Jürgen Berndt-Lüders

Ich muss, ich muss...

Annerose Maierling redete gern. Vor allem hasste sie Fäkal- Ausdrücke. Sie brachte es fertig, ganz einfache Vorgänge so vornehm und ausführlich zu schildern, dass allen Zuhörern angst und bange wurde, wenn sie anfing zu erzählen.
 
Annerose gehörte das Haus, in dem sie mit sieben anderen Mietparteien wohnte.
 
Da gab es den Herrn von unten links im Rollstuhl, den seine Frau im Sommer  frühmorgens unter das Vordach im Hauseingang schob, damit sie in Ruhe ihre Wochenblätter lesen konnte. Dadurch  war er den Attacken Anneroses regelrecht ausgeliefert.
 
„Wie geht es Ihnen heute?“ das war die Overtüre zur Oper, die sie ihm heute erzählen wollte. Es ging ihr wieder mal um die Ehe ihrer Tochter Lena, die ihrer Meinung nach nicht allzu glücklich verlief.
 
„Nicht so gut, Frau Maierling, mich juckt es pausenlos unter der Fußsohle, und ich kann mich nicht kratzen. Ja, wenn ich weglaufen  könnte...“
 
Annerose unterbrach. „Das kenne ich. Meine Tochter Lena hat einen Mann. Immer wenn ich die beiden besuche, läuft er weg. Das kratzt mich zwar nicht, aber...“
 
So ging das stundenlang weiter.
 
Wenn die Schülerin von ganz oben rechts Pech hatte, fing Annerose sie  ab, wenn sie von der Schule kam. Und weil Anneroses Tochter Lena ihrer Meinung nach Pech mit ihrem Mann hatte, meinte sie, die Schülerin vor den Männern warnen zu müssen.
 
„Wie geht’s dir?“, fragte sie die Schülerin, und die ahnte Schreckliches. „Schlecht“, rief die sie. „Morgen schreiben wir eine Mathearbeit. Die darf ich nicht verkacken.“
 
„Moment“, protestierte Annerose. „Diese Ausdrücke. Meine Tochter Lena hat auch immer solche Ausdrücke gebraucht, und die  Männer glaubten, sie hätte keine Bildung. Deshalb hat sie den erstbesten nehmen müssen.“
 
Die Schülerin wollte gehen. „Nun bleib noch“, rief Annerose.
 
„...ich muss, ich muss“, rief Yvonne und wandte sich zum Gehen.
 
„Was musst du?“ fragte Annerose.
 
„Kacken“, rief Yvonne trotzig und verschwand.
 
Wenn Annerose nach besonders prickelnder Unterhaltung zumute war, ging sie bei Wagners im dritten Stock links klingeln.
 
„Guten Tag Frau Wagner. Wie geht es Ihnen?“
 
 „Nicht so gut. Ich habe heute Migräne.“
 
„Oh, da kann ich Ihnen helfen. Migräne habe ich häufig. Früher habe ich mich ins Bett gelegt und die Vorhänge zugezogen.“
 
„Ja, das mache ich jetzt auch. Danke für den Tip.“ Sie wollte die Tür schließen.
 
„Und meine Tochter Lena hat sich ans Bett gesetzt und mir was erzählt“, berichtete Annerose weiter. „Ich bin gern bereit, Ihnen auch in der Beziehung behilflich zu sein.“
 
Das Telefon klingelte. „Lassen Sie es klingeln“, riet Annerose.
 
„Ich muss, ich muss...“ sagte Frau Wagner und schloss die Tür.
 
Gut, dass die nicht auch gesagt hat, dass sie kacken muss, dachte Annerose.
 
Wenn Annerose besonders gut drauf war, klingelte sie bei dem Herrn Erster Stock links.  Er  war zuhause.
 
„Wie geht es Ihnen?“, fragte Annerose.
 
Dem Mieter wurde klar, dass dieses Gespräch mindestens eine Stunde dauern würde, und dazu hatte er nun gar keine Lust. „Ich bin grad im Aufbruch“, sagte er. „Die Arbeit ruft.“
 
„Warum wollen Sie so plötzlich...“
 
„Ich muss, ich muss“, sagte Herr Huber und nötigte Annerose zur Tür hinaus.
 
Na, der sagt bestimmt nicht kacken, dachte Annerose und ging zurück in ihre Einsamkeit.
 
Annerose beschloss, ihrer Tochter das Haus noch zu Lebzeiten zu überschreiben. Die aber setzte ihren Mann, Anneroses Schwiegersohn als Verwalter ein.
 
„Warum machst du das?“, fragte Annerose ihre Tochter. „Du weißt, dass er mich nicht leiden kann.“
 
„Ich muss, ich muss. Ich habe keine Ahnung von sowas“, sagte die.
 
Kacke, dachte Annerose. Richtig, richtig Kacke ist das. Nun habe ich ihn jeden Tag um mich...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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