Hermann Weigl

Silberwolf

   Silberwolf
   
   
   
   Mein Name ist Elisa. Erst vor kurzem habe ich meinen vierzehnten Geburtstag gefeiert, und nun durfte ich schon zum fünften Mal mit zum Markttag reisen, um unsere Waren auf dem Markt anzubieten.
   Es war immer aufregend, in die große Stadt zu fahren. Wie hoch die Häuser neben den Strassen aufragten - ganz anders als die Bauten auf unserem Gehöft. Und all die vielen Menschen, die sich auf den Marktplatz drängten, um zu feilschen, oder ihr Produkte anzubieten.
   Wir befanden uns bereits auf dem Rückweg, und waren vor fünf Tagen an den Rand des Waldes gelangt, durch den uns unsere Reise führte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal mitgefahren bin. Noch nie hatte ich so viele Bäume gesehen, und schon gedacht, der Wald würde nie wieder enden. Aber mein Vater meinte, es gäbe keinen anderen Weg, auf dem wir von unserem Hof aus in die Stadt hätten gelangen können.
   Wie immer ritt er auf seinem Pferd voraus, und führte den Wagenzug an. Mutter war diesmal zuhause geblieben, weil sie sich um die Frau des Nachbarn kümmern wollte, die bald ein Kind erwartete. Dann war da noch die dicke, resolute Berta, die wie immer ihren mürrischen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. Aber ich wusste, dass sie ein großes Herz hatte, und fand bei ihr immer ein offenes Ohr, wenn mich Sorgen plagten. Auch Helena, die Kräuterfrau, begleitete uns. Ein paar Knechte lenkten die anderen Wagen. Ganz am Ende des Zugs fuhr Erwin, mein großer Bruder.
   Und meine Schwester Irmi war natürlich auch mit dabei. Ich hatte keine Ahnung, wie sie es wieder einmal geschafft hatte, von meinem Vater die Erlaubnis zu bekommen, mitzureisen. Sie war drei Jahre jünger als ich, und das neugierigste Mädchen, das ich mir vorstellen konnte. Nichts entging ihren flinken Augen. Einmal hatte ich einen leeren Korb auf die Fensterbank gestellt, und mit einem Tuch abgedeckt. Es hatte keine fünf Minuten gedauert, bis sie ihre kleine Nase in den Korb steckte. Aber deswegen war ich nicht böse auf sie, denn sie hatte trotz allem ein gutes Herz.
   Auf dem Markttag hatten wir fast alle unsere Waren verkaufen können, die wir mitgebracht haben.
   Den ganzen letzten Winter über hatte ich Körbe geflochten, und ich war stolz darauf, dass ich alle hatte veräußern können. Auf die Frage, wie es meinem Vater mit seinen Waren ergangen sei, meinte er nur auf seine wortkarge Art: „So wie immer.“
   Die Wagen waren nun viel leichter, und die Räder drohten nicht mehr auf dem Weg einzusinken.
   Abends schlugen wir ein Lager auf, und ich ging, wie schon so oft, von unserem Rastplatz weg in den Wald hinein, um ein paar Beeren zu sammeln.
   Ich war noch nicht weit gegangen, da tauchte ganz vorne zwischen Buschwerk ein Wolf auf, der mich kurz ansah, und wieder im Dickicht verschwand.
   Ich hatte keine Angst vor den Tieren des Waldes, auch nicht vor den größeren. Sie waren sehr scheu und mieden die Nähe der Menschen. Und solange die Vögel weiterhin ihr Lied trällerten, war niemand in der Nähe, der mir gefährlich werden konnte. Berta hatte etwas von einer Räuberbande erzählt, die tief im Forst ihr Versteck haben sollte. Gesehen hatten wir aber Niemanden, weder auf der langen Hinreise noch auf unserem Rückweg. Etwa die Hälfte des Weges lag noch vor uns, und ich freute mich schon auf Zuhause und mein bequemes Bett.
   
