Barbara Exenberger

Mein Alles und Garnichts

Ich sitze in dieser kleinen Bar und überlege, was ich hier überhaupt mache. Was tut ein vernünftiges Mädchen, wenn sie den Kerl wiedersieht, der ihr das Herz gebrochen hat und dann feige weggerannt ist? Was tut es, wenn sie den Mann wieder trifft, der sie im Stich gelassen und sie in den Scherben ihrer Beziehung zurückgelassen hat? Sicher trifft sie sich nicht mit ihm in einer verdammten Bar, die dringendst einen Innenarchitekten benötigen würde. Was mache ich dann hier? Ihn wieder in mein Leben zurücklassen, nur, damit er wieder alles kaputt machen kann? Ganz sicher nicht. Wieso sitze ich dann hier?
 
Die Tür öffnet sich und alle Gäste wenden ihre Köpfe, um den Neuankömmling argwöhnisch zu beäugen. Nicht, dass es viele Leute gewesen wären, nein, aber das sind keine Menschen, in deren Gesellschaft ich mich allzu wohl fühle. Der eine ist ein über die Maßen fetter Typ in viel zu engen Bermudashorts und einem T-Shirt mit dem vielsagenden Aufdruck 'Body by Beer'. Sehr ermutigend. Dann ist da noch einer, bei dem man nicht weiß, wer mehr stinkt: er oder sein Hund. Der letzte im Bunde ist ein junger Kellner mit zurückgekämmten, fettigen Haaren und einem abgetragenen Hemd, schwarzen Schuhen und Jeans - wahrscheinlich ein Student. Wenn er kein so pickeliges Gesicht hätte und nicht so müde aussehen würde, wäre er sogar ansehnlich. Der Mann, der die Bar betreten hat, ist ihnen allen in Sachen Aussehen haushoch überlegen. Seine sportlich dünne Figur wird durch die hellen, ausgewaschenen Jeans und das dunkelgrüne Sweatshirt mit grauem T-Shirt darunter betont. Er sieht immer noch aus wie ein Student. Er hat ein trapezförmiges, beinahe schönes Gesicht. Seine hellbraunen leichten Locken hat er auf einer Seite hinter sein Ohr geschoben, die Augen glitzern munter und silbern. Ich hatte es für beinahe unmöglich gehalten, doch er war im Laufe des Jahres, das wir uns nicht gesehen hatten noch attraktiver geworden - er wirkte immer noch gleich, wenn nicht sogar anziehender auf mich.

Der Neuankömmling schlendert gelassen auf mich zu und lässt sich auf dem Stuhl gegenüber von mir nieder. Ich sehe ihn einfach nur and und ordere noch einen Wodka. Nicht, dass ich eine Säuferin wäre, aber für diesen Mann braucht man eine Engelsgeduld. Er zieht seine Augenbrauen hoch und mustert mich eindringlich. "Was willst du?", frage ich ihn. "Geld?", will ich wissen, doch da er weiter schweigt, fahre ich fort. "Drogen?" Schweigen. "Sex?" Er lächelt kurz, aber antwortet mir dann doch: "Nein, Kitty, ich will nur reden." Ich schnaube. "Worüber willst du denn reden? Darüber, wie schön wir es hatten? Oder wie du mich doch liebst?" Früher, wenn wir seiner Meinung nach reden sollten, haben wir uns angelogen und dann doch nur gestritten - und jedes mal hatte er mich mit seinen warmen, silbernen Augen weichgekocht. Der Versöhnungssex war immer wieder aufregend schön. Ich greife nach meinem Drink, doch er entwindet ihn mir mühelos und schüttet ihn auf die Dielen des Fußbodens. "Du bist erst siebzehn, Kitty, hör mit dem Saufen auf, solange du noch kannst." Ich lache bitter. Das ist der Kerl, der mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt hat, dass ein Gläschen doch nicht so schlimm sei. "Du bist vierundzwanzig und trinkst wie ein Loch. Und du, gottverdammt noch mal du, willst mir erzählen, dass ich aufhören soll?" - "Ich bin seit einem Jahr trocken." Ich schaue ihn aufrichtig überrascht an. Wirklich? Er, ausgerechnet er, hat aufgehört zu trinken. Faszinierend was Zeit mit einem Menschen machen kann. "Also, worüber willst du reden?" Er schaut mir in die Augen. Ich spüre, dass ich zu schmelzen beginne. Schnell sehe ich weg. "Über uns." 
 
Ich schnappe meine Jacke und stehe auf. Er springt vom Stuhl und versucht mich zurückzuhalten. Ich lege achtlos ein paar Scheine auf die Theke. "Kitty..." Ich sehe ihn an. "Krys, über uns gibt es nichts zu reden. Du bist mein Lehrer, ich deine Schülerin. Ende, aus." - "Kitty, es tut mir immer noch so leid..." - "Ja, mir auch." Dann schlüpfe ich durch die Tür und in die kalte Nacht hinein.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.09.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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