Max war 9 Jahre alt. Er hatte vor kurzem, zu seinem Geburtstag, ein neues Smartphone bekommen. Es war ein nigelnagelneues Samsung Galaxy S3 Modell. Max war ein selbstbewusster Checker, der sich auch gerne zu älteren Gefährten gesellte, um ihre magische Aura zu spüren. Wenn er die Sprüche und dreckigen Witze der älteren Teenager nicht verstand, nickte er selbstsicher mit voller Zustimmung und lachte dann am lautesten von allen. Jedes Mal wenn er neue Freunde kennen lernte, dauerte es meist keine 2 Minuten, bis er sein neues Smartphone aus der Tasche zog, um seine Coolness und seinen Wohlstand zu demonstrieren. Mit seinem Samsung Galaxy fühlte er sich sicher und wertvoll, denn es beinhaltete alle lebenswichtigen Funktionen, wie seine Lieblingsmusik, die „Angry Bird“ App, mithilfe dessen er seine Aggressionen freien Lauf lassen konnte, auch das Simsen mit seinen Freunden durfte natürlich nicht fehlen.
Das Smartphone funktionierte nicht nur als Handy, sondern es vermied auch Konflikte zwischen ihn und seinen Eltern, es steigerte sein Selbstwertgefühl und gab ihm die Illusion ein machtvoller Mensch zu sein, darüber hinaus war es auch noch sein bester Freund. Ehrlich! Max könnte sich zwei Tage lang im Zimmer einsperren, um zu simsen, seine Lieblingsmusik zu hören und sich dabei auch noch fragwürdiges Wissen aus dem Internet aneignen oder um Angry Bird zu spielen. Samsung Galaxy S3 förderte also auch noch seine Multi Tasking Fähigkeit, was Max durchaus später für das Überleben in dieser schnelllebigen Welt brauchen könnte. Nebenbei waren seine Eltern auch noch begeistert von ihrem ruhigen Sohn, der sich mucksmäuschenstill im Zimmer beschäftigen konnte.
Es gab zwei Dinge, die Max hasste: Erstens - die lästigen Anrufe seiner Eltern, die seinen Aufenthaltsort ausspionierten, während er gerade seine Freunde traf und zweitens - das Gelände des Schlachthofes nicht weit entfernt hinter seinem Haus. Immer wenn die Dunkelheit anbrach und er sich „zufällig“ auf dem Gelände des Schlachthofes befand, um irgendwelche, für die Identität und persönliche Ehre ausschlaggebende Mutproben durchzuführen, fühlte er sich unwohl. Denn die eisige Kälte und der Geruch nach totem Fleisch und fauligem, geronnenem Blut hielten Max fest, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte. Max wollte schreien, aber er war wie gelähmt. Doch dann holten ihn meistens die tollkühnen Provokationen seiner Freunde wieder aus dem Albtraum und er vollbrachte wie üblich seine Mutproben voller Stolz. Sein unkontrollierbares Grausen wuchs jedoch seitdem er heimlich auf seinem Smartphone den Film „Werewolf: The Beast Among Us“ gesehen hatte, in dem sein Idol Daniel zusammen mit den Jägern gegen einen blutdurstigen Werwolf kämpfen muss. Ihm ging die grausame Szene, indem das Gesicht eines Patienten blutig, bis zur Unkenntlichkeit von diesem Biest zerfleischt wird, nicht mehr aus dem Kopf. Besonders in der Nähe des Schlachthofes erwachten in ihm die paranoiden Ängste und werwolfartige Halluzinationen brachten sein Herz zum Rasen.
- „Hey, Max! Hast du etwa wieder Angst...?“
- „Nein! Was denkt ihr denn?“
- „Gut dann treffen wir uns am Freitagabend genau hier, ok?“
- „Wa..wa..was habt ihr eben gesagt? A..a..am Freitag, diesen Freitag?
- „Genau, diesen, … was ist denn mit dir los...? Ach komm du hast doch nicht etwa Angst, dass dir zufällig am Freitag’ ne schwarze Katze über den Weg läuft oder?“, und sie lachten unverschämt laut; sie rissen provokativ ihre Münder auf, sodass ihre Spucke meterweit flog und auf Max’ Gesicht landete.
