Marion Mwamahe

Ein Urlaubsmärchen - oder Fanio, der Beachboy von Juan Dolio


Tag für Tag kamen die Beachboys nach Juan Dolio. Tag für Tag streiften sie zwischen den Sonnenliegen des Hotels umher und boten den Touristen Uhren, bunte Strandtücher,  Sonnenhüte,  Kokosnüsse und  andere Dinge zum Kauf an und verdienten sich so ihren Lebensunterhalt.
  Bald tauchte auch ein junger Mann mit Perlenketten vor ihr auf.  Er hatte eine wunderbare, makellose dunkle Haut und wunderschöne, fast schwarze, mandelförmige Augen. In seinem breiten Kinn war die Andeutung eines Grübchens zu erkennen und sein Lächeln brachte sein Gesicht zum Leuchten. Ihr Blick wechselte irritiert von seinem Gesicht zu den Perlenketten in seinem Koffer und sie versuchte, sich voll und ganz auf den Schmuck zu konzentrieren. Es gelang ihr einigermaßen und bald hatte sie eine wunderschöne Kette aus schwarz gesprenkelten Steinchen und goldenen Perlen gefunden.  
  Jeden Tag sah sie Fanio, so hieß „ihr“ Perlenkettenverkäufer,  mit seinem Koffer zwischen den Sonnenliegen umher schlendern. Oft setzte er sich zu ihr in den Sand und sie redeten über ihn, sein Leben, sein Land. Sie bemerkten beide nicht, wie dabei an manchen Tagen schnell zwei oder auch drei Stunden vergingen.
   Irgendwann merkte sie, dass sie regelrecht auf Fanio wartete, sich suchend umschaute und dann enttäuscht auf ihrer Liege zurücksank, wenn sie ihn nicht erblicken konnte.  Neben ihr war das Meer, das leise Rauschen der Wellen. Und nur die Sonnenstrahlen streichelten ihren Körper, obwohl sie im tiefsten Innern schon längst davon träumte, Fanios Lippen auf ihren und seine samtweiche, dunkle Haut unter ihren Händen zu spüren.
  Sie schloss ihre Augen, genoss für Sekunden die sanfte Brise des Meeres und die wohlige Wärme, die sie einhüllte. Wie auf einen inneren Drang hin öffnete sie die Augen wieder und wie aus dem Nichts tauchte er  plötzlich auf.  Ihr Herz stolperte. Ihr Atem ging stoßweise. Fanios Oberkörper, der sonst eingehüllt und tief verborgen unter dem hellen Stoff seines weiten Hemdes nur zu erahnen war, zeigte sich in einem eng anliegenden, tief ausgeschnittenen Achselhemd. Seine glänzende schwarze Haut, seine  muskulösen Arme und Schultern ließen sie nervös schlucken. Beim Anblick der schwarzen, gekräuselten Haare auf seiner Brust rang sie um Beherrschung.  Fanio lächelte sie an. Sie lächelte zurück. Zu mehr war sie kaum fähig. Dann war er aus ihrem Blickfeld verschwunden.
   Sie schloss ihre Augen. Und in ihrem Geiste sah ihn wieder vor sich. Sie sah sein Gesicht, seine wundervoll  geschwungenen Lippen, seine strahlend weißen, unten etwas unregelmäßigen Zähne. Sie sah seine schwarzen Augen, die hohen Wangenknochen, das breite  Kinn und die ausgeprägten Kieferknochen. Sein Gesicht kam näher und näher. Sein heißer Atem streifte ihre Wange. Seine warmen Lippen legten sich wie ein Hauch auf ihre. 
  Und wie durch ihr eigenes Seufzen geweckt, öffnete sie ihre Augen. Doch über ihr gab es nur raschelnde Palmwedel und einen strahlend blauen Himmel. Sie wusste plötzlich: Sie hatte sich unsterblich verliebt. Verliebt in einen rund fünfzehn Jahre jüngeren Mann, der zudem in einer völlig anderen Welt lebte als sie. Ihr war klar: ihre Liebe zu Fanio war sinnlos. Fanio – er war nur ein Traum, ein wunderschöner Traum, der niemals in Erfüllung gehen würde.
  Die wenigen Tage, die bleiben, vergingen viel zu rasch. Am Morgen ihres Abflugs zog es sie ein letztes Mal an den Strand. Mit klopfendem Herzen und flauem Gefühl im Magen schaute sie sich um. Der Strand war  noch menschenleer. Sie hatte gehofft, ihn noch einmal sehen zu können. Aber Fanio war nicht da. Ohne einen letzten Blick, ohne eine einzige innige Berührung, nach der sie sich  so sehr gesehnt hatte, und ohne, dass Fanio ihre wirren Gefühle für ihn auch nur ahnte, stieg sie bald darauf in den Bus, der sie zum Flughafen von Punta Cana brachte.
  Irgendwie überstand sie die lange Fahrt, auch durch seinen Wohnort San Pedro de Macoris. Wie hypnotisiert starrte sie hinaus, sah kaum die vorbei fliegende Landschaft. Tränen verschleierten ihren Blick. Sie schloss ihre brennenden Augen. Keiner sollte es sehen.   Wie benebelt stieg sie später ins Flugzeug, das sie aus einem Paradies heraus riss und ins kalte Deutschland zurückbringen würde. Alles in ihr sträubte  sich dagegen. Doch sie erkannte, dass sie endgültig Abschied nehmen musste.
  Sie wusste schon jetzt: Es würden Wochen oder gar Monate vergehen, ehe sie auf die Uhr blicken konnte, ohne gleichzeitig sechs Stunden zurück zu rechnen und sich auszumalen, wo Fanio gerade war und was er tat.
  Ihr blieb nur die Erinnerung. Und die Perlenkette an ihrem Hals...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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