Gabi Sicklinger

Verbotene Liebe


Verbotene Liebe
 
Nach der Arbeit hatte ich einige Erledigungen in der Stadt zu tätigen, was ich zum Anlass nahm, abschließend in der kleinen Buchhandlung vorbeizuschauen. Es war kurz vor sieben, als der melodische Klang des Windspiels über der Eingangstür mein Eintreten ankündigte.
»Tut mir Leid, ich schließe gleich!«, rief der in einer Ecke mit Aufräumen beschäftigte Mann mit einem flüchtigen Blick in meine Richtung.
»Entschuldigung, ich dachte, Sie hätten bis zwanzig Uhr auf.« Wie dumm, dass ich mir die Öffnungszeiten nicht angeschaut hatte!
Der Mann sah noch einmal hoch und stutzte. »Wir kennen uns von irgendwoher?«
»Von der Esoterikmesse vergangenes Wochenende. Sie hatten mir angeboten ...«, begann ich etwas verunsichert. Womöglich war es doch töricht gewesen, einfach so hereinzuschneien.
»Ja, genau, ich entsinne mich! Natürlich stehe ich zu meinem Wort.« Jetzt kam er mit geschmeidigem Schritt auf mich zu. »Wie wär’s, wenn wir eine Straße weiter etwas trinken gehen?«
»Ich möchte Sie wirklich nicht aufhalten und kann gerne ein andermal wiederkommen.«
»Sie halten mich bestenfalls von der Steuererklärung auf. Raten Sie, was mir lieber ist!« Seine ansteckende Fröhlichkeit brach endgültig das Eis.
Als wir das Kneipencafe betraten, dessen Wände etliche nostalgische Spiegel zierten, waren erst wenige Gäste da. Die Bedienung brachte uns ein Glas Wein und zündete eine Kerze auf dem Tisch an.
»Ich weiß noch nicht mal, wie du heißt«, duzte Andy mich übergangslos. Obwohl er keine Miene verzog, lag ein Lächeln in seinen dunklen Augen, so als sei es angeboren.
»Amelie.«
»Amelie. Klingt hübsch.« Er prostete mir zu. »Warum hast du mich aufgesucht, Amelie?«
Ich berichtete von meinen Problemen. »Das Gebiet der Esoterik erscheint mir wie ein undurchdringlicher Dschungel. Ich weiß einfach nicht so recht, womit ich anfangen soll beziehungsweise was für mich am besten geeignet ist.«
»Nein, warum bist du wirklich gekommen?«
»Was meinst du damit?«, antwortete ich verdutzt.
»Gut, dann sage ich es dir. Du bist hergekommen, weil du mich wiedersehen wolltest.«
Seine Direktheit war geradezu verblüffend.
»Wie bitte? Machst du einen auf Hellsehen oder was?«
»Wenn du so willst.«
»Also bitte! Ich wollte mich mit dir über Esoterik unterhalten, weil du es mir angeboten hast und ich glaubte, …«
»… dass du mir genauso gut gefällst wie ich dir, nicht wahr?«, unterbrach er mich und blickte mich herausfordernd an. »Warum machst du dir etwas vor, Amelie?«
Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. »Unterstellst du da nicht etwas?«
»Ich weiß, dass ich Recht habe«, beharrte er.
»Dann weißt du mehr als ich!«
»Offensichtlich.«
»Kannst du mir wenigstens verraten, wie du darauf kommst?«
Andys Gesicht näherte sich dem meinen und er blickte mich mit seiner entwaffnenden Offenheit an.
»Ich habe es in deinen bezaubernden Augen gelesen, liebe Amelie. Die können nämlich nicht lügen.« Er ergriff meine Hand. »Deshalb war ich mir sicher, dass du meiner Einladung folgen würdest. Ich habe mich sogar darauf gefreut.«
Dann deutete er nach links. »Sieh mal dort, ist das nicht ein tolles Paar?«
Ich entzog ihm die Hand und wandte meinen Kopf. In einem der Spiegel erblickte ich uns beide.
»Ach Andy, du spinnst ja!«
»Ich sage die Wahrheit, die du dir selbst nicht eingestehen willst.« Er lehnte sich zurück und seufzte. »Aber ich möchte hier keine sinnlosen Diskussionen führen. Werde dir erst einmal klar über deine wirklichen Gefühle. Und dann komm wieder oder lass es bleiben.«
Wenn er wenigstens wütend geworden wäre! Aber er sagte es gänzlich ohne Groll, und ich wusste nichts mehr zu erwidern. Als er bezahlte und sich erhob, folgte ich ihm verstört auf die Straße.
»Es hat mich gefreut, mit dir zusammenzusein, Amelie. Verbleiben wir so?« Sein Blick wirkte auf einmal traurig.
Ich nickte und brachte gerade noch ein »Danke für die Einladung« hervor.
»Gerne.« Andy wandte sich um, und ich sah ihm hinterher, bis seine schlanke Gestalt um die Ecke bog, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.
 
