Fred Schmidt

Eindrücke - Madrid 2012

 
Der Taxifahrer bringt uns schweigend und mit atemberaubendem Tempo und unter Missachtung aller Geschwindigkeitsbegrenzungen vom Flughafen Barajas zur Plaza Ángel im Zentrum, wo wir uns diesmal nach Internetrecherchen für ein paar Tage in einem einladenden Hostal  ein Zimmer reserviert haben. Ein Experiment, das sich gelohnt hat, denn das Quartier erweist sich mehr als o.k. mit freundlichem Personal, reichlichem Frühstück und sauberem Zimmer – und auch nicht zu teuer. 
Kurz vor Ankunft an der Plaza Ángel taut der schweigsame Taxifahrer auf einmal auf und gibt uns eine Reihe von Empfehlungen für das Umfeld.
Dann Tomatensalat, iberischer Schinken und Bier in einem sehenswerten sevillanischen Lokal, La Villa Rosa, wo wir erfahren, dass es dort abends Flamenco - Tänze zu sehen gibt.
Danach trenne ich mich von meiner Frau, da wir beide mal unseren eigenen Interessen nachgehen möchten. Zuerst muss ich mich mal um die Reparatur meiner Sonnenbrille kümmern, an der bei einer Umarmung mit einer temperamentvollen spanischen Freundin ein Bügel abgebrochen war. Also Ausschau nach einem Optikerladen auf einer der großen Geschäftsstraßen, die von der Plaza del Sol abgehen. Bei einer vornehmen Optikervertretung empfängt mich eine ältere, etwas langweilige Dame. Ich zeige ihr meine lädierte Brille, an der lediglich nach Entfernung der Minischraube ein neuer Bügel monziert werden muss. No seor, no se puede reparar. Das kann man nicht reparieren. Tut mir leid. Ich habe allerdings den Eindruck, dass man sich in ihrem teuer aussehenden Laden einfach nicht mit meiner einfachen Sonnenbrille beschäftigen wollte, an der ich doch so hing, weil sie bifokal war und ich sie in USA (allerdings in einem Supermarkt) erstanden hatte. 
Ich verlasse das Optikergeschäft, will aber nicht so schnell aufgeben und mache mich auf die Suche nach einem anderen Optiker. Schließlich stoße ich auf einen modern eingerichteten großen Optikerladen, der sich Brillendoktor nennt. Genau das Richtige für mich. Drinnen werde ich von einer hübschen, jungen Frau in weißem Kittel empfangen, die mir aufmerksam zuhört und meine Brille inspiziert. Kein Problem, werden wir sfort erledigen. Sie können darauf warten. Nach sechs Minuten ist ein neuer Bügel montiert, und da er etwas anders aussieht als der noch vorhandene, bitte ich die freundliche Frau, mir doch auch noch den zweiten Bügel durch einen neuen zu ersetzen. Auch das wird im Handumdrehen erledigt. Außerdem ist die Reparatur erstaunlich preiswert.
Auf dem Rückweg zur Plaza del Sol, wo ich mich in einem Bücherladen nach spanischer Lektüre für den Winter umsehen will, kann ich es mir nicht verkneifen, wieder den ersten Optikerladen mit der langweiligen Dame zu betreten, ihr meine reparierte Brille unter die Nase zu halten und eine ironische Bemerkung zu machen, dass ich ihr wohl als Kunde nicht vertrauenserweckend genug erschienen sei. 
Dann mache ich mich an die Büchersuche in der Bücherabteilung des Corte Inglés. Dabei ergeht es mir wieder wie so oft , wenn ich einen großen Bücherladen betrete. Von der Menge der Neuerscheinungen werde ich erschlagen. Da ich keine Vorinformationen habe, beginne ich einzelne Bücher aus den Regalen zu ziehen und von den Tischen zu nehmen, um die Klappentexte zu lesen. Schließlich möchte ich doch wissen, worum es sich handelt und ob mich das interesssieren könnte. Ich bin nicht mehr der Jüngste, weshalb mir das Herumstehen beim Lesen bald etwas beschwerlich wird. Und dann beginne ich, mich darüber zu ärgern, dass es im Unterschied zu Deutschland in diesen großen Buchgeschäften keine Sitzgelegenheiten gibt und dass man mir, wenn ich darauf hinweise, freundlich aber bestimmt sagt Wir wollen nicht, dass man hier liest, hier soll gekauft werden. Am Ende bin ich dann so stinkig, dass ich den Laden verlasse, ohne ein Buch gekauft zu haben. Das meiste, was veröffentlicht wird, könnte sowieso gleich wieder eingestampft werden, literatura basura. Ohnehin kaufe ich lieber beim Bouquiniste.
