Michael Reißig

Der Kampf gegen die panische Angst

„Mein Schatz, ich will unbedingt mal im tiefen Wasser schwimmen!
„Warum nicht! Ich bin doch bei dir, da wirst du schon nicht gleich untergehen!”, antwortete Olaf mit einem gewissen Staunen.
Das schlanke Leichtgewicht Andrea hatte sich seit von Kindheit an noch nie ins tiefe Wasser getraut. Nicht dass sie etwa ein Wassermuffel war, der das nasse Element wie der Teufel das Weihwasser fürchtete. Sie litt unter der bis heute noch nicht heilbaren Lungenerkrankung COPD.
Merkmale dieser heimtückischen Erkrankung sind eine Verkrampfung der Bronchialmuskulatur. Des Weiteren ist ein Anschwellen der Schleimhäute in den Bronchien zu verzeichnen. Ebenfalls kommt es zu einer krampfhaften Überblähung der Lunge, sodass ein normales Atmen nicht mehr möglich ist.
Selbst die Überwindung der Stufen, die hinauf zur ersten Etage ihrer Zweiraumwohnung führten, erwiesen sich – je älter sie wurde - als eine immer allmächtiger werdende Hürde. Da ihr, als zwangsläufige Folge ihrer Atemnot, des Öfteren die Puste ausgegangen war, sah sie sich meistens gezwungen, eine kleine Pause einzulegen, um mehrmals kräftig ein- beziehungsweise auszuatmen. Betroffene dieser schwerwiegenden Erkrankung haben nämlich beim Ausatmen die größten Mühen, da auf Grund der Überblähung der Lunge dies nicht in ausreichendem Maße möglich ist.
Dennoch wollte Andrea in den Sommermonaten sich nicht nur in die kühlen Fluten stürzen, um nach einer Abkühlung zu suchen. Viel zu gern wollte sie das Schwimmen erlernen, so wie alle ihre Freundinnen und Freunde ihres Alters auch. Doch ihre Mutter kannte da keine Gnade.
„Das Schwimmen ist nichts für dich! Du bist krank, da hast du im tiefen Wasser nichts zu suchen!“ hatte Mutter Anna dem Mädchen mit harschem Unterton bei weitem nicht nur einmal eingetrichtert. Doch all ihr Betteln half nichts. Was sie sagte, das zählte und damit basta! War Andrea dennoch mal bei ihr zu sehr angeeckt, durfte sie mit ihren Freundinnen nicht spielen und auch Fernsehverbot hatte Anna ihr schon einige Male auferlegt, worauf es tief in ihrem Inneren brodelte, was sie allerdings stets zu verbergen versuchte.