   Nach einer Weile fand ich die ersten Sträucher, auf denen die gesuchten Beeren wuchsen. Die Früchte waren schon groß und die tiefdunkle Farbe zeigte mir, dass sie reif sind. Sicherlich würden sie hervorragend schmecken.
   Beim Pflücken der Blaubeeren musste man Acht geben, dass man sie nicht zu sehr drückte. Wurden sie gequetscht, begannen sie bald zu faulen, und es war am besten, wenn man sie noch am gleichen Tag verarbeitete. Aber die Mühe wollte ich mir heute nicht mehr machen, das konnte ich auch am nächsten Tag auf dem Wagen tun.
   Es war ein ruhiger Spätsommerabend. Der Geruch von altem Laub und Harz lag in der Luft. Die Sonne fiel schräg durch das Laubdach des Waldes, und bildete Muster auf dem Waldboden, die sich ständig veränderten. Vögel sangen ihr Lied, ein Eichhorn huschte einen Baumstamm hinauf, verweilte kurz, um mich aus schwarzen Knopfaugen zu mustern, und kletterte dann weiter. In der Ferne klopfte ein Specht.
   Gerade hatte ich mir eine besonders dicke Beere schmecken lassen, als mich ein eigenartiges Gefühl beschlich. Es war der Eindruck, der entsteht, wenn man von Jemand beobachtet wird.
   Ich sah auf, und versuchte hinter den Stämmen etwas zu erkennen. Aber da war nichts. Ich hatte auch nicht das leiseste Knacken eines Zweiges vernommen. Der Waldboden war zu dieser Jahreszeit sehr trocken, und man trat mit jedem Schritt auf Äste oder Zweigwerk. Und auch die Vögel waren nicht verstummt, was sie sonst immer taten, wenn ihnen jemand zu nahe kam.
   Als sich das Gefühl noch verstärkte, wandte ich mich langsam um, und bei dem, was ich dort sah, erschrak ich bis in mein Innerstes.
   Keine zwei Schritte von mir entfernt hatte sich ein Wolf niedergelassen. Er saß still da, hatte die Vorderläufe vor sich gelegt, und sah mich mit leicht schräg gehaltenem Kopf an.
   Raubtiere reagieren auf schnelle Bewegungen, hatte mein Vater mir erklärt. Deswegen versuchte ich möglichst reglos auf der Stelle zu verharren, um das Tier nicht zum Angriff zu reizen.
   Mein Herz klopfte inzwischen wie wild, ich wagte kaum zu atmen, und begann zu überlegen, was ich nun tun sollte.
   Umdrehen, und weglaufen? Nein, das hätte bestimmt einen Angriffsreflex ausgelöst.
   Auf einen Baum klettern? Aber der nächste Stamm war viel zu weit entfernt, als dass ich ihn mit ein paar Schritten hätte erreichen können.
   Um Hilfe rufen? Geschrei konnte ein Tier vertreiben. Sicher war ich mir aber nicht.
   Der Wolf begann nun mit dem Schwanz zu wedeln.
   Verhält sich so ein wildes Tier, das mich anfallen will?
   Allmählich begann ich mich wieder etwas zu beruhigen.
   Eigentlich sah der Wolf gar nicht gefährlich aus. Dunkle Augen musterten mich aus einem fein geschnittenen Gesicht. Es war auch nicht das Tier, das ich heute kurz gesehen hatte, denn dessen Pelz war sehr dunkel gewesen. Dieser Wolf hier hatte silberfarbenes Fell. Lediglich die Ohren und das Gesicht waren etwas dunkler gezeichnet.
   Aus der Ferne hatte ich schon öfter Wölfe gesehen, aber keiner war so wunderschön wie dieser. Sicher war sein Fell seidig weich. Wie gerne hätte ich das Tier nun gekrault. Bestimmt gefiel ihm das. Die Hunde, die auf unserem Hof lebten, mochten es sehr.
   „Du wirst mir doch nichts tun“, wagte ich zu flüstern.
   Der Wolf richtete sich nun auf, und gab ein leises Winseln von sich.
   Nein, er konnte nicht gefährlich sein. Aber für ein wildes Tier verhielt er sich doch sehr ungewöhnlich.
   Ich wagte es nun sogar, einen bedächtigen Schritt auf ihn zuzugehen. Auch der Wolf näherte sich mir, senkte den Kopf, um ihn wieder zu heben, und sah mich erneut aus seinen ausdrucksstarken Augen an.
   Nun bemerkte ich, dass die Spitzen des Fells, das den Rücken bedeckte, weiß gefärbt waren.
   „Du bist wunderschön“, flüsterte ich.
   Die schnuppernde Nase kam noch näher, und ich hob den Arm, um ihr den Handrücken anzubieten. Ich spürte die kühle Feuchte des Riechorgans und den feinen Luftsog, als der Wolf meine Witterung aufnahm.
   Kaum konnte ich dem Versuch widerstehen, das seidige Fell des Tieres zu berühren.
   „Silber. Das ist ein passender Name für dich.“
   Der Wolf sah mich an, als ob er mich verstanden hätte, dann senkte der den Kopf und trottete davon.
   Ich sah ihm lange nach, bis er im Gewirr der Zweige verschwunden war.
   Irgendwie war ich nun doch erleichtert, dass er weg war, auch wenn mich das Raubtier in seinen Bann gezogen hatte. Was hatte den scheuen Wolf dazu bewogen, mir so nahe zu kommen?
   Ich nahm meinen Korb mit den Blaubeeren in die Hand, und eilte zum Lager zurück.
   
   Der nächste Tag verlief ereignislos. Mein Abenteuer mit dem Wolf hatte ich für mich behalten. Glauben würde mir die Geschichte sowieso niemand. Die Blaubeeren waren eingelegt, und würden zuhause den Belag für einen leckeren Kuchen abgeben.
   Als sich die Sonne dem Horizont zuneigte, gab mein Vater das Zeichen, und wir schlugen ein Lager auf. Ich half der dicken Berta beim Aufstellen der Zelte, dann nahm ich meinen Korb, und ging in den Wald.
   Ich fand einen schmalen Pfad, dem ich folgte, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf das Unterholz. Hier war der Boden feuchter, als in dem Waldstück, wo ich gestern die Beeren gesammelt hatte. Sicherlich wuchsen im nassen Moos viele leckere Pilze.
   Aus den Augenwinkeln nahm ich eine huschende Bewegung wahr. Lautlos wie ein Schatten war aus den Tiefen des Dickichts der Wälder der silberne Wolf hervorgekommen.
   „Silber! Du bist es!“
   Ich stellte meinen Korb ab und kniete mich nieder.
   Die Augen des Wolfs waren nun beinahe auf der Höhe meiner eigenen. Irgendwie wirkte der Blick nicht wie der eines wilden Tieres, denn in den Tiefen der Seelenfenster schimmerte etwas, das nicht zu einem Wolf passen wollte. Er gab ein leises Winseln von sich, und diesmal wagte ich es, streckte ganz langsam meine rechte Hand aus, und strich über seinen Kopf und Hals. Weich wie Seide fühlte sich das Fell an - ganz anders, als ich es von einem wilden Tier erwartet hätte.
   Einem plötzlichen inneren Impuls folgend, legte ich die Arme um den Wolf, und zog ihn an mich. Sein Kopf ruhte auf meiner Schulter, und ich spürte, wie sich sein Brustkorb unter seinen Atemzügen hob und senkte. Ganz still saßen wir da, wie alte Freunde, die sich nach langer Zeit wieder trafen, und ich gewann den Eindruck, dass der Wolf genauso die Umarmung genoss, wie ich.
   Meine Nase in sein Fell vergraben wartete ich, und hoffte, dieser Moment wolle niemals vorübergehen.
   Irgendwann gab der Wolf ein tiefes Schnaufen von sich, und ich löste die Umarmung.
   „Wollen wir Freunde sein? Ich heiße übrigens Elisa.“
   Wie dumm von mir, dachte ich, mit dem Tier zu reden. Aber wie sollte ich sonst meine beginnende Vertrautheit zum Ausdruck bringen?
   Der Wolf legte den Kopf schief, seine Zunge hing ihm seitlich aus dem leicht geöffneten Maul, und von diesem Augenblick an war jede Furcht vor dem Tier aus mir verschwunden.
   