- „Hey, ich habe keine Angst, ok? Und ich werde am Freitag kommen!“
- „Keine Angst mein kleiner Freund! Du musst diesmal nichts tun, du musst nur zugucken!“
Es war Freitagabend. Max’ Herz schlug schnell, zu schnell für sein Alter. Konzentriert holte er tief Luft für einen letzten Atemzug, bevor er heimlich sein Haus verließ. Seine Eltern waren noch bei der Arbeit, also hatte er schon mal beste Vorraussetzungen, um nicht erwischt zu werden. Trotz allem fühlte er sich dennoch nicht wohl und kramte noch ein letztes Mal in seiner Tasche nach. Erleichtert, stellte er fest, dass er für alle Fälle gewappnet war, denn er hatte sein Smartphone dabei. Auf dem Weg zum Treffpunkt wurde ihm jedoch mulmig, vorsichtig hob er seinen Kopf. Lauernd verbarg sich der Mond hinter dunklen Wolken, die seine wahre Gestalt verschleiern wollten. Die kreisrunde Form des Mondes drohte Max zu verschlingen und brachte ihn zum Zittern.
Max sah irgendwo in der Ferne ein wolfartiges Wesen vorbeihuschen. Plötzlich überwältigte ihn ein zerstörerisches, lähmendes Gefühl der Paranoia und Max klammerte sich panisch an einem kräftigen Baumstamm fest. Doch dann fielen ihm die Provokationen seiner etwas älteren Freunde wieder ein und er kriegte sich wieder ein. Max war wieder auf den Beinen. Auf eine wundersamen Art und Weise hörten seine schlotternden Knien auf zu zittern, als er zur verabredeten Zeit am Treffpunkt nicht nur auf die vier Freunde traf, die ihn herausgefordert hatten, sondern auf mehr als vier Dutzend Jugendliche. Diese riesige, laute ohrenbetäubende Masse schien etwas zu umgeben, was er mit seiner bescheidenen Körpergröße nicht erkennen konnte.
- „Seht ihr! Ich habe doch gesagt, dass ich keine Angst habe!“
- „Und siehst du! Wir haben es dir doch gesagt, dass du keine Angst haben sollst! Du musst dir also nicht in die Hose machen! Du hast dich getraut, also bist du jetzt einer von uns!“
- „Sag mal, was passiert denn da vorne gerade?“, schrie Max seinem Kumpel ins Ohr.
- „Wenn man so zuguckt, hat man echt das Gefühl, als ob Daniel und die Jäger den Werwolf zur Strecke bringen werden!“
- „Hää?!... Was hast du gesagt?“
- „…als ob Daniel gerade mit dem Werwolf kämpft!“
- „Wirklich??? Du meinst Daniel aus dem Film kämpft wirklich mit dem Werwolf???“
- „Ja genau….jetzt hör mal auf mir ins Ohr zu schreien, ich versteh dich eh schlecht, ich will gucken!“
Eine Sekunde lang traute Max seinen Ohren nicht. Daniel war hier? Und der Werwolf auch? Max zuckte zusammen, ein eiskalter Schauer lief entlang seinem Rücken und er spürte die gruselige, eisige Nässe in jedem seiner Wirbel. Jedoch beruhigte er sich:
- „Wenn so viele Jugendliche hier sind, kann mir doch nichts passieren, mit vereinten Kräften der Jugendlichen wird der Werwolf schon noch zur Strecke gebracht.“
Er spürte die Sicherheit der pulsierenden, jubelnden und kreischenden Masse und verschmolz förmlich mit der Masse.
- „ Hey, Max wir müssen alle enger zusammenrücken, damit er nicht entkommt!“
- „Waaaasss??“
- „ Oh Mann ey darf man eigentlich schon mit neun Jahren ein Hörgerät tragen…?“
- „ Was sagst du?“
- „ Ich sagte, wir müssen näher zusammenrücken, damit der Werwolf nicht entkommt!“
- „Ach so. Mach ich! Daniel, hau fester drauf! Bring den Wolf zur Strecke! Hau fester drauf!“
- „ Ok, der Kleine ist schon seltsam…. Außerdem du siehst doch gar nicht was da vorne passiert, „Daniel“ wird gerade gehauen, der „Werwolf“ wehrt sich nämlich, du Trottel!“
Die Masse gab ihm immer mehr Sicherheit, sodass Max sich irgendwann über seine Grenzen traute und immer neugieriger wurde. Er wollte Daniel und den Werwolf sehen – und zwar live. Er kämpfte sich in der tobenden Menge nach vorne und rückte immer näher an das Geschehen heran. Vorne standen die Jugendlichen viel zu dicht und er merkte, dass er keinen Zentimeter mehr vorankam. Also bekam Max urplötzlich eine zündende Idee: Er aktivierte sein Samsung Galaxy S3 und steckte schnell und unauffällig seinen knochendünnen Unterarm durch eine Ritze in der vordersten Reihe, um das Geschehen da vorne zu fotografieren.