Olaf legte liebevoll sacht seinen Arm um ihre Hüfte und machte ihr zusätzlich noch ein wenig Mut:
„Auf geht’s!“ Das Thermometer hatte an jenem Tag im August bereits am späten Vormittag die dreißig Grad erklommen – ein brütend heißer Sommertag mit rekordverdächtigen Temperaturen schien im Bereich des Möglichen, obwohl sich am Horizont bereits die ersten Quellwolken eines möglichen Gewitters, mächtig zusammenballten.
Nach dem fröstelnden Gang unter die kalte Dusche, kletterte Olaf zuerst in die angenehm-frischen Fluten, während Andrea vor Angst mächtig bibberte, zumal das Becken mit angenehm-glasklaren Wasser schon gut gefüllt war.
Langsam wie eine Schnecke, zog Andrea ihren schmalen Körper in die Tiefe, klammerte sich schützend an der Einstiegsleiter fest, während das Blut in ihren Adern, von einer Sekunde auf die andere, immer stärker rauschte.
Doch als ein andere Badegast im Begriff war, in das Becken zu steigen, sah sich die Frau genötigt, diesem den Vortritt zu lassen...
Was mag Andrea jetzt wohl durch ihren Kopf geistern? In Gewässern die so flach waren, dass das Wasser nur bis in die Höhe ihrer Brust reichte, hatte sie ja schon einige, recht ordentlich anzuschauende, Züge gewagt und auch toll hinbekommen. Dieses müsste doch auch in tiefen Gewässern möglich sein!
„Pass genau auf mich auf!“ mahnte Andrea ihr Dickerchen sorgenvoll.
Im Eifer des Gefechtes merkte die Frau nicht, dass sich die gestrengen Augen des Schwimmmeisters plötzlich auf sie richteten. Ihre spürbare Unsicherheit war ihm natürlich nicht entgangen.
Doch - Schau mal einer an! Fast schon kurz- und schmerzlos, hatte sie sich losgerissen. Andrea schlug ihre Arme und Beine so, wie es sich gehört.
Einer von ihren kühnsten Träumen wurde wahr! Andrea schwamm erstmalig im tiefen Wasser. Sie hatte es gewagt, in eine Tabuzone ihres bisherigen Lebens nicht nur einzudringen, sondern diese auch mit all ihren unsichtbaren Mächten zu zerstören., und wurde dafür belohnt. Zwar schwamm sie nur über Eck, in etwa so um die zehn Meter - aber immerhin – ein Anfang war gemacht!
„Du kannst es doch! Siehst du - es geht doch fast von allein!“ lobte Olaf sein Schätzchen fast schon ein bisschen zu euphorisch. Angetrieben vom Überschwang ihres langersehnten Erfolges, wollte Andrea dieses Kunststück gleich noch einmal in Angriff nehmen. Doch sie zögerte, weil sie keine freie Bahn mehr hatte. Immer mehr Badelustige kreuzten ihre Wege, schlugen Wellen, die ihr Herz erneut in Wallung brachten...
Aber etwa drei Minuten später riss sie sich erneut vom Rand des Beckens los. Als Olaf ihr folgte, stellte der Schwimmmeister den Einundfünfzigjährigen unvermittelt zur Rede:
„Sie bleiben doch dabei?“, fragte dieser mit energisch lauter Stimme nach, um diesem Gekreische und Gejohle frohgestimmter Kinder Paroli zu bieten.
„Mache ich!“ versicherte ihm Olaf vertrauensvoll.
Noch zwei weitere Male wagte Andrea dieses Risiko, was für sie nun plötzlich zwar noch ein Risiko, wenn auch ein wesentlich kleineres, war. Ihre vor kurzem noch unüberwindlich scheinenden Ängste verflüchtigten sich immer mehr.
Doch dann setzte ein aufziehendes Gewitter, das sich bereits am Vormittag mit ersten Quellwolken angekündigt hatte, ihren Bemühungen ein ungewolltes Ende – nicht aber ihrem neu dazugewonnenen Mut...

Andrea nahm sich fest vor, beim nächsten Besuch des Freibades, die komplette Länge dieses fünfundzwanzig Meter messenden Beckens in Angriff zu nehmen.

„Morgenstunde hat Gold im Munde“, sagten sich die beiden und handelten eine Woche später auch danach. Unmittelbar nachdem diese beliebte Freizeitoase, deren feingeschliffene Becken schmuckes Grün umrankte, seine Pforten öffnete, war noch keine Menschenseele im Schwimmerbecken anzutreffen. Lediglich ins Nichtschwimmerbecken hatte sich eine Mutter mit ihrem kleinen Jungen gesellt, der mit seinen Händchen kräftig planschte.
Nach der obligatorischen eisigen Dusche kletterte zuerst Olaf, an jener Stelle in unmittelbarer Nähe der Startblöcke, an der das Wasser eine Tiefe von vier Metern misst, ins Wasser.
Andrea folgte ihr mit einigem Abstand.
Doch plötzlich bekam die gutmütige Frau dennoch gehöriges Muffensausen, obwohl sie erst vor Wochenfrist ihren ersten Schritt so tapfer vollendet hatte.
Mehrfach pustete Andrea kräftig durch und sprach sich selbst den nötigen Mut zu.
„Ruhig bleiben!... Jetzt Andrea, musst du unbedingt ruhig bleiben!“ Diese Phase der Konzentration und des Kampfes gegen ihre lähmende innere Angst, dauerte noch satte zwei Minuten.
Denn wieder hatten diese endlosen Zweifel, die sie schon glaubte, überwunden zu haben, voll zugeschlagen. Auf keinen Fall wollte sie sich ihrer schicksalhaften Angst ergeben, weil dies einen gewaltigen Rückschritt in ihrem Leben zur Folge hätte, zumal Andrea nicht nur mit ihrer COPD, sondern auch mit mächtigen Panikattacken, die ihr Leben besonders schwermachten, zu kämpfen hatte. Stets wenn gewaltige Menschenmassen sich plötzlich um sie schoben, glaubte sie förmlich, diese würden ihr die Luft zum Atmen abschneiden, aber auch bei anderen Stresssituationen, bei denen sie glaubte, nicht gewachsen zu sein, war sie schon des Öfteren Opfer dieser kaum vorstellbaren Panikanfälle geworden...