   Und so wurde die silberne Wölfin zu meiner ständigen Begleiterin.
   Kaum hatte ich abends den Wald betreten, erschien sie, und lief auf mich zu, um mich zu begrüßen.
   Ja, es ist eine Sie. Das wusste ich seit gestern Abend. Ich hatte es bemerkt, als sich Silber einmal auf den Rücken gelegt hatte, und ich ihr den Bauch kraulte.
   
   Heute wollte ich den Waldsee aufsuchen. Auf unserer letzten Reise hatte ich diesen herrlichen Platz entdeckt, und auf meinem Weg zu einer Stelle im Wald, wo ich Wildäpfel zu finden hoffte, wollte ich an diesem ruhigen Fleck kurz verweilen.
    Es ging nur noch eine kleine Anhöhe hinauf, dann würde ich unten in einer Senke das still daliegende Gewässer erkennen können.
   Was ich dort jedoch erblickte, war so ungewöhnlich, dass mir vor Schreck mein Korb aus der Hand fiel. Schnell griff ich danach, und zog mich hinter ein Gebüsch zurück. Vorsichtig bog ich einen Zweig zur Seite, um aus meinem Versteck heraus einen weiteren Blick auf das zu werfen, was sich dort unten abspielte.
   Am Seeufer kauerte der größte Wolf, den ich jemals gesehen hatte. Sein Fell war tiefschwarz, und sein Rücken bestimmt so breit, dass ich darauf hätte reiten können. Und als wäre das noch nicht ungewöhnlich genug gewesen, befand sich im Wasser eine Frau mit so hellem Haar, dass es beinahe weiß wirkte. Sie hatte sich dort wohl vor dem Wolf in Sicherheit gebracht, und ich überlegte schon, wie ich ihr helfen konnte. Aber dann bemerkte ich, dass sie mit gleichmäßigen Schwimmbewegungen auf das Ufer zusteuerte, direkt auf das Tier zu. Als sie aus dem Wasser stieg, konnte ich erkennen, dass ihr langes Haar ihr bis weit über die Hüften reichte. Ich hielt vor Überraschung die Luft an, als ich sah, wie die Fremde auf den Wolf zuging, und ihn umarmte wie einen Liebhaber.
   Vorsichtig ließ ich den Zweig wieder los und zog mich langsam zurück.
   Irgendwie war das, was dort unten geschah, wunderschön und andererseits auch etwas unheimlich. Aber wenn ich mit einem Wolf Freundschaft geschlossen hatte, warum sollte das nicht auch eine andere Frau tun.
   Wie gerne hätte ich nun mit Jemand über das Erlebte gesprochen. Aber wer würde mir das glauben?
   Silber erschien an diesem Tag nicht mehr, egal wie lange ich auch nach ihr rief.
   Und auch am nächsten Abend blieb sie verschwunden.
   Waren wir vielleicht inzwischen zu weit von ihrem Revier entfernt? Wie hätte mir Silber das auch verständlich machen sollen?
   Mit hängendem Kopf schlich ich zurück zum Lager.
   „Warum ist denn dein Korb heute leer?“, wollte Irmi wissen.
   Ich hatte gar nicht bemerkt, dass das Mädchen neben mich getreten war.
   „Weil ich nichts gefunden habe“, erwiderte ich. Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht auf die Früchte geachtet. Die Sorge um meine neu gewonnene Freundin hatte mich dafür blind gemacht.
   Gerade wollte ich weitergehen, als mich meine Schwester am Arm festhielt.
   „Ach du meine Güte“, sagte Irmi, und deutete auf etwas, das sich hinter mir befinden musste.
   Und als ich mich umsah, erblickte ich dort den schwarzen Wolf, den ich gestern am Waldsee gesehen hatte. Starr vor Schreck stand ich da, und konnte nichts anderes tun, als ihn anzustarren. Dunkel wie die Nacht war sein Fell, und er war so groß, dass Silber neben ihm wahrscheinlich so klein wie eine Katze gegenüber unserem Hofhund gewirkt hätte.
   Eine zeitlang stand ich nur reglos da, wagte kaum zu atmen, und blickt ich an, aber dann bemerkte ich in den Tiefen seiner Augen den gleichen Schimmer, den ich schon bei Silber festgestellt hatte.
   Ich hatte nicht auf Irmi geachtet, die wohl weggelaufen war, denn nun kam mein Vater angerannt, begleitet von zwei Knechten.
   „Zurück! Zurück!“, rief er, und erhob drohend eine Heugabel.
   „Nein! Nein! Er ist nicht gefährlich!“, entgegnete ich, und hob abwehrend die Hände.
   „Geh aus dem Weg, Elisa.“
   Wenn er der Frau am See nichts getan hatte, würde er auch mich nicht angreifen. Er verhielt sich doch genauso friedlich wie Silber. „Nein. Du darfst ihm nichts tun!“ Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und umarmte den schwarzen Wolf. „Siehst du“, sagte ich zu meinem Vater. „Er ist kein wildes Tier. Er ist etwas Besonderes.“
   Ich stellte mich neben den Schwarzen, und dann erzählte ich die ganze Geschichte von Silber.
   Ungläubig starrte mich mein Vater an.
   „Ist denn dieser Wolf nicht Beweis genug, dass meine Geschichte wahr ist?“, sagte ich mit verzweifelter Stimme.
   Ich spürte eine Berührung am Arm. Der Wolf hielt einen Zipfel meines Ärmels im Maul und zog daran.
   „Ich soll mitkommen?“, fragte ich.
   Der Schwarze drehte sich um, lief ein paar Schritte weg, und wandte sich mir erneut zu.
   Als ich mich anschickte, dem Tier zu folgen, hielt mich mein Vater am Arm fest. „Du bleibst hier.“
   „Nein. Ich muss“, widersprach ich. „Er wird mir nichts tun.“
   „Es ist ein gefährliches, wildes Tier.“
   „Ist er nicht“, sagte ich mit bestimmter Stimme und riss mich los.
   „Elisa“, rief mein Vater.
   Es kam nur selten vor, dass ich meinem Vater nicht gehorchte, aber diesmal tat ich es. Ohne auf ihn zu achten, eilte ich auf den wartenden Wolf zu, der erneut ein Stück weiterlief um wiederum auf mich zu warten.
   Hinter mir hörte ich die wütende Stimme meines Vaters, der den anderen Männern Anweisungen gab.
   Der Wolf führte mich vom Lagerplatz weg in den Wald hinein, über einen flachen Hügel hinweg zu einem Bachlauf hinunter, dessen Verlauf er folgte. Dort gelangten wir an einen überhängenden Felsen, unter den der Wolf hineinlief und vor etwas stehen blieb, das ich zuerst nicht erkennen konnte. Der Schwarze gab ein klagendes Winseln von sich, und sah mich mit Augen an, aus denen ein beinahe menschlicher Ausdruck von Trauer sprach.
