Anja Röck

Unhörbare Trauer

Er hatte die ganze Zeit versucht sie zu warnen, versucht sie zur Flucht zu bewegen. Versucht ihr zu zeigen, dass ihr Haus zu nah am Regierungsbezirk lag.
Aber sie wollte nicht gehen. Sie wollte nicht das Wenige verlassen, dass sie noch besaß.
Er kannte sie schon sehr lange. Hatte sie durch ihr Leben begleitet, durch die verschiedenen Stationen. Sie versucht zu trösten wenn sie traurig war. Sich mit ihr gefreut, wenn sie glückliche Momente erleben durfte.
Er schlug mit der Faust gegen die Wand. Warum nur hatte sie nicht auf ihn gehört?!
Aber sie hing nun mal an diesem Ort. Hing an diesem Haus, in dieser Stadt, die soviel verschiedenes Leben zeigte. Hing an diesem Land, das oft sehr grausam und feindlich zu seinen Bewohnern war und das Leben nicht gerade leicht machte.
Und gerade deshalb wusste sie das Leben zu schätzen. Zu oft schon hatte sie die Schattenseiten kennen lernen müssen.
Sie hatte ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt, dass doch noch alles gut werden würde. Dass dies nicht passieren würde.

Es war die dunkelste Stunde der Nacht. Gerade kurz vor dem Morgengrauen. Nachdem sie lange gebraucht hatte um Ruhe zu finden, war sie endlich in einen tiefen Schlaf gesunken.
Er hatte wirklich alles versucht sie wach zu bekommen. Doch es war zu spät.
Die Bombe traf genau das Haus.
In diesem Moment, gefangen in der Zeit, schien die ganze Welt nur noch aus Staub und Feuer zu bestehen. Es schien als wollte es selbst das Haus nicht glauben, dass ab diesem Moment alles verändert würde.
Fast hatte er den Eindruck, als hätte sich das Haus gewehrt zusammenzufallen. Und doch, mit großer Wucht waren die Trümmer herabgefallen und hatten sie unter sich begraben.
Sie hatte es nicht mehr gespürt.

Warum nur hatte sie nicht auf ihn gehört?!
Er betrachtete noch immer ihr Gesicht, konnte es nicht glauben.
Ganz langsam breitete sich tief in seinem Innern ein schier unerträglicher Schmerz aus, der sich seinen Weg zu Oberfläche suchte. Wieder und wieder schlug er mit der Faust gegen die noch stehende Seitenwand des Hauses. Er schrie.
So lange war er ihr Begleiter gewesen. Versucht ihr ein Freund und Berater und vor allem ihr Beschützer zu sein. Er hatte versagt.
Ganz langsam setzte sich der Engel neben sie auf den Boden und weinte.

Dieser Krieg ist doch angeblich sooo weit weg - und beschäftigt doch so viele Menschen. Auch mir erscheint er ziemlich nah - zu nah. Zuerst musste da unbedingt ein Gedicht aus mir raus "Eure Zukunft war gestern - Kinder im Irak". Die Reaktionen der Menschen denen ich dieses Gedicht zum Lesen gab lösten zwei Kurzgeschichten aus. Einmal "Unhörbare Trauer" - Sicht der Opfer. Nicht um einen Diktator zu verteidigen, der sich zig-tausendmal schuldig gemacht hat, sondern um die wirlich Betroffenen darzustellen. Eine Reaktion auf diese Geschichte war, dass man dies als Propaganda ansehen könnte. Darum die zweite Geschichte "Der Schuh war immer noch da" - Sicht der anderen Opfer...
Leider kann ich nichts gegen diesen Krieg tun! Nur versuchen meinen Protest so zum Ausdruck zu bringen!
Liebe Grüße
Anja
Anja Röck, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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