als würde ein kreischender Phoenix über die Wüste fliegen und man spürte die Knochen durchdringende Kälte des Eissturms noch in der Zivilisation.  Stand man vor der Wüste, so sah man nichts außer ein Unendliches Weiß. So glaubten viele Menschen, die in einer Zivilisation viel weiter südlich von der Eiswüste lebten, das Ende der Welt sei weiß und unendlich.
 
Doch was sie damals nicht wussten: Nördlich, hinter diese sieben Meilen Wüste, befand sich ein Gebirge, das auf der einen zur Eiswüste angrenzenden Seite genauso steil wie tödlich war. Auf der anderen Seite grünte es und blühte es wie im Paradies. Aus den Bergen stürzte ein hoher Wasserfall, der in einen wunderschönen, glasklaren Bach mündete, welcher sich elegant und schwungvoll mit wundersamen Kurven durch den kleinen Wald schlängelte. Ein wunderhübsches Mädchen lebte hier; seine Schönheit übertraf alle Prinzessinnen, die auf dieser Erde existierten. Seine türkisblaue Augen strahlten wie die kostbarste Rubine auf dieser Welt, seine Haare trug die unschuldige Farbe des Schnees, während seine Haut den zarten, hellweißen Blütenblätter einer Rose glichen.
 
Sein Herz war so rein und gutmütig, sodass sein Herz nachts leuchtete, wie ein Gestirn, das auf Erden lebte.
Tagsüber versuchte das neugierige Mädchen immer wieder die hohe Gebirgswand zu überqueren, da es sich fragte, was wohl hinter diesen Bergen sein könnte, doch es scheiterte immer wieder. Nur einmal in seinem Leben wollte es vom Gipfel aus seine Blicke in die Ferne schweifen lassen. Manchmal fühlte es sich einsam, da kein einziges menschliches Wesen mit ihm kommunizieren konnte. Es wusste noch nicht einmal warum es überhaupt existierte. Bei jedem Vollmond verließ das Mädchen sein Zuhause, um Heilkräuter zu sammeln.
 
Eines Nachts hörte es bei Vollmond ein seltsames Keuchen im Wald und fürchtete sich. Doch seine Neugier überwiegte, sodass es diesem Geräusch vorsichtig folgte. Das Mädchen entdeckte einen vom Krieg verwundeten, jungen Mann, der mit übernatürlichen Kräften der Todesangst die Eiswüste überquert hatte, um seinen Feinden zu entkommen. Mit letzter Kraft stotterte er das Wort „Hilfe!“, bevor er zusammenbrach. Der Krieg westlich der Eiswüste hatte die Seele des Mannes gebrochen und das leuchtend rote Blut, das über seine Wangen floss, füllte die Welt des Mädchens mit einer fremden Farbe, welche das Mädchen zuvor noch nie gesehen hatte. Das Mädchen zögerte, da das vom Kampf zerstörte und vom Blut überzogene Gesicht des Mannes ihm Angst machte.
Doch die unendliche Güte des Mädchens überredete es dazu den Mann zu heilen.
 
Zuhause angekommen, wischte das Mädchen behutsam sein Blut ab, säuberte seine aufgerissenen Wunden und bedeckte sie mit Heilkräutern und wiegte den Mann sanft in den Schlaf. Im Morgengrauen ging die Sonne auf und erhellte den ganzen Himmel. Alles erwachte zum Leben. Ein fröhliches Vogelgezwitscher statt panische, chaotische Schreie, ein erfrischender Duft der Blüten und Bäume statt stinkende Gerüche der verfaulten Leichen auf dem Schlachtfeld, ein leises, beruhigendes Rauschen des Wasserfalls statt klirrende Geräusche der tödlichen Schwerter. Plötzlich spürte der junge Mann eine seltsame Stille in seiner Seele. Mit seinen kritischen Blicken begutachtete er diese paradiesische Idylle. Er war der felsenfesten Überzeugung, dass diese Landschaft eine Fata Morgana sein musste.
 