   Nun wurde mir klar, dass es Felle waren, die dort am Boden lagen. Sie schienen einen reglosen Körper zu bedecken.
   Und dann bemerkte ich zwischen den Falten eines Pelzes das blasse Gesicht einer Frau.
   „Bei allen Göttern“, entfuhr es mir.
   Es war die Badende, die ich am Waldsee gesehen hatte.
   Ich kniete neben der Schlafenden nieder und berührte ihre Stirn.
   „Sie hat hohes Fieber“, erkannte ich.
   In diesem Augenblick kam mein Vater an, und kniete neben mir nieder.
   „Was ist...?“, fragte er schwer atmend, und stutzte, als er die Frau bemerkte. „Wie kommt sie hier her, und was tut sie hier im Wald?“
   „Sie ist krank“, sagte ich, ohne meinen Blick von dem blassen Antlitz abzuwenden. Schmerz stand dort geschrieben, und ich schlug das Fell zur Seite, um die Bewusstlose zu untersuchen.
   Der Pelz war feucht und klebrig, und als ich meine Hand ansah, bemerkte ich, dass sie rot von Blut war.
   „Sie ist verletzt“, bemerkte ich erschrocken.
   Ein bisschen von Heilkunde verstand ich, das hatte mir Helena beigebracht. Die Frau war völlig nackt unter dem Fell, und schließlich fand ich ihre Verwundung.
   Aus ihrer rechten Schulter ragte ein abgebrochener Pfeilschaft.
   Erschrocken sog ich die Luft ein. „Wir müssen ihr helfen“, flehte ich meinem Vater an. „Helena kann sich um sie kümmern.“
   Vater nickte kurz entschlossen und zog seine Jacke aus, die er mir gab. „Knöpfe sie zu, und stülpe die Ärmel nach innen um.“
   Ich verstand zuerst nicht, warum ich das tun sollte. Auch der Knecht, der meinen Vater begleitete, warf mir seine Weste zu.
   Dann kapierte ich, was die beiden Männer vorhatten. Sie nahmen zwei stärke Äste, schoben sie durch die Ärmel der Jacken, wodurch eine Trage entstand. Darauf legte ich eines der Felle, und Vater und der Knecht hoben vorsichtig die Verletzte hinauf. Sie gab dabei ein leichtes Stöhnen von sich. Sicherlich hatte sie große Schmerzen. Ich deckte die Frau noch mit einem anderen Pelz zu, dann hoben die Männer die provisorische Trage an, und es ging zurück in Richtung unseres Lagers.
   Der schwarze Wolf lief wieder voraus. Schwitzend und schwer atmend kamen wir bei den Wagen an.
   „Helena!“, rief ich. „Wir brauchen deine Hilfe.“
   „Ach du meine Güte!“, entsetzte sich die Kräuterfrau, als sie die Verletzte sah.
   Ich erklärte ihr, was ich festgestellt hatte, und Helena wies die Männer an, die Frau in ihr Zelt zu bringen.
   Gemeinsam mit der Kräuterfrau kümmerte ich mich und die Frau aus dem Wald.
   Zuerst musste der Pfeil entfernt werde. Mir wurde beinahe übel, als ich sah, wie Helena den Schaft herauszog, wobei noch mehr Blut aus der Wunde quoll. Dann wurde die verletzte Schulter gereinigt, ein Kräuterwickel aufgelegt, und verbunden.
   Tiefe Trauer überkam mich beim Anblick des blassen Gesichts der Fremden. „Wer tut denn so etwas? Wer schießt mit einem Pfeil auf eine Frau?“, fragte ich.
   „Ich weiß es nicht“, erwiderte Helena. „Aber es gibt furchtbar schlechte Menschen.“
   „Wird sie wieder gesund werden?“
   „Sie hat viel Blut verloren. Aber sie ist ein junges Ding. Wenn sie diese Nacht übersteht, wird sie weiterleben. Aber sie darf auf keinen Fall bewegt werden, sonst verheilt die Wunde nicht, und bricht wieder auf. Ich weiß nicht, ob sie es schaffen wird, wenn die Wunde wieder zu bluten anfängt.“
   Mein Vater würde das gar nicht gerne hören, denn eigentlich wollten wir am nächsten Morgen weiterziehen. Und wir waren sowieso schon später dran als sonst, weil auf dem Markt ein Gauner von einem Wagen ein Rad gestohlen hatte. Einen Radmacher konnten wir finden, aber der hatte wegen dem Markt alle Hände voll zu tun, und so mussten wir länger bleiben.
   Plötzlich fiel mir ein, dass ich in der ganzen Aufregung völlig den schwarzen Wolf vergessen hatte.
   Die Szene am See fiel mir wieder ein. Es gab also eine Verbindung zwischen der Frau und dem Schwarzen.
   Aber warum kam der Wolf zu mir? Wieso führte er mich zu einer verwundeten Frau, die alleine im Wald liegt?
   Mittlerweile war es Nacht geworden, und am Himmel stand die beinahe volle Scheibe des Mondes. Ich ging zu den anderen Männern ans Lagerfeuer, das sie im Zentrum der Wagenburg errichtet hatten.
   Berta sah mich kommen, füllte eine Holzschale mit dem Eintopf, den sie gekocht hatte, und drückte sie mir in die Hand, zusammen mit einer dicken Scheibe Brot.
   „Iss“, forderte sie mich auf. „Damit du etwas Fleisch auf die Rippen bekommst.“
   „Damit du so groß und kräftig wie Berta wirst“, bemerkte ein Knecht.
   Die anderen Männer lachten, und die Köchin hob drohend ihren großen Holzlöffel in Richtung des Sprechers.
   Der Eintopf duftete herrlich und dabei merkte ich erst, wie hungrig ich eigentlich war.
   Während ich die Schale auslöffelte, hörte ich, wie sich die Menschen voller Aufregung über die Verletzte und die Ereignisse des Tages unterhielten. Schließlich wiederholte ich meine Geschichte, die mit der Versorgung der Verwundeten endete.
   „Wir werden Wachen aufstellen“, sagte mein Vater. „Wenn wir hier festsitzen geben wir ein gutes Ziel für irgendwelches Gesindel ab.“
   „Es gibt also doch Räuber im Wald?“, fragte ein Knecht.
   „Ja. Ich habe in der Stadt mit einem anderen Händler gesprochen. Ihm haben sie alles abgenommen.“
   „Schuld daran ist die fremde Frau“, warf ein anderer Mann ein.
   „Das will ich nicht gehört haben“, widersprach mein Vater. „Sie ist verletzt, und es ist unsere Pflicht, ihr zu helfen.“
   