Spaziergänge und Schaufensterbummel mit meiner Frau. Und dann eine freudige Überraschung: neben unserem Hostal gibt es ein Lokal namens el Central, wo für die Woche Jazzkonzerte angekündigt sind: O Sisters. Wir bekommen gerade noch einen Platz, alles ist schon reserviert. Es lohnt sich: gesungener amerikanischer Jazz aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Herrlich! Guitarre, Bass, Schlagzeug und drei Stimmen, zwei Frauen und ein Mann. Und alles wird mit viel Komik vorgetragen. Das Lokal ist gerammelt voll, und das jeden Abend in dieser Woche. Und am Schluss will der Applaus jedesmal nicht aufhören. 
Nachher haben wir noch Hunger. Es ist schon 23:30 Uhr, aber auf der Plaza Ana um die Ecke kann man noch draußen sitzen und etwas zu essen bekommen. Leider haben wir den Eindruck, dass wir genappt werden. Wenig und schlechtes Essen und überteuert. Man nimmt die Touristen aus – und die nicht eingeweihten Einheimischen.
Am Tag darauf Kultur: endlich ein Besuch im Prado. Wir hatten es seit Jahren immer wieder aufgeschoben, weil uns die endlosen Schlangen am Eingang abschreckten. Diesmal waren sie kürzer, und es ging schnell. Ermäßigter Eintritt für Senioren sowie auch ermäßigter Fahrpreis für den bus turistico, mit dem wir hergekommen waren. Und dann? Was für eine erdrückende Menge von gigantischen Bildern mit viel Fleisch, halbnackten Damen, die nur so mit Fettröllchen bedeckt waren! Was für eine Gallerie biblischer Geschichten, die mir nichts sagten! Was für eine endlose Reihe von Porträts alter Herren, die ich nicht kannte! Aber hier und da ein malerisches Kleinod! Und dann Francisco de Goya, wundervoll, aufrührerisch und erschütternd. Und schließlich noch die neuentdeckte Kopie der Mona Lisa. 
Trotz allem erdrückt uns die verstaubte Vergangenheit der Bilder, so dass wir durch einen Seitenausgang die Flucht ergreifen. Die Gemälde des sonnigen Nachmittags mit den belebten Straßen und bunten Leuten aus Fleisch und Blut haben allemal mehr Reiz und Bedeutung für uns. 
Schließlich landen wir auf dem nicht weit entfernten antiquarischen Büchermarkt, wo ich mich endlich für Lektüre entscheiden kann. Ich kaufe Delibes, Garcia Marques, spanische Liebesgedichte und ein Buch über Goya.
Abends finden wir uns dann in La Villa Rosa zur Flamenco-Vorführung ein. Eine Wucht! Eineinhalb Stunden sind wir fasziniert von so viel im Takt kontrollierter Bewegung. Und da wir auch hungrig geworden sind, begeben wir uns in ein vorher ausgemachtes ruhiges, gepflegtes Restaurant, el Museo del Vino, wo wir bei reichlich gutem Essen zufrieden den Abend beschließen.
Der Taxifahrer, der uns am nächsten Nachmittag zurück zum Flughafen bringt, beachtet gewissenhaft die Geschwindigkeitsbegrenzungen und riskiert keinen Unfall. Er ist auch nicht schweigsam und erzählt pausenlos von seinen Kindern. 
Drei Tage Madrid, die wiedermal viel zu schnell vergangen sind. Aber wir geloben, im nächsten Jahr zu dieser wundervollen Stadt zurückzukehren – wenn es unsere Gesundheit erlaubt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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