Hans Witteborg

Letzte Schritte...

Letzte Schritte


Die Nacht hatte mir einen merkwürdigen Traum geschenkt.
Ich stand am jenseitigen Ufer des Flusses „Ohne Wiederkehr“ und erblickte auf der anderen Seite meinen Lebensweg, wie er sich aus dem Dunstnebel der Vergangenheit zum Flusse wand. Als Jungspund schritt , nein hüpfte ich auf diesem Pfad, als sich mir ein lachender Narr anschloß und mich ungefragt begleitete. Er tanzte vor mir her, verführte regelrechte Bocksprünge und animierte mich es ihm gleichzutun. Ich wollte kein Spielverderber sein und so tat ich es ihm gleich. So zogen wir lachend und hüpfend ein Stück Weges entlang bis es ihm einfiel mich zu verlassen. „halt“, rief ich ihm nach, „wie ist dein Name?“ „Bruder Leichtsinn“ war die Antwort bevor er sich meinen Blicken entzog.
Nur eine Kurze Zeit später sah ich ein leicht bekleidetes Mädchen am Wegesrand, eine verführerische Schönheit.
Ohne zu fragen hake sie sich bei mir ein und begann mich zu küssen. Muß ich erwähnen welche leidenschaftliche Umarmungen und Handlungen dann folgten? Offenbar hatte sie nach einiger Zeit und einer kurzen Wegstrecke genug von mir. Sie verweigerte mir weitere Vergnügungen und trennte sich mit einem widerlichen Lachen von mir. „Wie ist dein Name?“ fragte ich empört. „Wohlwollende nennen mich Leidenschaft, Enttäuschte sagen Lüge zu mir, mein wirklicher Name aber ist Untreue“! Entgeistert setzte ich meinen Weg fort.
Da stürmten plötzlich vom Wegesrand zwei häßliche Gestalten auf mich zu. Sie packten mich an den Oberarmen
und trugen mich zappelndes Etwas über eine weite Strecke meines Lebensweges. Wenn sie ermüdet halt machen wollten, trieb ich sie mit Worten an: „Weiter, weiter, keine Müdigkeit vorschützen!“
Da saß mitten auf dem Weg ein kleines Kind, das bitterlich weinte. Ich bat die beiden Herren mich abzusetzen, denn ich wollte mich um das Kleine kümmern – nicht im eigentlichen Sinne – sondern eher um meine Neugier zu befriedigen. „Hauen wir ab,“ sagten beide fast gleichzeitig, „Verantwortung ist nicht unser Ding.“ „Halt“, rief ich, „mit wem hatte ich es zu tun?“ „Gier und Neid“ antworteten die häßlichen Brüder.
Ich ging auf das Kind zu und fragte neugierig aber im mitleidig geheucheltem Ton, warum es denn so trauere.
„Ich weine um Dich,“ schluchzte das Kind wobei es mich mit seinen unschuldigen Augen fixierte. „Ich habe dir täglich reichlich Geschenke gebracht, du nahmst sie ohne Dank und ohne daß du mir irgend etwas zurück gegeben hast, das ist der Grund meiner unstillbaren Traurigkeit.“ Ich wollte das Köpfchen zum Trost streicheln
doch das Kind entzog sich mir. „Wie heißt du,“ wollte ich noch wissen. „Ich heiße Liebe, die Allumfassende,
geh, der Fährmann wartet schon!“
Richtig, ich war am Ufer des Flusses angekommen. Ohne weiteres Wort stieg ich zum Fährmann ins Boot.
Dieser sagte kein Wort, sondern setzte seltsam lautlos über. Alles geschah in einer Stille, die schmerzte.
Am anderen Ufer angekommen fragte ich beklommen, was sein Lohn für seine Bemühungen sei.
„Du hast schon bezahlt – mit deiner Einsamkeit!“ Damit verschwand er samt seiner Fähre.
Mit Wehmut blickte ich ans andere Ufer des Flusses „Ohne Wiederkehr“ auf meinen Lebensweg.
Dann tat ich die Letzten Schritte. Sie verhallten nicht, denn das Moor der Traurigkeit dämpfte ihren Klang.

Doch jeden Tag geht die Sonne wieder auf und leuchtet uns auf unserem Weg, damit wir uns vor uns selbst nicht fürchten müssen!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.10.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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