   Später ging ich noch einmal ins Zelt der Heilerin.
   „Wie geht es ihr?“, fragte ich Helena, und ließ mich neben dem Lager der Verletzten nieder.
   „Ich denke, sie wird es schaffen.“
   Das Gesicht der Schlafenden wirkte etwas entspannter, und die totenartige Blässe war verschwunden.
   „Geh nun schlafen, Elisa. Ich werde über sie wachen.“
   Ich verabschiedete mich von der Kräuterfrau, und warf noch einen letzten Blick auf die Fremde. Dann ging ich zu meinem Zelt, und legte mich nieder. Aber ich wollte keinen Schlaf finden. Zu viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Immer wieder dachte ich an Silber und an die Szene am Waldsee.
   
   Am nächsten Morgen weckte mich Irmi. „Schnell. Komm. Die fremde Frau. Sie ist wach.“
   Ich warf die Schlafdecke beiseite, dabei bemerkte ich, dass ich noch meine Kleidung vom Vortag trug. Ich hatte völlig vergessen, sie gstern abzulegen. Ich schlüpfte in meine Schuhe, und eilte hinter meiner Schwester her.
   Helena sah so müde aus, als hätte sie die ganze Nacht kein Auge zugetan.
   Das Gesicht der Fremden war noch immer sehr blass, aber ihre Lippen hatten schon wieder etwas Farbe.
   Ich kniete neben ihrem Lager nieder. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. „Ich habe dich schon einmal gesehen - im Wald an einem See.“
   Ihr Gesicht zeigte ein feines Lächeln. Sie hatte dunkle Augen, die gar nicht zu ihrem hellen Haar passen wollten. „Wir haben uns schon viel öfter gesehen“, antwortete sie mit kaum hörbarer Stimme.
   Was wollte sie damit sagen? Hatte ich sie in der Stadt schon einmal getroffen? Aber sie wäre mir sicherlich aufgefallen, schon wegen ihrer langen Haare.
   „Sie braucht noch Ruhe“, warf die Kräuterfrau ein, und wie um dies zu bestätigen schloss die Fremde wieder ihre Augen.
   „Aber…“, setzte ich an.
   „Jetzt geh erst einmal essen. Dann kommst du zu mir und hilfst beim Verbandwechsel.“ Mit diesen Worten schob Helena mich und meine neugierige Schwester aus dem Zelt.
   
   „Das ist aber merkwürdig“, sagte die Kräuterfrau, als sie den alten Verband abnahm.
   „Was meinst du?“
   „Ihre Wunde. Sie ist schon viel besser verheilt, als ich gedacht hätte.“
   Über dem Wundkanal hatte sich schon ein Schorf gebildet, der von beginnender Genesung zeugte.
   Vorsichtig wusch ich das alte Blut ab.
   „Sie ist auch nicht entzündet“, erwiderte ich, als ich bemerkte, dass die Haut rund um die Verletzung nicht gerötet war.
   „Wirklich merkwürdig.“
   „Vielleicht liegt es an deinen Kräutern“, gab ich zu bedenken.
   „Möglich. Aber bei einer so schweren Wunde.“
   Gemeinsam legten wir einen neuen Kräuterwickel auf.
   „Geh jetzt schlafen, Helena. Ich werde auf sie aufpassen.
   Die Kräuterfrau nickt nur müde, und zog sich gähnend in den Hintergrund des Zeltes zurück, wo sie ihre Schlafstatt hatte.
   