Unmöglich erschien ihm die Wirklichkeit, dass er dem Krieg entfliehen konnte und sein Misstrauen wuchs weiter, als ihm das Mädchen eine Schale mit kristallklarem Wasser des Baches überreichte. Er sollte das Wasser aus der Schale trinken, doch er tat es nicht, stattdessen starrte er das Mädchen nur sprachlos an. Er konnte es kaum fassen, dass ihm ein Mensch begegnete. Denn die Menschen, die ihm bisher im Krieg begegneten, waren keine Menschen, sondern sie waren grausame Tiere. Entweder er tötete sie, oder sie töteten ihn. Unbeholfen stand das Mädchen da mit ausgestreckten Armen, die die Wasserschale hielten. Das Mädchen und der Mann, beide waren sehr schweigsam und keiner gab auch nur einen einzigen Ton von sich. Mit dem ersten Schluck Wasser füllte der Mann seinen verletzten Körper mit einem wundersamen Elixier des Lebens und merkte, wie dieses reine, unberührte Mädchen nicht nur seine Wunden heilten, sondern auch seine Seele. Er vertraute dem Mädchen und so begann er von seinem Leben zu erzählen. Manchmal zuckte das Mädchen zusammen, da er grausige Details aus dem fürchterlichen Krieg erwähnte, die es teils nachvollziehen konnte und teils nicht verstand. Das Mädchen fragte ihn neugierig was sich hinter dieser monumentalen Gebirgskette verbirgt. So erfuhr es von der lebensfeindlichen Eiswüste und von seiner Zivilisation am Ende der Wüste.

Der Mann und seine Geschichten faszinierten das Mädchen und auf einmal wurde er zum absolut wertvollsten Wesen, das das Mädchen jemals kannte. Das Mädchen begann den Mann zu lieben. Auch der junge Mann liebte es, denn das Mädchen besiegte mit der Leuchtkraft seines Herzen all die bösen Schatten seiner Albträume. All diese Albträume, in denen die grausigen und unmenschlichen Bilder der Zerfleischung eines menschenähnlichen Wesens, zwar nur flüchtig auftauchten, jedoch ausreichten um ihn zu traumatisieren. Er liebte das Mädchen sehr und verglich es oft mit einer schneeweißen, unschuldigen Blüte. Eines Nachts bei Vollmond berührte er das Mädchen lustvoll und umgarnte sie mit seinen Armen. Das Mädchen reagierte anfangs leicht geschockt, es spürte bedrohliche Nähe des Mannes und die lodernde Flamme in ihm. Doch dann versanken beide in der Leidenschaft und ihre Körper vereinten sich innig unter dem Lichte des Vollmondes.
 
Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Mann von dem Mädchen, da er in seine Heimat zurückkehren musste. Er wusste, dass er der einzige Mensch auf Erden war, der diese tödliche Eiswüste lebend überqueren konnte. Auch wenn er das Mädchen mitnehmen würde – es würde sterben. So versprach er dem Mädchen, in zwei Jahren wieder zu kommen, um es abzuholen und versicherte dem Mädchen seine unendliche, ewige Liebe.
 
Als die Sonne aufging, trat er seine Heimreise an. Das Mädchen war sehr traurig und glitzernde, heiße Tränen flossen aus seinen Augen. Es hatte sehr viel Angst zu der schon längst vergessenen Einsamkeit zurück zu kehren. Im Inneren des Mädchens war es kraftlos und leer, als würde eine Hälfte fehlen. In den Gedanken des Mädchens tauchte der Mann auf – in den Träumen des Mädchens tauchte der Mann auf. Es erinnerte sich genau an die Körpertemperatur des Mannes, als säße er ganz nah neben dem Mädchen. Manchmal glaubte es die Stimme des Mannes zu hören, es glaubte seinen Schatten gesehen zu haben.
 
Erschöpft kam der junge Mann in seiner Heimat an und sehnte sich anfangs ebenfalls nach dem Mädchen. Erstmals, seit Jahren wieder, erblickte er wieder die wunderschönen, jungen Frauen seiner Heimat, die sein Herz auf Anhieb zum Brennen brachte. Die eine Frau verglich er mit einer strahlend gelben Lilie, die andere mit einer temperamentvollen roten Rose. Begeistert war er von dieser Vielfalt der Blüten, denn sie trugen die Farben Purpurrot, Vanillegelb, Königsblau und Türkisblau, sie waren nicht nur einfältig weiß. Anfangs hielten ihn seine Gewissensbisse vom überstürzten Handeln zurück. Doch seine Lust und seine Gier erwachten zum Leben und er nahm sich das Recht, all diese Blüten auszukosten und sie zu genießen. Das Bild des blauäugigen Mädchens mit dem weißem Haar verblasste in ihm.
 