Endlich gab sie ihrem Herz einen Stoß. Wuchtig stieß sie sich ab vom Beckenrand und plötzlich sollte wieder alles wie von selbst gehen. Sie schwamm und schwamm und dies in einer Schlagfrequenz, dass selbst Olaf, der glaubte in einem falschen Film zu sein, Mühe hatte, ihr an den Fersen zu bleiben. Wen wunderte es: Andrea war ja nur ein dünner Strich in der Landschaft, das ganze Gegenteil von Olaf, der zwar ebenfalls klein gebaut, dafür aber umso mehr in die Breite gezogen war und auch dieser mächtig aufgeblähte Schokoladenbauch schindete den unwiderstehlichen Eindruck, eine bleierne Ente quälte sich durchs Wasser, nicht aber ein toller Schwimmer, der seiner Angebeteten zeigen wollte, wie toll er sich im Wasser bewegen konnte.
Ein wenig erschöpft, aber auch ein wenig schwindelig vor Glück, verharrte Andrea ein Weilchen am Rande des Beckens, um neue Kräfte zu tanken.
Mit stolzem breiten Lächeln im Gesicht kletterte sie aus der Tiefe des Wassers, aus jener Tiefe, die sie einige Wochen zuvor noch wie einen endlosen schwarzen Tunnel verflucht hatte

Nachdem der Zeiger der kleinen Uhr des Bades weitere fünf Sprünge gemacht hatte, kletterte die mutig gewordene Frau erneut ins Wasser. Und wieder überwand sie diese für sie erstaunliche Strecke in einem – aus Olafs Sicht – wahnsinnigen Tempo. Da beherzigte Andrea den guten alten Spruch: „Aller guten Dinge sind drei!”
„Also: Nischt wie rin in die Brühe und los!”, verhalf ihr Olaf mit dem schelmisch grinsenden Mund eines übermütigen Teenagers zum schnellen Handeln...
Und wieder schwamm sie wie eine eins. Plötzlich war ihr jedoch entgangen, dass sie im Überschwang des Vollbrachten ein ganzes Stück vom schützenden Rande abgekommen war. Und siehe da: wiedermal versuchte ihr kleines Herz mit ihr gehörig Schindluder zu treiben, wiedermal hatte sich diese verfluchte Panikhexe mit ihrem unsichtbaren Besen an den Kammern ihres Herzens breit gemacht. Musste das ausgerechnet in jener Region passieren, in der sie ohnehin keinen Boden unter den Füßen zu spüren bekam!
„Ich bekomme Panik!“
„Schwimme doch zum Beckenrand!“, versuchte Olaf beruhigend auf seine Auserwählte einzuwirken. Doch sie tat es nicht, sie erhörte seine Stimme nicht, sie fluchte nur noch über ihr wildes Herz, das unerbittlich wild trommelte, dass sogar zu einem Trommelfeuer mutierte, so dass die Frau fürchtete, das rauschende Blut zu ihrem Herzens würde diesem den Gnadenstoß geben. Andrea flehte ihrem Herzen mit dem scheinbar letzten Mute der Verzweiflung zu: „Mein liebes Herz, lass mich doch bitte nicht im Stich! Ich will doch nicht ertrinken! Das Herz dieser mutigen Frau schien ihre Bitte erhört zu haben, denn ihr Puls schwächte sich, je sichtbarer sie ihrem anvisiertem Ziel näher rückte, merklich ab...
Ein gewisser Anflug von innerer Unruhe hatte sich nun auch in Olafs Gemüt eingenistet. Schon ein wenig überraschend, zumal es ihm bislang in hektischen Situationen ebenfalls nicht vergönnt war, einen kühlen Kopf zu bewahren.
„Bleib ruhig, du hast es doch gleich geschafft!“ Und wenige Sekunde danach war es endlich so weit. Die Frau war am Ziel ihrer Wünsche angelangt. Zwar war sie völlig ausgebrannt, geräuschvoll rang sie sichtlich nach Luft und dennoch strotzte sie nur so, vor lauter Glück.
Als sie sich von diesem schweißtreibenden Panikerlebnis wieder erholt hatte, ließ sie sich sogar noch auf einen kleinen Plausch mit dem Schwimmmeister ein und nutzte diese sich bietende Gelegenheit, die Geheimnisse, die sich um diese schreckliche Krankheit rankten, aus ihrer Sicht zu lüften.
Mit einem kleinen Lächeln gab er ihr aber zu verstehen, dass sie noch viel ruhiger und regelmäßiger atmen müsste, was aber viel leichter gesagt als getan ist, erst recht wenn es galt – so wie bei Andrea geschehen - schon von Beginn der Pubertät an, gegen diese in steter Regelmäßigkeit wiederkehrenden und zudem nur verdammt schwer zu beherrschenden Panikattacken, ankämpfen zu müssen.