   Es mochte wohl später Nachmittag sein. Helena schlief noch immer, und ich war wohl selbst etwas eingenickt gewesen. Die Fremde hatte fast die ganze Zeit geschlafen. In den kurzen Augenblicken, in denen sie wach war, hatte ich ihr zu Trinken und etwas Suppe gegeben. Sie dankte immer mit einem Lächeln, und einem tiefen Blick aus ihren dunklen Augen.
   Merkwürdigerweise erinnerte mich dieser Blick an jemand Anderen, aber mir wollte nicht einfallen an wen.
   Stimmen drangen jetzt von draußen an mein Ohr; Die eine war die meines Vaters, die andere kannte ich nicht.
   Die Frau vom Waldsee schlief tief und fest, deswegen wollte ich es wagen, kurz aus dem Zelt zu gehen.
   Aus der Deckung eines Wagens hervor beobachtete ich, was sich dort am Feuerplatz abspielte.
   Mein Vater und zwei Knechte standen dort. Ihm gegenüber sah ich den Fremden. Er trug eine ausgebeulte wollene Hose, eine Pelzjacke, die kaum noch Haare hatte, und stützte sich lässig auf ein Schwert.
   Plötzlich wurde ich von hinten mit eisernen Fäusten gepackt und hochgehoben. Vor Schreck schrie ich auf, und mein Vater und der Fremde sahen zu mir herüber. Ich wurde bis zu den beiden Männern geschleppt, und dort unsanft zu Boden geworfen
   „Ja was haben wir denn da“, meinte der Räuber und verzog seinen Mund zu einem hässlichen Grinsen. „Mit der Kleinen werden wir noch unseren Spaß haben.“ Am meisten erschrak ich nun über das narbige Gesicht des Mannes, denn dort sah ich kein bisschen Mitgefühl.
   Andere Männer lachten, und erst jetzt bemerkte ich die Gestalten, die unseren Lagerplatz umzingelten.
   Räuber. Und derjenige, der vor mir stand war bestimmt ihr Anführer.
   Ich wollte aufstehen und davonlaufen, aber der Kerl, der mich gepackt hatte, griff nach meinem Arm und drehte ihn mir auf den Rücken.
   Ein Mädchen schrie auf. Irmi! Hoffentlich taten sie ihr nicht weh.
   „Dein Geld. Her damit, oder er bricht der Kleinen den Arm“, drohte der Fremde meinem Vater.
   Der Griff verstärkte sich, und ich stieß einen Schmerzensschrei aus.
   „Warte“, rief mein Vater. „Es ist nicht nötig. Gib sie frei, und ich hole unsere Einkünfte.“
   „Erst das Geld. Dann das Mädchen.“
   Ich sah meinem Vater an, wie schwer ihm die Entscheidung fiel. Wir brauchten das Geld dringend, weil wir eine neue Pflugschar kaufen mussten.
   „Gib es ihm nicht“, sagte ich mit trotziger Stimme.
   Der Fremde gab ein Zeichen, und mein Arm wurde noch weiter verdreht. Diesmal biss ich die Zähne aufeinander und gab keinen Laut von mir.
   Ein anderer Mann brachte die zappelnde Irmi, und stieß sie neben mir auf den Boden.
   „Na gut. Wenn du nicht willst. Dann werden wir dem Mädchen eine Hand abschneiden. Irgendwann wirst du uns dein Geld schon geben.“
   Der Räuber riss Irmi hoch, zog ein langes Messer, und setzte es an ihr dünnes Handgelenk an. Tränen liefen über das Gesicht des Mädchens.
   Jetz war es wohl aus. Der Räuber würde bestimmt Ernst machen.
   Und dann begannen die Wölfe zu heulen.
   
   Der Mann, der mich festhielt, schrie vor Schmerz auf, der Griff um meinen Arm ließ nach, und ich rollte mich sofort zur Seite weg. Ein Wolf hatte sich in das Bein des Mannes verbissen. Ungläubig beobachtete ich, wie das Tier ihn von mir wegzog.
   Ringsum hörte ich nun Knurren aus vielen Kehlen. Männer schrieen vor Angst und Schmerzen. Irmi lief heulend davon. Und irgendwann sprang ein riesiger Schatten über mich hinweg.
   Es war der schwarze Wolf. Er stürzte sich auf den Anführer der Räuber, warf ihn zu Boden, und stand nun zähnefletschend über ihm. Noch nie hatte ich ein so Furcht erregendes Gebiss gesehen. Sicherlich würde der Wolf ihm gleich die Kehle herausreißen.
   Aber wo war eigentlich mein Vater?
   Er war bis zu einem Wagen zurückgewichen, und beobachtete das Geschehen mit fassungslosem Gesicht. Ich sprang auf und lief zu ihm hinüber.
   „Wie ist das möglich?“, sagte er. „Sie greifen nur die Räuber an.“
   Erst jetzt bemerkte ich unsere Leute, die auf oder unter den Wagen saßen, und die Kämpfe mit ebenso wenig Verständnis verfolgten, wie mein Vater.
   „Weil sie unsere Freunde sind“, meinte ich.
   Allmählich ebbte der Lärm ab, nach und nach verschwanden sowohl die Angreifer, als auch die Wölfe.
   Nur der Schwarze war noch da, und bedrohte weiterhin den Räuberhauptmann.
   Ich ging zu dem riesigen Wolf hinüber. „Vielen Dank, dass ihr uns geholfen habt.“ Dann fügte ich noch hinzu. „Der Frau geht es schon viel besser. Sie wird bald wieder gesund sein.“
   Der Blick aus den Augen des Wolfes änderte sich daraufhin. Ich glaubte, dort eine tiefe, beinahe menschliche Dankbarkeit zu erkennen. Er stellte sich neben mich, und gab damit den unter ihm liegenden Mann frei. Der warf sich herum, kroch auf allen Vieren ein paar Meter weg, bevor er sich aufrappelte. Aus totenblassem Gesicht sah er den Schwarzen und mich an. „Ihr steht mit Luzifer im Bunde!“, rief er mit sich überschlagender Stimme. Dann lief er davon, als wären alle Teufel der Hölle hinter ihm her.
   
   Außer ein paar blauen Flecken und Kratzern waren unsere Leute unverletzt geblieben. Irmi hatte sich versteckt gehalten, und ärgerte sich nun furchtbar, weil sie nicht gesehen hatte, wie der schwarze Wolf den Anführer der Räuber überwältigt hatte.
   Ich achtete nicht auf die aufgeregten Stimmen der Männer, sondern ging zurück zu Helenas Zelt, um nach der Verletzten zu sehen.
   Die Kräuterfrau war wach, und rückte gerade die Decke zurecht, unter der die Fremde ruhte.
   „Ist es wahr? Haben die Wölfe die Räuber vertrieben?“
   „Ja. Ich habe es mit eigene Augen gesehen“, erwiderte ich, und erzählte, was geschehen war.
   Sie schüttelte den Kopf. „Was für eine verrückte Zeit. Wenn das Tier dem Menschen hilft.“
   Helena brummelte noch irgendwas vor sich hin, und meinte dann, sie wolle Kräuter sammeln gehen.
   Als sie fort war, setzte ich mich neben das Lager der fremden Frau. Ganz ruhig und still lag sie da. Ihr Atem ging gleichmäßig, und das Fieber blieb verschwunden.
   Als könne sie jeden Moment aufwachen, dachte ich.
   Es beruhigte mich, dass sie wieder genesen würde. Vielleicht ließ sich dann das Rätsel ihrer Herkunft lösen.
   Und womöglich wusste sie mehr über die Wölfe, die sich mit den Menschen anfreundeten.
   Mein Arm, den der Mann verdreht hatte, tat nun nicht mehr gar so weh. Was wäre wohl geschehen wenn uns die Wölfe nicht geholfen hätten? Sicher hätte mein Vater das Geld hergegeben. Dann hätte ich eben neue Körbe flechten müssen, und uns wäre nichts anderes übrig geblieben als vor dem Mittsommer noch einmal zum Markttag zu fahren.
   Und dann bin ich wohl eingenickt.
   
