Nadya Boudlal

Füreinander bestimmt

„Er spürte, wie der Regen immer stärker wurde, als wollten die Regentropfen ihn zu Boden fallen lassen. Einen Moment lang, kniete er neben den Leichen nieder und sah zu seinen Frauen, die beide vor Nässe trieften. Wie sehr er sich wünschte, der Regen würde alles wegspülen. Das Blut, den Schmerz, die Vergangenheit.  Er sah die steifen Gesichter, die ihn so ausdruckslos anstarrten. Er sah, wie leer und leblos die Körper waren. Und trotzdem konnte er spüren, wie verunsichert, verletzt, verzweifelt sie waren.  Vorsichtig nahm er den Revolver in die Hand. Sie zitterte. Er nahm die kalte Hand seiner Tochter. In diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass er ihr alles genommen hat. Sie hätte noch so vieles erleben können.  Dann dachte er wieder an das ehrenlose Leben. Ein Leben ohne die Führung, ohne die Anweisungen Hitlers? Hätte sie sich das gewünscht? Nein, sicher nicht. Er drückte ihr die Waffe in die Hand und hielt sie fest. Sie sollte dem ein Ende setzten. Für ihn gab es schließlich nichts mehr, was das Leben hätte lebenswert machen können.  Hitler, sein Führer, die Familie, sein Stolz, alle tot. Genauso, wie die Hand, die er hielt. Sie konnte ihm nicht mehr helfen. Er richtete sich auf, legte die Waffe hin und ging. In dem Moment war es ihm gleichgültig, wohin. Einfach nur weg. Vielleicht würde er wieder kommen, sich zu seiner Familie legen und den Revolver an seine Schläfen halten.“ Ich hielt einen Moment inne. „Vielleicht würde er.“  Ich hörte einige meiner Klassenkameraden in die Hände klatschen. Justin warf mit ein ermutigendes Lächeln zu. Er schwieg lediglich. Genau genommen, war es das allererste Mal, dass ich ihn schweigen gesehen habe. Er hatte immer etwas zu sagen, immer etwas zu kritisieren, aber heute war er still wie die Nacht. Ich kann mich heute noch sehr gut an diesen seltsamen Moment unmittelbar nach meinem Vorlesen erinnern. Es fühlte sich an, als wären nur noch wir beide im Raum. Nur er und ich. Er sah mich mit diesem Blick an, damals konnte ich ihn kaum definieren, aber heute weiß ich, dass es eine Art Begeisterung war, die er mir übermitteln wollte. Begeisterung gepaart mit einer riesigen Menge an Respekt , Bewunderung, Verblüffung.  Er sah mich allerdings nur einen Bruchteil einer Sekunde so an, dann fiel sein Blick zu Boden. „Ja, das war doch schon ganz gut, Allison. Möchte noch jemand anderes vorlesen?“ fragte er durch die Klasse. Natürlich wollte niemand, also fuhr er mit dem Unterricht fort.  Als es klingelte leerte sich der Raum in Windeseile und ich blieb wie sonst auch als einer der letzten im Raum übrig. Nun wollte ich am Lehrerpult vorbei, die Tür hinaus, sowie ich bemerkte, dass mich Mr. Dixon keines Blickes würdigte. Eigenartig war das schon, wo er sich doch sonst immer von allen verabschiedete. Ich lief also mit Justin in Richtung Mensa. „Ally, ich bin echt stolz auf dich! Ich hab dir doch gesagt, es wird den Leuten gefallen.“ „Ich weiß nicht…Mr. Dixon war…“ „Vergiss doch den Kerl, der ist ein Kritiker. Der hält sich für sonst was Besonderes. Glaub mir Schatz, du hast wirklich Talent!“ Mit Talent hatte das ganze herzlich wenig zu tun, aber ich ließ die Sache auf sich beruhen, um meiner Mittagspause zu genießen. Wie immer bestellte ich mir einen Salat, ein Käsebrötchen und eine Cola, um dann mit Justin und seinem Fast-Food-Essen nach draußen zu gehen. Bei Wind und Wetter aßen wir immer  auf der hintersten Bank in der rechten Ecke des Hofes. So viel Präzision mag manchen merkwürdig vorkommen, aber für mich ist es Alltag, denn ohne ein bestimmtes System und meinen täglichen Ritualen wäre ich in dieser Schule vollkommen verloren. Oder generell im Leben. Zu meiner Person ist zu sagen,  dass ich seit 17 Jahren Tag für Tag darum kämpfe, endlich zu sterben.  Das liegt zum einen daran, dass ich, sozial gesehen, ein totales Wrack bin und außer Justin nicht wirklich jemanden habe, den ich meinen Freund nennen kann,  des Weiteren bin ich seit meiner Kindheit emotional gestört und völlig fehlentwickelt, da meine reizende Mum es für nötig gehalten hat, jede Nacht einen anderen Kerl mit nachhause zu bringen. Außerdem hat mein Vater es  mir vorgemacht. Er hat sich vor meinen Augen eine Kugel in den Kopf gejagt. Vielleicht sind das die Gründe, weshalb ich, als schwarze Gestalt verkleidet, durch die Gegend laufe und weshalb die kleinen Fünftklässler sich immerzu vor mir fürchten. Soviel zu mir. Justin, der seit sechs Jahren, weshalb auch immer mein bester Freund ist, scheint dagegen das zu sein, was andere als normal bezeichnen würden.  Seine Familie scheint der Werbung entsprungen zu sein, wo immer alle glücklich am Esstisch sitzen und Monopoly spielen. Er ist die Intelligenzbestie schlecht hin und könnte im Prinzip jetzt schon auf’ s College gehen. Er ist, wie sagt man, glücklich. Die meisten würden sich an dieser Stelle fragen, wieso zur Hölle er seine Zeit mit mir verschwendet und das  frage ich mich manchmal  selbst. Aber er mag mich, also mag ich ihn auch, soweit ich überhaupt noch so etwas wie Gefühle empfinden kann. Wobei, ja, das tue ich. Ich fühle mich manchmal  schlecht, wenn ich kleine, hilflose Tiere aufschlitze, aber nur manchmal. Weiter im Skript, während wir unser Essen aßen und über Gott und die Welt philosophierten, das kann Jus nur zu gut, kam ihm auf einmal die geistreiche Idee, dass ich Mr. Dixon noch mehr von meinem Zeug zeigen sollte. „Willst du, dass er völlig verstört diese Schule verlässt? Ich meine, du hast doch meine anderen Sachen auch gelesen, und ganz ehrlich Jus, würdest du nicht auch vor Angst zusammenzucken, wenn du das nicht sowieso schon von mir kennst? Ich will sein armes, altes Herz nicht überstrapazieren.“ Gut, das war gelogen, denn mit gefiel die Vorstellung, Mr. Dixon könnte aufgrund eines Herzinfarktes in seinen jungen Jahren plötzlich sterben. Ich konnte es fast schon vor mir sehen, wie er mitten im Unterricht von seinem Stuhl fällt, sein Gesicht erstarrt und sein Puls aufhört zu schlagen. „Papier und Stift, bitte!“ Gedacht, gezeichnet. Binnen von zwei Minuten zierte ein toter Mr. Dixon vor einer geschockten Klasse das zuvor kahle Blatt Papier. „Ally, du bist krank… Und ich liebe dich!“ Er lachte und ich konnte nicht anders, als mit zu lachen, denn bei den komischen Lauten, die er dabei von sich gibt und dann noch dem verzerrten Gesicht...da kann auch ich mich kaum mehr beherrschen. Sonst lache ich auch nicht viel, wieso auch? Deshalb wird meine Geschichte alles andere als lustig,  aber nun ja, das Leben, so wie es die meisten kennen, besteht eben nicht nur aus Spaß.

