Jürgen Berndt-Lüders

Als Söhnchen nur kurz Geschichte hatte

„Na, wie war’s in der Schule?“, fragte die Mutter wie jeden Tag.
 
„Gut“, antwortete Söhnchen, auch wie jeden Tag.
 
Mutter verdrehte die Augen. „Mit ‚gut’ ist mir nicht geholfen. Was habt ihr denn heute gemacht?“
 
„Heute hatten wir nur kurz Geschichte.“
 
„Ah, das ist ja mal was. Das höre ich gern. Aber warum sagst du ‚nur’? Kurzgeschichten  sind doch was Feines. Habt ihr auch eine geschrieben?“
 
„’ne Klassenarbeit? Nö.“
 
„Nein, eine Kurzgeschichte. Das ist eine kurze Geschichte.“
 
Söhnchen lauerte. „Klar, und eine kurze Geschichte ist keine lange Geschichte, sonst hieße sie ja Langgeschichte. Aber ich sagte nicht Kurzgeschichte, sondern,  dass wir heute nur kurz Geschichte gehabt hätten. Unser Geschichtslehrer musste weg. Das war schon mal was Besonderes.  Reicht dir das?
 
Was meinst du eigentlich, weshalb ich immer nur ‚gut’ antworte, wenn du was fragst? Weil du nervst.“
 
„Du antwortest nie gut. Deine Antworten verraten mir nie, was ihr wirklich gemacht habt. Was habt ihr denn nun statt Geschichte gemacht?“
 
„Mann! Deutsch.“ Söhnchen verdrehte die Augen.
 
Mütterchen stöhnte. „Und was habt ihr in Deutsch gemacht?“
 
„Unser Lehrer hat mit uns zusammen eine Story gebaut.“
 
Mutter zog die Augenbrauen hoch. „Und wie habt ihr die gebaut? Aus Pappe?“
 
„Unser Lehrer hat uns den Anfang und das Ende einer Story gesagt, und wir haben den Zwischenraum ausgefüllt.“
 
„Aha, also eine Kurzgeschichte, wie zum Beispiel: Mutter fragt Söhnchen, wie es denn heute in der Schule war. Der Mittelteil fehlt, und am Ende sagt Söhnchen, wie es ihm in der Schule gefallen hat. Und jetzt du.“
 
„Mit dem Mittelteil?“, fragt Söhnchen.
 
„Ja, womit denn sonst? Den Kopf und den Schwanz hast du ja schon. Nun kommen Bauch und Rücken.“
 
Langsam bekam Söhnchen Bauch- und Rückenschmerzen.
 
„Hmmm.“ Er überlegte. „Der kluge Sohn sagt, dass er heute nur kurz Geschichte gehabt hätte, und die nicht ganz so kluge Mutter versteht das falsch und meint, dass er eine Kurzgeschichte geschrieben hätte. Und dann kommen noch ein paar sau-blö-de Versuche, aus dem klugen Sohn was raus zu locken, als wenn er ein Baby wäre, das man leicht kaputt machen kann, wenn man es falsch anpackt. Und am Ende fragt sie, wie es ihm denn gefallen hätte.“
 
„Und wie hat’s dir in der Schule gefallen?“
 
„Gut.“

 
 
Vielen Dank für die Idee, Jürgen Müller

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