   Als ich aufwachte, begann es bereits zu dämmern.
   Ich zündete eine Lampe an und betrachtete in deren Schein das Gesicht der Schlafenden. Sie bewegte die Augen unter den geschlossenen Lidern, atmete unruhig, und drehte sich hin und her.
   Vielleicht sollte ich ihr Felissaft geben. Der beruhigt und lässt die Menschen tiefer schlafen. Und Schlaf ist as beste Heilmittel.
   Ich suchte die Flasche, griff nach einem Becher, und eilte zur Kranken zurück.
   Ich erschrak, als ich sah, dass sie wach war, und sich aufgesetzt hatte.
   „Elisa, bitte hilf mir auf.“
   „Aber das geht doch nicht. Du musst dich noch erholen.“
   „Bitte. Ich kann es nicht mehr aufhalten.“
   „Aufhalten? Was denn?“
   Ein eigenartiger Glanz war in ihre Augen getreten – nicht wie vom Fieber. Es war anderes, und ich vermag es nicht mit Worten zu beschreiben.
   „Ich wollte dir alles vorher erklären. Aber jetzt ist keine Zeit mehr. Hab keine Angst. Irgendwann wirst du es verstehen.“
   Sie schwang die Füße aus dem Bett, und ich half ihr, aufzustehen.
   „Nicht so“, widersprach ich, und legte ihr eine Decke um die Schultern. Sie konnte doch nicht nackt im Lager herumlaufen.
   Sie wankte leicht, als ich ihr aus dem Zelt half. Kurz orientierte sie sich, dann ging sie vom Zelt weg in Richtung Wald. Sie strauchelte. Ich war zu schwach, um sie zu halten, und sie sank auf alle Viere nieder.
   „Hab keine Angst, Elena. Ich werde nun…“. Ihre Stimme versagte. Sie sah mich noch einmal an, und öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
   Flaum bedeckte ihr Stirn und Wangen, und die Eckzähne waren viel länger als bei einem Menschen. Sie gab einen kehligen Laut von sich. Das Tuch rutschte von ihrem Rücken, entblößte aber keine nackte weiße Haut, sondern silberfarbenes Fell. Die Beine verkürzten sich, der Rücken wurde schmaler.
   Nun bekam ich es doch etwas mit der Angst zu tun, und ich spielte schon mit dem Gedanken, wegzulaufen.
   Sie lag nun im Gras, völlig von Fell bedeckt, hatte den Kopf zwischen den Armen verborgen, und atmete schwer. Ihre Hände und Füße hatten sich in Pfoten verwandelt. Der Rumpf war kürzer und schmaler, als bei einem Menschen. Und als sie sich aufrichtete und mir ihren Kopf zuwandte, blickte ich in das Gesicht einer Wölfin.
   Und mit einemmal wurde mir klar, wer vor mir stand.
   „Silber! Du bist das!“ Ich nahm ihren Kopf in meine Hände, fühlte ihre Lebendigkeit, während sie mir das Gesicht leckte. „Ich hatte mir solche Sorgen um dich gemacht.“
   Ihr Haupt ruhte nun auf meiner Schulter, still hielt ich sie in meinen Armen, fühlte das weiche Fell, und atmete ihren Geruch ein.
   Nach einer Zeit die endlos schien, und doch viel zu kurz war, heulte in der Ferne ein Wolf, und ihr Kopf fuhr herum.
   Ich verstand. Sie musste nun gehen.
   Eine Träne rann über mein Gesicht.
   „Werden wir uns wieder sehen?
   Sie stieß mich mit dem Kopf sanft an der Schulter an. Dann lief sie zum Waldrand hinüber, blickte noch einmal zurück, um dann im Gewirr der Äste des Unterholzes zu verschwinden.
   Eine ganze Weile saß ich noch da, und ließ meinen Tränen und Gedanken freien Lauf, dann stand ich auf, und ging ins Lager zurück.
   Wie sollte ich das alles nur Helena erklären?
   Irmi kroch unter einem Wagen hervor. „Das war aber interessant. So was habe ich ja noch nie gesehen.“
   „Dir entgeht wirklich rein gar nichts.“
   