Die folgenden Tage waren eine innere Qual. Die Begegnung mit Andy und seine Worte geisterten in meinem Kopf umher. Es stimmte ja, was er sagte. Er hatte mir tatsächlich vom ersten Moment an gefallen, ausnehmend gut sogar. Aber … Nein, ich musste ihm die Wahrheit gestehen. Er hatte es nicht verdient, angelogen zu werden!
 
Die Uhr schlug gerade sieben, als der melodische Klang des Windspiels an der Eingangstür mein Eintreten ankündigte.
»Tut mir Leid, …«, rief der mit Aufräumen beschäftigte Mann und schaute kurz in meine Richtung. Als er mich erkannte, hielt er augenblicklich inne, legte den Bücherstapel ab und kam langsam auf mich zu, ohne seinen Blick von mir zu wenden, so als fürchtete er, ich wäre eine Fatamorgana. Unmittelbar vor mir blieb er stehen und berührte mit der rechten Hand meine Schulter. Seine Miene verriet Wiedersehensfreude, obgleich sie auch ernst wirkte.
Ich stand vor ihm wie hypnotisiert, brachte kein Wort heraus.
»… ich schließe jetzt«, sagte Andy leise. Seine linke Hand tastete nach der Tür und drehte den Schlüssel herum. Eingehend erforschte er mein Gesicht, während ich seinem Blick standzuhalten versuchte. Wie schmerzlich hatte ich diese lächelnden, sanft geschwungenen Augen vermisst, die mich so unvergleichlich anblickten!
»Amelie.« Als seine Hand mein Gesicht berührte, vermochte ich die innere Glut nur mühsam in Schach zu halten. Ich musste ihm die Wahrheit gestehen, bevor meine Augen mich verrieten. Jetzt!
»Andy, ich möchte …«
»Du brauchst jetzt nicht zu reden«, flüsterte er.
»Aber ich muss dir sagen …«
Andy legte seine Finger auf meinen Mund. »Solche Momente bedürfen keiner Worte.«
Lange standen wir einander gegenüber, sahen uns einfach nur an. So sehr hatte ich mich insgeheim danach gesehnt, mit ihm zusammen zu sein! Es fühlte sich wunderschön und grausam zugleich an. Ich spürte, wie meine Augen sich mit Tränen füllten.
»Komm!« sagte Andy, nahm meine Hand und führte mich eine Treppe hoch, die ich erst jetzt zur Kenntnis nahm. Wir traten durch eine Tür, und unvermittelt standen wir im Flur seiner Wohnung.
Er deutete in Richtung Wohnzimmer. »Geh schon voran. Ich bringe uns etwas zu trinken.«
Ich streifte meine Schuhe ab und spürte den weichen Teppich unter meinen Füßen, als ich zögernd den Gang entlangschritt, vorüber an einem Arbeitszimmer mit überquellendem Schreibtisch und Stapeln von Büchern auf dem Boden. Im Wohnzimmer trat ich auf noch mehr Teppichen vorbei an einer terrakottafarbenen Wohnlandschaft an eine Balkontür, die den Ausblick auf einen Park freigab. Die Wände zierte eine Reihe moderner Kunstbilder.
»Hast du die selber gemalt?«, fragte ich, als Andy mit einer Flasche Sekt und zwei Gläsern hereinkam.
»Zum Malen lässt mir das Geschäft leider keine Zeit«, antwortete er und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. »Doch ich liebe die schönen Künste, die Natur …«, er trat hinter mich und umfasste meine Schultern, »… und eine wunderschöne Frau.«
Andy vergrub sein Gesicht in meinem Haar, und ich spürte seine Hände langsam und unglaublich sanft an der Innenseite meiner Arme hinabgleiten. Ich schloss die Augen. Ein angenehmer Schauer durchrieselte mich, während der letzte Rest an innerem Widerstand dahinschmolz.
»Ich mag jeden wunderbaren Augenblick vollkommen auskosten. Heute ist ein solcher, weil du wiedergekommen bist und dich zu deiner Liebe bekannt hast«, flüsterte er. »Lass uns darauf anstoßen und den Triumph der Liebe feiern!«
Ich brachte es einfach nicht übers Herz! Wenn ich bis elf wieder zu Hause war, würde es keine Probleme geben, so überlegte ich, als Andy einschenkte und mir zärtlich ein Sektglas in die Hand drückte.
Ich nippte, während mein Blick sich in der Tiefe seiner geheimnisvoll schimmernden Augen verlor. »Oh Andy, ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht!«, brach es endlich aus mir heraus.
