Jürgen Müller

Die Sonne

Die Sonne ist die unzuverlässigste Leuchte, die es gibt: Ist es ohnehin hell, steht sie am Himmel; ist es dunkel, lässt sie sich nicht sehen.

Wenigstens schämt sie sich ab und zu dafür. Man nennt dies Morgen- oder Abendrot. Manchmal versteckt sie sich sogar vor lauter Scham hinter dem Mond. Sehr oft auch hinter Wolken. In manchen Gegenden lässt sie sich ein ganzes halbes Jahr lang nicht blicken. Es ist also Hoffnung vorhanden, dass sie ihr Verhalten ändert und demnächst auch im Dunkeln strahlt.

Weiterhin ist die Sonne sehr reinlich. Kein Meer, in das sie nicht des Abends taucht. Trotzdem leidet sie an Akne, Sonnenflecken genannt. Darüber ärgert sie sich gelb. Dass sie im galaktischen Maßstab zu den „Gelben Zwergen“ gehört, ist ihrem Selbstbewusstsein auch nicht sehr bekömmlich.

Blähungen hat sie obendrein auch noch. Sie haben sicher schon von den sogenannten „Sonnenwinden“ gehört?

Ihre nächsten Geschwister Altair, Wega, Arktur, Formalhaut und Alpha Centauri sind sehr weit weg, deshalb muss sie sich mit sich selbst beschäftigen. Aus lauter Frust und Langeweile malt sie Sachen an: Bäume und Pflanzen grün; die Haut der Menschen braun, schwarz oder auch knallrot. Am tollsten aber treibt sie es mit den Regenbogen. Die haben deshalb auch einen Knacks weg und lassen sich nur ganz selten blicken.

Die Sonne ist wirklich arm dran. Kein Wunder, dass sie vor lauter Wut und Verzweiflung glüht.
 
 
  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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