   Ich hatte gehofft, dass Silber nun wieder zu meiner ständigen Begleiterin auf meinen allabendlichen Streifzügen werden würde. Aber sie erschien nicht.
   Womöglich musste sie sich noch von ihrer Verletzung erholen, überlegte ich, oder wir waren nun schon zu weit gereist.
   Auch am nächsten Abend ging ich in den Wald in der Hoffnung, auf meine Freundin zu treffen. Aber wiederum wurde ich enttäuscht.
   Dies würde nun die letzte Nacht sein, die wir im Wald verbrachten. Ab morgen führte unser Weg über freies Land. Silber würde ich wohl nie wieder sehen.
   Still saß ich mit den anderen am Lagerfeuer. Die Geschichte mit den Räubern und Wölfen sorgte noch immer für ausreichend Gesprächsstoff, und wurde nun mit allerlei Ausschmückungen versehen.
   Es war schon spät, und ich spielte gerade mit dem Gedanken mich niederzulegen, als ich im äußersten Schein des Lagerfeuers eine Bewegung ausmachte. Schatten waren dort erschienen, aus deren Tiefe zwei Augenpaare das Licht des Feuers reflektierten. Und nun, da sie näher kommen, wurden sie als Wölfe erkennbar.
   „Silber“, rief ich, als ich helles Fell erkannte, sprang auf, und lief auf die Beiden zu.
   Und tatsächlich waren es meine Freundin und ihr riesiger Begleiter.
   Tränen der Freude rannen über mein Gesicht, als ich die Wölfin in die Arme schloss.
   Dann legte sie sich ins Gras, und ich bemerkte die ersten Anzeichen der Verwandlung. Mit Bewunderung verfolgte ich den magischen Vorgang, nahm meinen Umhang ab, und legte ihn ihr über den Rücken. Die Frau vom See setze sich auf und lächelte mich an. „Alista. Das ist mein Name.“
   „Alista. Das ist wunderschön“, lächelte ich sie an.
   „Hast du noch eine Decke?“
   Ich verstand nicht sofort.
   Alista wies auf den Schwarzen.
   Ehe ich reagieren konnte, kam Irmi angesaust, lächelte Alista an, und gab ihr das Gewünschte. „Wenn du wieder ein Wolf bist, darf ich dann dein Fell streicheln?“
   „Aber natürlich“, meinte die Frau, und strich Irmi zärtlich über die Wange.
   Bald darauf stand ein stattlich gebauter Mann vor mir, mit breiter Brust, und kräftigen Armen. Schwarzes, schulterlanges Haar bedeckte seinen Kopf, und aus seinen Augen sprach Weisheit und Güte.
   
   Aaron war der Name des Mannes, der nun die Geschichte seines Volkes zu erzählen begann.
   „Einst lebten die Völker der Menschen und Lykanthropen in friedlicher Koexistenz. Aber einige Menschen neideten uns ob unserer Fähigkeit. Sie suchten nach einem Geheimnis, wo gar keines war. Es ist unsere Natur, die Umwandlung zu vollziehen, und als Mensch oder als Wolf zu existieren. Die Beteuerung, dass es keine Magie oder Zauberei sei, stieß auf taube Ohren, und diejenigen, die nach einem Geheimnis suchten, wandten sich von uns ab. Sie verbreiteten Geschichten von düsteren Ritualen, bei denen Menschen geopfert wurden. Deren Blut sollte dort getrunken werden, was uns zu Wölfen machte. Immer mehr entzweiten wir uns, irgendwann waren die Worte erschöpft, wir blieben in den Wäldern, und mieden die Menschen. Und eines Tages geschah ein schreckliches Verbrechen. Ein junges Mädchen wurde gefunden, mit herausgerissener Kehle. Sofort wurden Stimmen laut, die mein Volk beschuldigten – zu Unrecht, denn wir mordeten nicht. Die Menschen machten Jagd auf uns, und töteten viele meiner Brüder und Schwestern. Wir zogen uns noch tiefer in die Wälder zurück – dorthin, wo noch nie der Fuß eines Menschen die Erde betreten hat. Seither mieden wir die Menschen, bis zum heutigen Tag. Einige von uns verzichteten von da an, die Verwandlung zu vollziehen, und über die Generationen hinweg verloren sie diese Fähigkeit. Es werden immer weniger, und eines Tages wird es wohl keine Lykanthropen mehr geben.“
   „Ich habe dich lange beobachtet, Elisa“, fuhr Alista fort. „Ich habe gesehen, wie du die Tiere des Waldes beobachtet und zu ihnen gesprochen hast. Und eines Tages habe ich beschlossen, mich dir zu nähern. Ich wollte deine Freundschaft und dein Vertrauen gewinnen. Erst viel später wollte ich dir mein Geheimnis anvertrauen. Aber böse Menschen machten Jagd auf uns. Und eines Nachts, als wir uns liebten, überraschten sie uns, und ehe ich mich verwandeln konnte, traf mich ein Pfeil in die Schulter. Aaron brachte mich zu unserem Versteck, und er musste hilflos mit ansehen, wie meine Lebenskräfte schwanden. Ich hatte ihm von dir erzählt, und flehte ihn an, dich um Hilfe zu bitten. Es waren nur noch wenige Tage bis Vollmond, der einzigen Nacht, in der wir keine menschliche Gestalt annehmen können. Der Drang, zum Wolf zu werden, wird dann übermächtig. Verletzt und geschwächt, wie ich war, hätte ich die Umwandlung nicht vollziehen können, und hätte für immer auf der Grenze zwischen beiden Welten verweilen müssen, oder ich wäre gestorben.“
   Mit diesen Worten endete Alistas Erzählung. Niemand wagte zu sprechen, nur das Knistern des Feuers, und die Geräusche der Nacht drangen an meine Ohren.
   „Wir danken euch allen“, setzte irgendwann Aaron fort. „Und vor allem dir, Elisa. Du hast zuerst die Kluft überwunden, hast Mut, und Selbstlosigkeit gezeigt. Wann immer ihr unseren Wald durchqueren werdet, werden wir über euch wachen. Und ich gebe euch mein Wort darauf, dass euch kein Leid geschehen wird.“
   
   Am nächsten Tag gegen die Mittagszeit gelangten wir an den Rand des tiefen Waldes. Grosse Felsblöcke türmten sich dort zu beiden Seiten des Weges auf.
   Und dort warteten die Wölfe auf uns.
   Es waren so viele, dass sie kaum Platz auf den Steinen fanden. Sogar ein paar Jungtiere bemerkte ich unter ihnen.
   Noch vor wenigen Tagen hätte mir die große Ansammlung Angst gemacht, aber nun sah ich in ihnen keine wilden Bestien mehr, sondern denkende, fühlende Wesen.
   Ein tiefes Glücksgefühl machte sich in mir breit, als ich ihnen zum Abschied zuwinkte, und ich freute mich schon auf die nächste Reise zum Markttag, und auf ein erneutes Treffen mit meiner Freundin.
   
   Ende
   
   © 2012 Hermann Weigl

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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