Hedy Hubmann

Morgenstimmung in einer ganz normalen Familie

Einleitung
Die 10-jährigen Schüler und Schülerinnen einer 4. Klasse in Zürich hatten den Auftrag, den morgendlichen Ablauf zuhause zu schildern, bevor sie zur Schule kommen. Der Aufsatz eines  Jungen war besonders amüsant und hat zu folgender Geschichte inspiriert:
 
 
„Meine Mutter steht in der Küche und trinkt ihren ersten Kaffee – ohne den geht nämlich gar nichts. Mein Vater rasiert sich im Gäste-WC, da unser Badezimmer jeweils am morgen  für längere Zeit von meiner älteren Schwester belegt ist. Er hat das Gesicht voller Rasierschaum und schneidet Grimassen wie ein Schwein. Autsch, jetzt hat er sich geschnitten. „Mutter, hol mir einen Waschlappen“ ruft er. „Du kannst mich mal, ich hol Dir keinen“ gibt sie zurück. Im übrigen bin ich nicht Deine Mutter sondern Deine Frau“.
„Noch bist Du es – noch!“ schnaubt er wütend aus dem Gäste-WC und holt sich den Lappen selber.  Ungerührt nippt meine Mutter an ihrem Morgenkaffe und kontert: „Hast Du Dir schon mal ausgerechnet, was eine Scheidung Dich kosten würde?“ Offenbar hat mein  Vater am morgen früh keine Lust zum Rechnen. Mit einem Pflaster am Kinn verlässt er wortlos die Wohnung und knallt die Tür zu.
 
Auch ich habe am morgen in der Schule keine Lust zum Rechnen. Ob ich es mal mit Türenknallen und Abhauen versuchen soll? Besser nicht, sonst gibt es nur wieder ein ausserordentliches Elterngespräch mit der Lehrerin. Solche Gespräche haben erfahrungsgemäss Konsequenzen: Gameboy-Entzug, iPhone Abosperre und andere Foltermethoden.
.
Endlich gibt meine Schwester das Badezimmer frei, meine Mutter stürzt sofort hinein und schimpft über die Haare im Lavabo.
 
Der Gewinner unseres alltäglichen Morgenrituals bin eigentlich ich. Ich bin im Alter wo sich Jungs nur unter massiven Drohungen waschen. Und bitte schön, wo soll ich mich denn waschen – alle Waschgelegenheiten sind ja besetzt. Während meine Mutter mit ihrer Morgentoilette im Badezimmer beschäftigt ist, kippe ich das Gesundheitsmüesli in den Mülleimer, schnappe mir eine Tüte mit Chips vom obersten Regal im Küchenschrank, verstaue eine Flasche Cola in der Schultasche – und los geht’s –ungewaschen“!
 
November 2012
 

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