»Mir erging es nicht anders, Liebste. Ich habe vom ersten Augenblick an gespürt, dass uns mehr verbindet als nur das Interesse an guten Büchern.« Er nahm mir das Glas ab und stellte es ans Fensterbrett. Endlich näherten sich unsere Lippen einander und verschmolzen zum Kuss, während unsere Körper sich so nah berührten, dass ich jede seiner Regungen wahrnehmen konnte. Wir sanken auf die Couch, und als Andy begann, mich zu streicheln, schien sich die Zeit aufzulösen. Es gab nur noch ihn und mich und unsere Liebe.
Irgendwann fiel mein Blick auf die Wanduhr, die kurz vor halb elf anzeigte. »Oh mein Gott!«, rief ich zutiefst erschrocken und fuhr hoch.
Andy erschrak nicht weniger über meinen unerwarteten Ausbruch. »Amelie, was ist denn jetzt schon wieder los mit dir?«
»Ich muss sofort heim!«
»Aber warum um Himmelswillen willst du mittendrin nach Hause?«
»Andy, ich …«, stammelte ich nervös. »Ich habe es einfach nicht fertig gebracht, dir zu erzählen, dass ich …«
»Dass du was? Nun mach’s doch nicht immer so spannend!«
»Dass ich in einer festen Beziehung lebe«, gestand ich endlich kleinlaut.
Andy wirkte mit einemmal furchtbar ernst.
»Sag, warum bist du hier?«
»Weil ich dir die ganze Zeit erklären wollte … Ach es ist alles so kompliziert!«
Er blickte mich forschend an.
»Liebt ihr euch denn noch?«
»Unsere Beziehung ist, na ja, sie ist eigentlich im Moment auf einem Tiefpunkt. Aber wir haben uns nicht getrennt, wir wohnen noch zusammen, weil …«
»… weil ihr bis an euer Lebensende darauf warten wollt, dass alles wieder so wird wie am Anfang, nicht wahr?«
»Na ja, es könnte doch sein, dass wir uns wieder versöhnen, oder nicht?«
»Wenn das stimmen würde, dann wärst du heute nicht bei mir. Amelie, ich sage dir etwas. Du fühlst dich nur noch moralisch verpflichtet, deinem Freund treu zu bleiben, weil du so erzogen wurdest. In deinem Innersten möchtest du längst frei sein von dieser Beziehung.«
»Andy, was redest zu da?«
»Hör zu Amelie. Bitte mach so was nicht!«
»Was?«
»Zieh deinen Freund nicht in unsere Liebe hinein und zieh mich bitte nicht in deine alte Beziehung hinein. Das geht nicht gut und ich werde das nicht mitspielen, so sehr ich dich mag!«
Nun war es gänzlich mit meiner Selbstbeherrschung vorbei. »Aber was wird Julian sagen, wenn er von der Geschäftsreise zurückkommt und ich bin nicht zu Hause? Das wird einen Riesenärger geben!«, schluchzte ich.
»Dann stell dich endlich der Situation!«
»Andy, ich glaube nicht, dass du das nachvollziehen kannst.«
»Das denke ich doch! Ich habe selbst vor zwei Jahren eine Scheidung durchgestanden. Amelie, niemand weiß besser als ich, wie schwierig das ist. Aber du kannst Entscheidungen nicht immer ausweichen im Leben, sonst entscheiden andere für dich!«
Ich putzte mir die Nase und fühlte mich entsetzlich. Was sollte ich jetzt bloß tun?
»Verzeih bitte.« Ich stand auf und verschwand ins Bad, um mich mit kaltem Wasser zu erfrischen und meine Nase zu pudern. Dann atmete ich ein paar Mal tief durch. Nachdem ich mich einigermaßen gefasst hatte, kehrte ich ins Wohnzimmer zurück. Andy saß auf der Couch und starrte auf die halbvollen Sektgläser.
»Wie hast du dich entschieden?«, fragte er.
»Andy, ich muss mich entschuldigen. Ich habe mich furchtbar unreif benommen.«
»Ist gut. – Und weiter?«
»Mir ist klar geworden, dass die Liebe sich nicht um menschliche Moralregeln kümmert.«
Er zog fragend die Augenbrauen hoch.
Ich setzte mich neben ihn und legte den Arm um seine Schultern. »Ich möchte mit dir zusammen sein!«
Nun standen Andys Augen voll Tränen. Er zog mich an sich und küsste mich noch inniger als zuvor.
 

© Mandalena (2009)




 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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