Patrick Rabe

Larissa

 
Sie fühlte sich einsam in ihrer großen Wohnung, denn ihr Freund war noch nicht zurück gekommen. Er, der ihr oft Blumen brachte, er, der sie mit Kosenamen bedachte und sie fest in seine Arme schloss, wenn ihr die Tränen in den Augen standen. Er wollte nur kurz um den Block. Hatte er gesagt. Aber was, wenn er nicht zurückkäme?
 
Larissa zündete eine Kerze an, denn sie hatten Stromausfall. Das Licht war urplötzlich ausgegangen, nahezu im selben Moment, als sie Michaels Schritte auf dem Asphalt verhallen hörte.
 
Larissa…Larissa! Wir wissen, warum du Angst im Dunkeln hast! Larissa, du bist eine Sünderin!
 
„Seid still!“ Larissa hieb den Kerzenhalter auf den Tisch. Die Flamme zitterte und erlosch. „Nein…!“
 
Mit unsicheren Fingern nestelte Larissa ihre Streichhölzer aus der Tasche. Sie hatte sie immer dabei. Falls… Falls das Licht ausging.
 
Larissa…Larissa! Du sitzt im Dunkeln. Du hast deinen Heiland verraten! Streu Mehl auf den Boden! Mehl ist weiß. Dann findest du den Weg!
 
Larissa zündete ein Streichholz an und brachte die Kerze wieder zum brennen.  Sie zwang ihren Atem in ruhigere Bahnen, kämpfte den Klumpen Angst, der ihr im Hals saß, die Speiseröhre herunter in ihren Magen, wo sie ihn mit Säure und Liebesgewissheit würde auflösen können. Kurz bekreuzigte sie sich, ärgerte sich gleich darauf, denn ihre katholische Erziehung hatte sie gemeint, abgestreift zu haben. Michael war ein guter Mann. Inständig hoffte sie, bald wieder seine heimkehrenden Schritte auf dem Asphalt zu hören. Liebe. Sie massierte ihr Brustbein. Ja, Michael war ein guter Mann,  wie oft brachte er ihr Blumen, bedachte sie mit Kosenamen, und schloss sie fest in seine Arme, wenn ihr die Tränen in den Augen standen. „Nie mehr geh ich in die Psychiatrie!“ hatte sie ihm gesagt. Und durch seine gütige Liebe hatte sie durchgehalten! Larissa wurde es warm. Michael war so ein guter Mann!
 
Ja, Larissa, so ein guter Mann… Aber langweilig, nicht wahr? Berechenbar, immer die selben Blumen, immer der selbe Stamm an fünf Kosenamen, immer die selben  vorhersehbaren Spiele und Berührungen unter der Bettdecke. Immer dieser enervierend gütige Gesichtsausdruck – Pfui Teufel, oder!?
 
Larissa spürte ein giftiges Hassgefühl gegen Michael und schämte sich. Gleichzeitig genoss sie es, denn es gab ihr Macht. Macht über den Mann, dessen enervierende Güte ihr jegliche Macht nahm, die ihren Busen bang und ihren Schoß kalt machte. Sie fühlte sich wieder am Leben, und auch die Angst, die sie oft so quälte, war nun verschwunden. Und so gab sie sich diesem Hassgefühl hin. Schlagen wollte sie ihn, wenn er sie das nächste Mal so verständnisvoll anlächelte, ja ihm die Zähne aus dem Maul schlagen, seinem widerwärtigen Fischmaul, das sie so hasste! Larissa entfuhr ein kleines, unwillkürliches Lachen. Ja, Michael hatte wirklich ein Fischmaul! Dass ihr das vorher nie aufgefallen war!
 
Nein! Larissa biss sich auf die Unterlippe. Das waren ja teuflische Gedanken. War wirklich sie es, die das dachte? Oder war es der Teufel, vor dem sie ihre Erzieher immer gewarnt hatten…?
 
Sei vorsichtig! Du bist ein Weib! Schwärmer und Weiber sind’s, über die Scheitan die größte Macht hat! Bedenke: Es war ein Weib, die den Adam zur Sünde verführt hat. Das Weib hat die größere Schuld, von Alters her! Mann und Weib sollen ein Fleisch sein, Larissa! Schreib dir das hinter deine Ohren! Was Gott zusammen geführt hat, soll der Mensch nicht scheiden!
 
„Seid still!“ Larissa hatte es geschrieen. Ihre verkrampften Hände schwitzten. Noch immer kein Licht, und vor ihr die Kerze, die wie als Antwort auf ihren Schrei wild flackerte.
 