„Ich kann schwimmen!“, jubelte Andrea, die euphorisch den rechten Arm nach oben riss. Auf einer Woge überschwänglichen Glückes treibend, fiel sie ihrem Schatz Olaf - der ihr unbeschreibliches Glück auf Grund zahlloser Demütigungen, die ihm, seit dem er vor über einundfünfzig Jahren das Licht der Welt erblickte, über sich ergehen lassen musste – in vollem Stolz in die Arme und drückte ihm einen festen Kuss auf ihren hübschen süßen Mund.

Als sie noch am selben Abend ihre Mutter anrief und mit stolzer Brust durch den Telefonhörer ausrief: „ Mama, ich kann jetzt doch noch richtig schwimmen! Ich habe sogar dreimal die ganze Länge des Beckens durchschwommen“, antwortete sie freudig erregt:
„Da ist doch nichts weiter dabei!“, antwortete Mutter poltrig.
Da erübrigte sich für Andrea jeglicher Kommentar. Als sie noch ein junges Mädchen war, hatte Anna ihr ein striktes Schwimmverbot erteilt und nun hatte sie schon wieder versucht, über die wirklichen Tatsachen von einst, mit ihrem innewohnenden Hochmut, der Andrea schon früher so sauer aufgestoßen war, einen dicken Schleier zu hüllen.
Was für eine Heuchelei! Für Andrea nicht ungewöhnlich. Schon seit ihrer frühen Kindheit konnte sie machen was sie wollte. Ihr etwas recht machen, das konnte sie nie. Bei Anna war sie ständig ins Fettnäpfchen getappt, ganz im Gegensatz zu ihrem Bruder, nach dessen Pfeife sie immer tanzte, wenn nicht gar tanzen musste, weil die Probleme, die dieser Starrkopf ihr so gekonnt aufgetischt hatte, ihr über den Kopf gewachsen waren. Und ausgerechnet das sensible Mädchen, das ohnehin nicht auf Rosen gebettet war, musste dafür büßen.
All dieser Demütigungen zum Trotze - Andrea hatte ein echtes Wunder verbracht, ein Wunder, an das sie selbst vor Monatsfrist noch nicht geglaubt hatte und das im „zarten Alter“ von „grade mal“ dreiundfünfzig Jahren, hatte sie dieses Wunder vollendet!
Ihr war es endlich wiedermal vergönnt, eine von diesen unzähligen, unsichtbaren Mauern, die sich – dank Mutters stetiger Überfürsorglichkeit - in den Tiefen ihrer Seele fest verwurzelt hatten, mithilfe ihres eisernen Willens, zum Fall zu bringen, so wie einst die Berliner Mauer.



Andreas Schicksal hat sehr nachhaltig bewiesen, dass auch bei Menschen, die schon von frühester Kindheit an ein Handicap mit sich herumschleppen müssen, jegliche Art von Überbehütung fehl am Platze ist, was nicht heißen soll, dass an deren Stelle Bruder Leichtfuß treten sollte. Größeren Gefahren sind diese Menschen auf Grund ihrer Einschränkungen schon ausgesetzt. Der Aufbau unnötiger Ängste müsse aber dennoch verhindert werden, zumal diese Kinder dann Gefahr laufen würden, weit über die Schwelle zum Erwachsenwerden hinaus, von dieser schrecklichen Geißel der Angst – möglicherweise sogar für immer - eingeengt zu werden.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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