Bei Interesse stelle ich gerne noch ein paar weitere
Kapitel online:)
Nadya Boudlal, Anmerkung zur Geschichte

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Ein Tag im Februar des Jahres 2006. Der EDV- Fachmann Klaus Gruschki kann kaum ausdrücken, was er empfindet, als er seine neugeborene Tochter Leoni im Arm hält. Seine Frau Michaela und er sind die glücklichsten Menschen der kleinen, süddeutschen Provinzstadt und voller Vertrauen in die gemeinsame Zukunft. Doch die Beziehung und das Glück zerbrechen. Auf einmal ist Klaus allein und Michaela mit Leoni verschwunden. Erst nach langer Suche und mit großen Mühen gelingt es dem Vater, Mutter und Kind wieder zu finden und den Kontakt zu Leoni neu herzustellen. Dann entzieht ein bürokratischer Akt dem Vater die gemeinsame Sorge fürs Kind. Gruschki weiß sich nicht anders zu helfen, als seinerseits mit der Tochter heimlich unterzutauchen. Nach einer dramatischen Flucht wird er in Österreich verhaftet und Leoni ihm gewaltsam entrissen. Er kommt in Haft und wird als Kindesentführer stigmatisiert. Doch Klaus Gruschki gibt den Kampf um sein Kind und um Michaela nicht auf …

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