- „ Er hat gewonnen, er hat gewonnen!“, schrien die Jugendlichen in der vordersten Reihe.
Und Max konnte sein Glück überhaupt nicht fassen, der Werwolf wurde also von Daniel und den Jägern besiegt. Als nächstes wuselte Max im Dunkeln, eingeengt zwischen den Menschen, in seinem Smartphone herum, um sich das neue Foto anzugucken. Er öffnete das Menü. Er öffnete den Ordner. Er öffnete den Ordner namens „Fotos“. Er klickte auf das Bild ganz unten. Er sah das Foto in voller Auflösung auf seinem HD Display und verlor für Sekunden das Bewusstsein.
Auf dem Bild sah man keinen Daniel, auch keinen Werwolf. Links oben im Bild brüllte ein kräftiger Junge, der triumphierend und martialisch seine Fäuste in die Höhe hob, während er sein Maul aufriss. Unten in der Mitte zwei andere Jungs, kniend am Boden mit ausgestreckten, angespannten Unterarmen, als würden sie jemanden festhalten. Dann rechts unten im Bild – man sah eine sich wehrende Gestalt in der absoluten Verzweiflung. Eine gesichtslose, blutende Gestalt, die so blutete, dass man nicht mehr einmal das einstige Gesicht erkannte. Die Gliedmaßen dieses menschenähnlichen Wesens waren voller Anspannung, man könnte schon fast sagen verkrampft – die linke Hand krallte sich am Unterarm des einen knienden Jungen fest, während die rechte Faust orientierungslos in die Luft schlug, das linke Bein trat verzweifelt am Gesicht des einen Jungen vorbei, das rechte Bein war in einer menschlich, unmöglichen Position positioniert, was darauf hinwies, dass das Bein gebrochen sein musste. Das Gesicht….das Gesicht war eine einzige blutrote Kraterlandschaft, aus den Kratern sprudelte unaufhörlich das menschliche Blut, das in der Grausamkeit der Masse erstickte.
Plötzlich löste sich die Masse auf und alle rannten panisch in alle Richtungen. Max hörte von Weitem die alarmierende Sirene eines Krankenwagens, die wiederum die nicht weniger lauten Sirenen der Polizeiautos übertönte. Max versteckte sich schnell im Gebüsch. Flüchtig sah Max den blutenden Jungen, als dieser von Männern auf die Krankenliege getragen wurde. Die Augen waren weit aufgerissen und schienen erstarrt zu sein. Als der Kopf der blutenden Gestalt zur Seite nickte, stellte Max erschreckend fest, dass diese Leiche niemand anderes war, als sein Tischnachbar namens Paul in seiner Schulklasse, der Paul, der von allen nur Weichei genannt wurde.
Noch am Tatort wurde der Totenschein ausgestellt. Und Max verstand die Welt plötzlich nicht mehr. Er fühlte sich verdammt, verdammt schlecht. Wer waren sie? Er dachte an die tobenden, jubelnden Halbstarken und fuhr erschrocken zusammen, vor seinem geistigen Auge sah er, wie sich die Züge ihrer Gesichter deformierten. Mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit verzerrten sich ihre Visagen zu schaurigen, werwolfsartigen Fratzen, sie grinsten unverschämt und befriedigt leckten sie ihre blutverschmierten Zähne ab. Zitternd warf Max einen Blick auf seinem Smartphone, welches sein Antlitz reflektierte. Verzweifelt suchte er nach dem Widerschein seiner Selbst. Doch alles was er sah, war die teuflische Grimasse eines grinsenden, hässlichen Werwolfs mit spitzen, abstehenden Zähnen.
Xuan Hy Nguyen
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2012.
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Invulatus
von Beate Puls
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