Jürgen Berndt-Lüders

In den Sechzigern

Klaus beobachtete seit einiger Zeit, wie sich seine Tochter Claudia heraus machte. Bedenklich war’s, weil sie sich zu einer Frau entwickelt hatte, die er früher selber nicht hätte übersehen können. Und so, wie es ihm ging, ging es heutzutage sicherlich auch den jungen Männern.
 
„Gisela“, hatte er schon vor längerer Zeit zu seiner Angetrauten gesagt. „Gisela, wir müssen strenge Maßstäbe bei Claudia anlegen. Nach der Schule sofort nach Hause. Etwas essen, eine halbe Stunde ausruhen und dann Hausaufgaben machen. Um sechs Uhr Abendbrot, ein kleines Familiengespräch und anschließend noch ein wenig Musik hören. Um zehn Uhr fängt die Nacht an.“
 
Gisela hatte als junges Ding unter der Strenge ihres Vaters gelitten und wollte ihrer Tochter dergleichen nicht antun. „Das klingt ja wie der Tagesablauf in einem Frauengefängnis. Denk dir mal gleich noch Strafen aus, falls Claudi die Regeln nicht einhält.“
 
„Du hast keine Ahnung, wie raffiniert die jungen Männer sind. Eines Tages gesteht sie uns, dass sie schwanger ist, und dann kannst du ihre Zukunft vergessen.“
 
Gisela erinnerte sich. „Was sagt meine ostpreußische Mutter immer? ‚Mariellchen, zieh de Blachbuxen an, de Mariners kommen.’“
 
Sie fand die Mädels Ende der Sechziger nicht mehr so leichtgläubig.
 
Beide hatten Klaus’ Plan nach lebhafter Debatte verworfen, weil es an Klaus gewesen wäre, den Plan auf Einhaltung zu überwachen, und dazu hatte er keine Lust. Dann wäre sein Fußballtraining und sein Männerchor flach gefallen. Und am  Einfamilienhaus gab es auch immer genügend zu tun. Und außerdem war Kindererziehung Frauensache.
 
Ein halbes Jahr war das Gespräch nun her, und Klaus hatte sich längst wieder beruhigt, als Gisela Sorgen im Gesicht zeigte.
 
„Was ist los? Hast du Schmerzen? Reicht das Haushaltsgeld nicht?“ Richtig, Gisela bekam immer noch Haushaltsgeld zugeteilt, wie weiland ihre ostpreußische Mutter.
 
„Nein, es ist wegen Claudia. Seit einiger Zeit kommt sie immer erst kurz bevor du von der Arbeit nach Hause kommst . Sie sagt, sie macht mit ihrer Freundin zusammen Hausaufgaben. Aber das stimmt nicht. Ich habe die Mutter der Freundin gefragt.“
 
„Hast du Claudia darauf angesprochen?“
 
„Nein, ich wollte erst mit der darüber reden.“ Wirklich,  in dieser Familie war immer noch der Mann die strafende und regelnde Instanz.
 
Klaus kam nun eine Stunde früher als sonst nach Hause. Er wartete auf Claudia, und als er die Haustür hörte, ging er in den Flur um seine Tochter abzufangen. Aber die Kleine lief hastig nach oben und schloss sich im Bad ein.
 
„Claudia, nun mach doch auf. Ich tu’ dir ja nichts. Wie heißt er denn? Stell ihn doch mal vor.“
 
Nach zehn Minuten kam Claudia herunter und stellte sich den Fragen ihrer Eltern.
 
„Was machst du in der Zeit zwischen der Schule und jetzt?“, fragte Klaus streng.
 
Claudia war klar, dass sich ihre Eltern längst erkundigt hatten, ob sie mit ihrer Freundin zusammen Hausaufgaben machte. „Ich arbeite drei Stunden“, gab sie zu und wurde rot.
 
„Du... arbeitest?“ Wenn Klaus mit allem gerechnet hatte; mit so etwas nicht. „Was arbeitest du, und wofür?“
 
„Gegenüber der Schule ist ein Kolonialwarengeschäft, in dem auch die Schüler und Schülerinnen während der Pause und nach Schulschluss einkaufen. Dort bediene ich.“
 
Klaus hatte keine Worte. „Wartet einen Moment“, bat Gisela und machte sich auf den Weg zum Bad.
 
„Wofür arbeitest du?“, fragte Klaus trotz Giselas Bitte.
„Mama hat doch gesagt, wir sollen warten“, fand Claudia.
 
Gisela kam zurück. „Weißt du, was ich im Toilettenbecken gefunden habe?“
 
Klaus vermutete Schlimmes.
 
„Farbverschmiertes Toilettenpapier habe ich gefunden“, rief Gisela. „Unsere Tochter schminkt sich, nachdem sie aus dem Hause ist, und sie schminkt sich ab, wenn sie zurück ist.“
 
„Willst du dich absichtlich noch mehr gefährden?“, schrie Klaus. „du geilst die Jungen künstlich auf. Ab sofort arbeitest du nicht mehr in dieser..., dieser Spelunke.“
 
„Aber Papa, wenn ich arbeite, muss ich gut aussehen. Die anderen Mädchen lachen über mich, wenn ich nichts aus mir mache.“
 
„Das ist eine ganz, ganz schlimme Zeit“, fand Klaus. „Zu meiner Zeit nannten wir Frauen Huren, die sich für die Männer zurecht machten.“
 
Gisela fand das Ganze nun gar nicht schlimm. „Wenn sie sich doch aber was verdienen will? Du gibst ihr ja nichts, und von meinem Haushaltsgeld kann ich ihr nichts abzwacken.“
 
„Wofür arbeitest du? Für Schuhe? Für Handtaschen? Für Klamotten? Wo hast du das Zeug? Zeig es mir, damit ich sehe, ob ich dich so auf die Straße lassen kann.“
 
„Ich habe das Geld gespart“, bekannte Claudia kleinlaut. „Wenn es so weit ist, kriegst du es.“
 
„Ich?“, fragte Klaus aufgeregt. „Ich will kein Geld von dir.“
 
„Papa, du baust doch unser Haus. Du sagst immer, du hättest kein Geld. Ich möchte etwas dazu beisteuern, und deshalb arbeite ich“, log sie.
 
Gisela sah ihrem Mann auffordernd ins Gesicht. Der nahm seine Tochter in die Arme und drückte sie. Ihn würgte es in der Kehle. „So knapp ist das Geld nicht, kauf dir was Anständiges dafür, aber gib es nicht für Männer aus.“
 
Gisela verzog verächtlich das Gesicht. „Habe ich jemals Geld für dich ausgegeben?“
 
Klaus schüttelte den Kopf. Es stimmte. Dass Frauen Geld für Männer ausgaben, das war schon zu seiner Zeit nicht üblich gewesen.
 
Früher arbeitete die Frau so lange "mit", bis der Mann genug verdiente, um die Familie allein ernähren zu können. Claudia hat bis zur Rente weiter gearbeitet, und sie hat es gern getan.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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