Inzwischen sind drei Jahre vergangen. Tagtäglich spielte das Mädchen mit seinen Gedanken, es malte sich aus wo der Mann nur sein könnte, es machte sich Sorgen um die Gesundheit des Mannes, es verfluchte manchmal den jungen Mann, da das Mädchen ihn verdammt noch mal nicht vergessen konnte, es spekulierte über die Zukunft des Mannes, es stellte sich vor wie es so sein würde mit ihm in der „Zivilisation“ zu leben, es dachte an viele, andere, nette, für ihn noch unbekannte Menschen, die ihm in der Zivilisation begegnen werden. Mit allem rechnete das Mädchen, nur nicht mit der unverblümten Wahrheit. Die kristallklaren, blauen Augen des Mädchens verloren die Farbe und seine Haut wurde alt, faltig und blassweiß wie eine erfrorene Leiche. Auch die Leuchtkraft eines unschuldigen, strahlenden Gestirns ging verloren. Denn nun loderte im Herzen des Mädchens die rot glühende Flamme, angetrieben von der Sehnsucht. Mit jedem Tag, der verging wuchs die Sehnsucht des Mädchens nach dem jungen Mann und sie wurde so unerträglich, dass sie sich zu einer unbeschreiblich großen Kraft ausbildete, die das Mädchen dazu zwang einen Entschluss zu fassen.  Entweder starb es dort in seinem Paradies wegen Liebeskummer, oder es missachtete die Warnungen des Mannes und überquerte die tödliche Eiswüste.
 
So machte sich das Mädchen auf den Weg zur Eiswüste. Mühsam kletterte es die rutschige, mit Moos bedeckte Felswand des Gebirges hoch, wobei es jeden Handgriff und jeden Schritt sorgfältig kalkulierte. Die im Moos versteckten, spitzen Felsen durchlöcherten die zarten Hände des Mädchens, sodass sie unaufhörlich bluteten und genauso zerstört waren auch die Fußsohlen. Doch die Kraft der Sehnsucht, tief im Herzen des Mädchens, heilte seine Wunden. Zum ersten Mal im Leben  bezwang es den Gipfel dieser unpassierbaren Gebirgskette. Mit vollem Enthusiasmus setzte es seine Reise fort und scheute nicht die eisige Kälte, auch nicht die lebensfeindlichen Eisstürme, nur die gnadenlose Einsamkeit, die an seinen Kräften zerrte. Die Flamme der Sehnsucht brannte stärker denn je und schützte das Mädchen davor, in dieser gefährlichen Eiswüste einzufrieren. Allmählich gewöhnte sich das Mädchen an diese unmenschliche Umgebung und fühlte sich mit jedem Tag stärker und robuster. Angetrieben von dem Gedanke, irgendwann wieder den jungen Mann tief in die Augen schauen zu können, raste es mit einer übermenschlichen Willenskraft durch die Eiswüste. Es rannte unermüdlich wie ein kleiner Feuerball durch die Wüste und die Tage vergingen und vergingen und vergingen und vergingen…….
 
Zwei Monate vergingen und das Mädchen rannte immer noch, nur merkte es nicht, dass das Feuer all seine Reserven verbrannt hatte. Alles was von dem Mädchen übrig blieb, war ein Skelett, welches von einer zerschlissenen, verwundeten, labilen Hautschicht überzogen war. Doch es war schon fast am Rande der Eiswüste angekommen und sah schon in der Ferne das erste Häuschen. Der Wille des Mädchens befahl ihm weiterzulaufen, doch es wusste, dass es keinen einzigen Schritt mehr machen konnte und brach erschöpft zusammen. Es dachte an den jungen Mann und sprach leise: „Ich liebe dich! Vielleicht sehen wir uns ja im Himmel wieder…“
 
Vielleicht war es besser für das Mädchen, niemals die Wahrheit über den jungen Mann erfahren zu können.
Das Herz des Mädchens brannte jedoch weiter, bis in alle Ewigkeit. Man hatte nie seine Leiche gefunden, nur wuchs an der Stelle, wo das Mädchen gelegen hatte, ein schneeweißes, naives Blümchen.
 
Die Menschen, die am Rande der Eiswüste lebten, staunten nicht schlecht über das weiße Blümchen, das an diesem lebensfeindlichem Ort existieren konnte und gaben ihm den Namen „Schneeglöckchen“. Wenn du genau hinschaust, wirst du entdecken, dass der Stängel des Schneeglöckchens niemals vom Schnee bedeckt wird. Denn das Herz des Mädchens brennt immer noch,  unzwar so heiß, dass jeder Schneeflocken, der zu Boden fällt und zufällig die Pflanze berührt, augenblicklich schmilzt. 
 
 
 
 
 
 
Ende
 
 
 
Xuan Hy Nguyen
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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