Christa Astl

Wege und Irrwege


 

 


„Es irrt der Mensch, so lang er strebt“, ließ Goethe seinen Dr. Faustus sagen. Ich mache des Öfteren die Erfahrung: Es irrt der Mensch, so lang er geht. In manchem haben Spazierwege und Lebenswege große Ähnlichkeit.
Nur ganz wenige Menschen sind in der Lage, ihren einmal eingeschlagenen Lebensweg zu gehen. Viele sind ein Leben lang auf der Suche, stehen an Wegkreuzungen, suchen planlos umher, verlieren die Orientierung, nehmen falsche Abzweigungen, die in die Irre führen oder sich irgendwo verlieren.
Anfangs sieht es so aus, als ob unser Leben vorgezeichnet wäre. Der Einfluss von Eltern, Geschwistern und nahen Angehörigen leitet in eine bestimmte Bahn. Früher war das besonders drastisch, wenn Jungen das Gewerbe des Vaters übernehmen mussten und Mädchen auf ein zukünftiges Hausfrauensein hin geführt wurden.
Schon beim Schulwechsel mit 10 Jahren stehen die ersten Wegweiser, welche Schule, und wo wird diese dann hinleiten? Aufs Studium, auf einen Beruf? Bereits hier gibt es die ersten Fehlentscheidungen, die gar nicht bewusst herbeigeführt werden. Und wenn es dann zur Berufs- oder Studiumswahl kommt, stehst du auf einem großen Platz, von dem aus so viele Wege abführen. Wohin führen sie? Welcher ist der Richtige? Weißt du denn überhaupt schon, wo du wirklich hin willst?
Diesen Weg musst du erstmals allein gehen, die führende und bisher leitende Elternhand loslassen.
Und dann gehst du den Weg, siehst abbiegende Nebenstraßen, blickst in blühende Hinterhöfe, gehst an verschlossenen Türen vorbei, siehst durch die Fenster, schleichst durch enge, stille Seitengässchen, die wieder abzweigen, kannst dich im Häusergewirr verirren. Und rund um dich ist Leben.
Manchmal triffst du jemanden, der dir den rechten Weg weisen kann, und dann kommst du wo anders und selber verändert, wieder auf die Straße, die befestigte, von Häusern und Zäunen begrenzte Straße. Du siehst Menschen, denen du dich zuwendest, die dich ein Stück, einmal sogar fürs ganze Leben begleiten wollen. Wenn du viel Glück hast, kannst du den Weg dann gemeinsam weiter gehen.
Wenn du dich weiter und von den Menschen entfernst, kommst du in unwegsames Gelände und weit und breit ist kein Wegweiser mehr anzutreffen. Nun bist du auf dich selber, dein Wissen, deine Fähigkeiten, dich zu orientieren angewiesen. Wie geht es dir dabei? Hast du Angst? Angst, nicht mehr zurück zu finden, oder gar abzustürzen? Zugrunde zu gehen? Oder besitzt du den Mut, weiter zu steigen, auch mal zurück zu gehen, einen neuen gangbaren Steig zu entdecken, - und siehst du vielleicht auch, was links und rechts von dem Steig wächst? Dort blüht nämlich das Leben!!!
 
Diese Gedanken kamen mir neulich auf meinem Heimweg durch den Wald. Ich kannte die Gegend wohl, den Weg, den ich dieses Mal einschlagen wollte, war ich noch nie gegangen. Von der Hauptstraße war er durch einen Wegweiser angekündigt. Ich hielt mich an die angegebene Richtung. Der Weg war breit, mäßig steil, eine Schotterstraße. Sturm und Schnee hatten im Winter großen Schaden angerichtet, Baumstämme lagen bereits geordnet am Wegesrand. Traktorspuren durchrissen den Waldboden. Mehrere solcher Spuren ließen noch einen alten Weg erkennen, und so nahm ich eine davon auf, da sie in meine gewollte Richtung führte. Aufwärts, aufwärts, bis zu einem Kahlschlag. Letzte Traktorspuren, dann nichts. Weg- und steglos wuchs lichter Mischwald um mich. Ich begann zu überlegen: Umkehren? Wenn ich gerade aufwärts weiter ginge, müsste ich doch auf den, den Hang querenden Weg, den ich sonst immer gegangen bin, stoßen. Das Gelände war nicht sehr steil, sodass ich mir auch einen eventuellen Rückweg ohne Gefahr abzustürzen erlauben konnte. Also langsam aufwärts, es war doch etwas anstrengend und schweißtreibend, da die Sonne hier durch die Bäume schien. Mit kurzen Verschnaufpausen, die ich auch zur Orientierung nützte, trat ich dann plötzlich, ganz unerwartet auf die breite Fahrstraße, die von meinem Wohnort aus auf mein Ziel „Bärnbad“ zusteuerte. Erfreut ging ich sie ein Stück entlang. Autos fuhren vorbei, kamen mir entgegen, hüllten mich in eine Wolke von Staub. Ich war meinem Ziel schon ziemlich nahe und kannte mich wieder aus. Da, rechts eine Abzweigung, unmarkiert. Die frühere alte Straße von Maria Stein aus, die ich eigentlich von Anfang an gesucht hätte. Wahrscheinlich war sie dem neuen Straßenbau zum Opfer gefallen und nicht mehr vorhanden gewesen. Von dort kam mir nun eine Frau entgegen. Es ergab sich ein längeres Gespräch über Woher, Wohin, über Wanderungen und Berge im Allgemeinen. Dann trennten sich unsere Ziele, sie wollte hinauf, ich nun schon lieber hinunter. Bärnbad kannte ich ja bereits. Das Gasthaus war geschlossen, die Bänke waren sicher wie immer bei schönem Wetter von vielen Wanderern besetzt. Ich hätte dort lieber meine Ruhe gehabt. Also ging ich der alten Straße nach abwärts. Als ob ich sie heute das erste Mal ginge, irgendwie fremd kam sie mir vor. Nun sah ich von links oben den alten, vertrauten Fußweg, also musste er rechts weiter nach unten führen. Geradeaus endete dir alte Fahrstraße vor einem aufgerissenen Graben, ein Relikt vom Bau der neuen Straße. Wo ging mein Weg weiter? Es half nichts, die Straße hatte mich wieder. Nur ein kurzes Stück, dann durfte ich abbiegen. Zwar war es nur eine kleine Abkürzung, doch eine Kehre schnitt ich somit ab. So suchte ich mich von Abkürzung zu Abkürzung durch, verlor an Höhe, kam meinem Dorf doch näher. Der letzte Weg, der mir aus Kinderzeit vom Beeren- und Schwammerlsuchen in bester Erinnerung ist, war wie immer, und rasch erreichte ich die ersten Häuser, und bald auch das meine. Mein Sonnenplatz auf der Terrasse unter der Weinlaube erwartete mich, und gleich konnte ich mich an dampfendem Kaffee stärken.
 
 
ChA September 2012

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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