Marion Bovenkerk

Ein seltsames Erlebnis

 

Deine trüben Augen sind geöffnet. Du schaust mir nach.
Ich hebe die Hand und winke dir zu.
Während ich dein Zimmer verlasse, die Türe hinter mir schließe, überfällt mich ein seltsames Gefühl.
„Sie geht mit,“ schießt es mir durch den Sinn.
Am liebsten würde ich umkehren. Lasse es aber bleiben, warte stattdessen auf den Aufzug.
Die Aufzugtüre öffnet sich. Betrete ihn und drücke den Knopf „Ausgang“.
Der Türmechanismus setzt die schwere Türe in Bewegung
.
Wenn sie sich jetzt wieder öffnet, kommt sie herein,“ schießt es mir durch den Sinn.
Unvermittelt, schon beinahe geschlossen, gleitet die  Aufzugtüre zurück. Mir läuft eine Gänsehaut über Rücken und Arme.
Niemand ist da. Der lange Korridor zeigt sich menschenleer.
Leise, ohne weiteres Zutun schließt sich jetzt die Metalltüre.
Ein starkes Gefühl der Nähe überkommt mich. „Sie ist bei mir,“ denke ich.
Wir (?) verlassen das Krankenhaus.
Heute ist ein klarer sonniger Apriltag, der 12.
Der Gedanke: "Tage, wie diese hast du geliebt". Und:" Ausgerechnet an einem solchen Tag, musst du sterben", fliegt mich an.
Nichts, kann ich gegen diesen Gedanken unternehmen.
Ich schäme mich dafür.
Noch immer umgibt mich das Gefühl inniger Nähe. Diese Nähe umfängt, durchdringt mich.

Gedankenverloren tragen mich meine Füße zum nahe gelegenen Friedhof. Vogelgezwitscher erfüllt die reine Luft.
Am Grab der Großmutter richtet sich mein Blick auf eine Stelle im Gras: "Hier wirst du bald liegen".
Auch dieser Gedanke schleicht sich ungewollt ein.

So ein Unsinn, wie kannst du so etwas denken! Das ist doch alles Quatsch,“ schimpfe ich mit mir.
Augenblicklich, wie ein Luftballon, dem die Luft entweicht, zischt dieses intensive Gefühl der Nähe, hoch hinauf in den strahlend blauen Aprilhimmel.
Voller Bedauern möchte ich diese Nähe festhalten. Möchte sie zurück holen, aber es geht nicht.

Zuhause klingelt das Telefon: „Es tut mir leid“, eine sonore Stimme klingt aus dem Hörer. „Würden sie bitte wieder ins Krankenhaus kommen. Ihre Angehörige ist soeben verstorben“.

Marion Bovenkerk

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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In den Gedichten hat der Autor das lyrische "Ich" durch ein vorwiegendes lyrisches "Du" bzw. "Wir" ersetzt, was eine kollektive Nähe zum Geschehenen hervorruft.
Die sehr eindrücklichen Beschreibungen leben von den vielen Metaphern und Vergleichen.
Eine klare und leicht verständliche Sprache sowie wohlgeformte Reime ermöglichen dem Leser einen guten Zugang zu den Gedichten.
Etwas für Lyrik-Liebhaber und jene, die gerne über das Leben philosophieren. Eine kleine poetische Reise, die den Leser zum Verweilen und zum Nachdenken über den Sinn des Lebens einlädt.

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