„Na, wie war dein Wochenende?“, fragte Marcel in den Raum.
Melanie sah vom Bildschirm auf. „Schön war’s. Wir sind...“
„Wahnsinn, einfach Wahnsinn“, rief Ulrike laut und übertönte Melanie vollständig. „Ich war shoppen und habe mich völlig neu eingekleidet. Guck doch mal...“
Melanie schaute über die Schulter. Marcel, der Schwarm aller Frauen im Betrieb schien Melanie überhaupt nicht wahrgenommen zu haben. Marcel und Ulrike lachten laut, und Marcel knetete vorsichtig ihre Schulter. „Total verspannt. Ich sollte dich wieder mal massieren,“ rief er.
„Ich freu’ mich drauf“, sagte Ulrike und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.
Wer weiß, was die wieder mit Massieren meinen, dachte Melanie sauer.
„Du solltest dich nicht so anbiedern“, knurrte Melanie. „Nächstens verlangst du noch Geld.“
„Aaach, Gnä’ Frau sind eifersüchtig“, triumphierte Ulrike.
„Quatsch“, fauchte Melanie. „Es ist einfach unhöflich, irgendwo rein zu kommen, wo mehrere Personen sind und nur eine zu begrüßen. Und eure Intimitäten könnte ihr woanders austauschen.“
Melanie war klar, dass sie eifersüchtig war. Morgen würde sie fünfundzwanzig werden, und kein Mann interessierte sich derzeit für sie. Sicherlich hatte sie ein, zwei Affären gehabt, aber das war nichts Ernstes gewesen. Logisch, dachte sie. Die anderen stylten sich auf, gaben sich aufreizend und männersüchtig und Melanie tat so gut wie nichts für ihr Äußeres. Und Männer konnten nun mal besser sehen als denken.
„Happy Birthday“, sang ihre Mutter mehr schief als gerade, als Melanie am nächsten Morgen erwachte. Sie drückte ihr einen Umschlag mit einem Gutschein in die Hand. Auf Mutters Kosten würde sie sich stylen und einkleiden lassen können, und zwar nach dem neuesten Trend.
„Soviel Geld hast du doch gar nicht“, vermutete Melanie. „Das hast du doch wieder einem deiner Kerle aus dem Kreuz geleiert. Ich finde es ekelhaft, wie du dich aufführst.“
„Sei nicht immer so negativ, Kind“, sagte Mutter. „Du brauchst einen Mann. Onkel Herwig möchte, dass ich zu ihm ziehe, und...“
„Mama“, schrie Melanie. „Ich bin doch kein Baby, dass du mir deine Männer mit ‚Onkel’ vorstellen musst. Dann hat dieser Herwig dir den Gutschein bezahlt.“
„Ja, ich habe ihn drum gebeten. Wenn er möchte, dass du unabhängig wirst, damit er mich ganz für sich haben kann, soll er auch dafür bezahlen.“
„Ach, und du glaubst, dass mich dieses blöde Aufbrezeln unabhängig macht? Guck dich doch mal an. Du siehst aus wie der wandelnde Farbkasten, und bist du etwa unabhängig?“
„Ja sicher. Wenn Herwig mich nicht will, nehme ich Balduin, und wenn Balduin meiner überdrüssig ist, habe ich immer noch Wenzel.“
„Wer ist Wenzel? Ist das schon wieder ein Neuer?“
„Habe ich dir Onkel Wenzel noch nicht vorgestellt? Das tut mir leid. Stimmt, wir haben uns ja auch drei Tage lang nicht gesehen. Vor vier Tagen hatte ich ihn noch nicht.“
Melanies Vater hatte sie und ihre Mutter verlassen, weil Mutter immer mit anderen Männern geflirtet hatte. Wenn Melanie Rat brauchte, war er immer für sie da.
Papa rief Melanie an, um ihr zum Geburtstag zu gratulieren.
„Papa“, sagte Melanie, als sie sich im Café gegenüber saßen und Melanie ein kleines Geburtstagsgeschenk in Empfang genommen hatte. „Ich habe ein elementares Problem. Männer gucken mich nicht an, was ich grundsätzlich nicht bedaure, denn ich will keine aufgemotzte Tusse sein, und die Männer, die auf so was abfahren, will ich eh nicht. Nun meint Mama, ich soll mich aufstylen und den Männern vor die Füße schmeißen.“.
Papa war ein kluger, ruhiger und bedächtiger Mann. Er liebte seine Mel über alles und war auch bereit, seine Meinung zu sagen, selbst wenn diese Melanie überhaupt nicht gefallen würde.
„Mel, mein Schatz“, sagte er und nahm ihre Hände. „Mel, du hast schon als Kind deine Mutter dermaßen ekelhaft und abstoßend gefunden, dass du wohl beschlossen hast, niemals so zu werden wie sie.“
„Wir war sie denn? So wie heute?“
„Nein, noch viel schlimmer. Sie putzte den Kerlen förmlich den Allerwertesten vor Verehrung. Und sie ging nie außer Haus ohne sich vorher eine Stunde lang zurecht gemacht zu haben. Ich bin schier verzweifelt.“
„Ja, stimmt, ich mochte sie noch nie, aber sie ist meine Mutter, und verachten tu’ ich sie nicht.“
„Mel, du bist den Männern gegenüber einfach zu abweisend. Du machst dich auch kein bisschen zurecht. Verhalte dich ein wenig weiblicher den Männern gegenüber. Männer wollen eine Frau und keinen getarnten Mann.“
Melanie überlegte. „Ich soll also Mama und mich addieren und dann die Schnittmengen ausleben?“
„Ja genau. Bist ein kluges Kind. Bist eben meine Mel,“ sagte Vater.
*
Melanie hatte den Gutschein von „Onkel“ Herwig genutzt und sich dezent verschönern lassen. Sie ließ ihre derben Jeans im Schrank und trug Kleidung, die nicht nur praktisch, sondern auch schön anzusehen war. Und sie zeigte nicht jedem, mit dem sie sprach, sofort, was sie von ihm hielt.
An ihrem 26. Geburtstag , frühmorgens um neun wurde sie nicht nur von Marcel und Ulrike mit einem herzlichen „Happy birthday“ begrüßt. Die ganze Firma stieß nach Feierabend mit ihr an.
„Was ich dich immer schon fragen wollte“, sagte Marcel ungewohnt schüchtern. „Ich bin so verspannt. Könntest du mich massieren?“
Melanie sah ihn kritisch an.
„Nein“, rief er und lachte. „Nicht so, wie du denkst. Wenn ich am Schreibtisch sitze. Einfach nur die Nackenmuskulatur durchkneten, damit ich wieder lockerer werde.“
So locker, wie ich inzwischen bin, dachte Melanie und knetete.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.11.2012.
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