Jürgen Berndt-Lüders

Der Reigen

Geraldine schloss die Haustür auf, betrat den Flur und steuerte auf den Anrufbeantworter zu. Wieder keine Nachricht. Enttäuscht und verzweifelt warf sie sich auf die Couch und schloss die Augen. Immer noch nichts von Werner. Seit drei Tagen wartete sie darauf, dass er sich meldete. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie tastete nach Papiertaschentüchern und fühlte stattdessen eine Zigarettenpackung.
 
Sie selber rauchte nicht. Wer rauchte war ihr Mann. Hatte sie Werner nicht immer wieder gebeten, seine Zigaretten nicht herum liegen zu lassen? Auch wenn er nicht im Hause rauchte,  so war ihr allein der Anblick unangenehm.
 
Ein Schreck fuhr ihr durch die Glieder.  Hatte sie gestern nicht selber die Packung in den Mülleimer geworfen, die er in der Flurgarderobe liegen gelassen hatte? Auf dem Couchtisch hatten keine gelegen, da war sie sich sicher. War Werner etwa inzwischen hier gewesen? War er vielleicht immer noch da?
 
„Werner?“, rief Geraldine. „Werner? Bist du hier?“ Freude stieg in ihr auf, Hoffnung und Mut.
 
Werner lag auf dem Bett und schlief. Er trug noch die Sachen, die er vor drei Tagen angezogen hatte. Sein Atem roch deutlich nach Zigarettenrauch.

 ----

 Die Betriebsfeier lief auf höchsten Touren. Gruppen von Männern und Frauen hatten Tische zusammen geschoben und plauderten lautstark über Privates und Geschäftliches, je nach Sympathie und Geschmack.
 
Ein Mann sprach sie über die Schulter an. Sie spürte seinen Atem, verstand aber seine Worte nicht. Geraldine zuckte zusammen und drehte sich um. Manfred war’s, ihr Kollege aus der Abteilung.
 
„Wenn hier tanzen erlaubt wäre,  würde ich Sie auffordern“, rief er durch den Lärm. Aus dem Hintergrund kam zwar Musik, aber zum Tanzen war nicht genügend Fläche.
 
Aus dem Lautsprecherklang „Plaisir d’amour“. Musik zum Träumen und Verlieben. „Kommen Sie. Zeigen wir’s den anderen“, rief er und zog sie sanft vom Stuhl. Sie tanzten am Rande neben den Stühlen, und bald schlossen sich weitere Pärchen an. Wo Bedarf war, wurde Platz geschaffen.
 
Geraldine lag in seinen Armen. Sie spürte seine Wärme und genoss ihn in vollen Zügen. Vorsichtig setzte er Wort an Wort, um ja nichts Falsches von sich zu geben. „Machen Sie draus, was Sie wollen, aber lassen Sie mich sagen, dass ich Sie liebe. Lange schon liebe ich Sie, und Sie können mich nun auslachen und verfluchen, Sie können aber auch einfach nur meine Worte genießen, denn welche Frau hört nicht gern, dass sie geliebt wird?“
 
Wann hatte Werner ihr zuletzt gesagt, dass er sie liebte? In den ersten Tagen nach der Hochzeit vielleicht. Hatte er ihr wenigstens jetzt, nachdem er  zurück war, seine Liebe gestanden? Nein, er hatte sie einfach gebeten, die drei Tage zu vergessen. Er wolle nicht darüber reden, hatte er gesagt. Er sei nicht fremd gegangen, habe keine Freundin. Nun sei er ja wieder da und sie solle sich damit zufrieden gegeben. Und dann war er eine rauchen gegangen und hatte sie allein gelassen mit ihren Ängsten und Befürchtungen.
 
„Danke. Ich sehe es als Kompliment“, sagte Geraldine möglichst unbeteiligt. „Ich mag Sie auch, aber lieben..., nein, lieben kann ich Sie nicht. Ich liebe meinen Mann, auch wenn er’s nicht immer verdient hat.“ Sie lachte traurig.
 
Manfred sah sie nachdenklich an. „Kommen Sie mit mir an die frische Luft?“
 
„Wollen Sie etwa rauchen?“
 
„Nein, nur so. Einfach mal mit Ihnen allein sein will ich. Sie im Schein der Außenbeleuchtung betrachten und davon träumen, wie es wäre, wenn wir uns küssten und liebten.“
 
Wie berauscht folgte sie ihm auf die Terrasse. Würde er sie entgegen seiner Versprechen verführen wollen? Nein, er wollte nicht. Er sah sie einfach nur an und träumte einen kleinen Liebestraum mit ihr.
 
---
Karen drehte sich auf ihre Seite und starrte gegen die Decke.
 
„Was ist?“, fragte Manfred.
 
„Du warst heute so anders“, fand sie. „Viel zärtlicher, viel weniger routiniert. Was ist los? Hast du an eine andere gedacht?“
 
Manfred lächelte verlegen. „War es schön für dich? Dann war’s auch schön für mich. Es gibt keine Andere für mich als dich allein. Glaube mir.“
 
Karen ahnte die Zusammenhänge. „Es ist diese Geraldine. Du erzählst viel zuviel von ihr, als dass ich nicht wüsste, wie sehr du sie magst. Ich habe nichts dagegen, wenn du dir woanders Appetit holst, solange du die Mahlzeiten zuhause genießt.“
 
„Da kannst du sicher sein“, rief Manfred. „Geraldine und ich, wir sind beide zuverlässig und treu.“

Karen dachte nach.
 
„Ich kenne ihren Mann“, flüsterte sie und gab ihm ihre Hand zum Halten. „Er war drei Tage bei uns auf Station. Wir haben ihn gecheckt wegen eines Verdachts auf Herzinfarkt. Aber erzähl’ das ja deiner Geraldine nicht.“
 
„Ich werde einen Teufel tun.“ Seine Empörung war gespielt. „Und? Ist er gefährdet?“
 
„Gefährdet sind wir alle, besonders aber die Raucher“, sagte sie. „Nein, seine Gefäße sind wohl etwas verengt, aber sein Schmerz kam nicht aus der Herzgegend. Ich habe ihn zum Orthopäden überwiesen.“
 
„Ich habe Geraldine nichts davon angemerkt“, stellte Manfred verwundert fest. „Sie war etwas weniger fröhlich als sonst...“
 
„...sie wird es nicht wissen“, vermutete Karen. „Er hat mich beschworen, es niemandem zu erzählen, und auch er wolle Geraldine nicht verunsichern, jetzt, wo er wisse, dass sein Herz in Ordnung sei. Sie mache sich ständig Sorgen um ihn.“
 
„Mache ich nicht“, rief Manfred. „Du bist ein Schatz, Karen. Du hast soviel Verständnis für andere Menschen.  Du bist noch nicht einmal beleidigt, wenn ich dir die Zärtlichkeit gebe, die ich gern für eine andere Frau hätte.“
 
Karen lachte. „Was meinst du, wie toll ich manche Männer finde. Gerade meine Kollegen in der Klinik, die haben’s faustdick hinter den Ohren und können ja sooo charmant sein...“

Ein Reigen ist eine Erzählung, bei der die Handlung von einem Handelnden an einen anderen weiter gegeben wird, bis sich der Kreis am Ende schließt. Hier sind es nur 3 Personen, aber man könnte den Reigen endlos fortsetzen.Jürgen Berndt-Lüders, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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