Sie liebte Michael, und die hässlichen Gedanken, die sie manchmal überkamen, wollte sie wegschließen und den Schlüssel vernichten. Wo wäre sie denn heute ohne ihn? Sie wusste es! Immer noch in der Psychiatrie, wahrscheinlich längst bar jeglichen Verstandes. Larissa schloss die Augen und versuchte sich Michaels Gesicht vorzustellen, versuchte seine Arme um ihren Körper zu spüren, den Halt den er ihr gab…
 
Langweilig ist er… Immer nur gut, immer nur verständnisvoll! Kann nie mal auf den Tisch hauen! Du kannst ihn ja provozieren, wie du willst, immer bleibt er geduldig! Neulich, als ihr spazieren gingt, hast du ihm gedroht, den nächstbesten Mann einfach zu küssen. Und er hat nur gelacht! „Mach doch“, hat er gesagt, „Ich bin nicht eifersüchtig!“ Da hast du einen ölverschmierten Handwerker auf der Straße angehalten und ihn aufgefordert, dich zu küssen. „Mach schon!“, hast du gesagt, „Mein Freund hat nichts dagegen!“ Michael hat neben dir gestanden und dem Handwerker freundlich ins Gesicht gesehen. Dieser hatte verschämt zu Boden geblickt und war weiter gegangen! Und du, Larissa, du hättest zerspringen können vor Wut, vor Wut über Michaels Güte, mit dem er alles und jeden bezwingen kann!!
 
Larissa ballte die Fäuste. Sie wollte diese Wut nicht spüren, diese Gedanken nicht denken. Sie musste sich in Michaels und ihr heiles Nest träumen, denn das war ihre einzige Chance, zu entkommen! Aber…wollte sie denn überhaupt entkommen? Wollte sie länger gegen diese Stimmen ankämpfen, die sie doch jedesmal besiegten und sie übermannten, bis Michaels Arme sie wieder zurückholten in die Wirklichkeit!? Oh, wie abhängig sie von diesen Armen war! Wie diese Arme sie fesselten, ihr jegliche Freiheit nahmen, ihr die Luft abschnürten!  Wann immer sie den Hass und die bösen Gedanken gegen Michael zugelassen hatte, hatte sie sich mächtig gefühlt, eine böse Macht, eine Macht, die das Feuer in ihrem Schoß entfachte! Was, wenn sie sich hingab…?
 
Bravo, Larissa! Gutes, böses Mädchen! Wehr dich nicht mehr länger. Denn du bist böse. So wie man dir immer gesagt hat. So, wie du es schon immer gewusst hast! Du kannst nur frei sein, wenn du diese Macht zulässt und die Fesseln dieses widerlichen Schlappschwanzes Michael zerschlägst! Dann wirst du auch diese dumme Angst verlieren! Werde eins mit dem, was du bekämpfst, und du bist frei!
 
Kurz stockte Larissa, wollte sich abermals wehren, die Stimmen verscheuchen, an Michael denken, doch dann wischte sie dieses Widerstreben mit einer abfälligen Geste vom Tisch.
 
Jaa, Larissa, wir wissen, dass du schon lang an andere Männer denkst! In Gedanken hast du Michael schon unzählige Male betrogen. Mit dem rauen Handwerker, der dich im Bett grob anfasste, mit dem scheuen Knaben, dem du die Flötentöne beibrachtest, mit dem fuchsgesichtigen Künstler, der etwas Schmieriges an sich hatte, dessen kundige Hände dir aber  den Atem raubten, dessen strammes Glied dich bis in die höchsten Höhen brachte? Sie alle hast du genossen, aber nur in Gedanken! Warum, Larissa!? Du bist doch eine schöne Frau! Du könntest mehr haben als den Blümchensex mit deinem heiligen Erzengel Michael!
 
Larissa streifte mit unruhigen Händen ihren Rock herunter und ließ ihn unter den Stuhl fallen. Sie spürte ihr Herz dumpf klopfen, in ihrem Hals bildete sich ein Klumpen. Langsam fuhr sie mit ihrer Hand über ihr Höschen, auf dem sie schon einen feuchten Film spürte. Sie zitterte vor Erregung.
 
Tu’s nicht, Larissa, geh diesen Schritt nicht! Wenn du über diese Schwelle gehst, gibt es kein Zurück!
 
Larissa verzog ihren Mund zu einer bösen Grimasse! Welche kastrierten Engel wagten hier zu sprechen? Hier am Tor zu Luzifers Reich, am Tor zur Heimat, am Vorhof zur Macht!
 
Larissa überschritt die Schwelle.
 
Langsam glitt ihre Hand in ihr Höschen und berührte ihre Scham. Mit einem Seufzer der Wollust ergab sie sich der Nacht und ermordete Michael.
 
Das war das erste, was sie tat. Sie tat es kurz und schmerzlos, mit einer Haarnadel. Mitten ins Herz. Michael machte sein gütiges Gesicht, wie immer. Sie spuckte ihm ins Gesicht! Nein, so einen schnellen Tod wollte sie ihm doch nicht gönnen! Sie wollte ihn noch ein wenig demütigen für all die Jahre der Unterdrückung! Sie trat ihn unter ihre Füße, weich spürte sie sein Gesicht, seine freundlichen Züge unter ihren harten Schuhen. „Und jetzt schau zu, wie ich masturbiere, du Versager! Ich ficke jeden Mann, den ich will und das tue ich hier vor deinen Augen!“ Die Tür ging. Drei Gestalten traten ein. Als erstes mit strammem Schritt der ölverschmierte Handwerker, als zweites mit aalglattem  Samtfuß der fuchsgesichtige Künstler und als drittes, kaum den Mut aufbringend, näherzukommen, der scheue Knabe.
 
Larissa winkte sie zu sich heran. „Kommt ruhig her. Meinem Freund macht es nichts aus. Ihm ist eh immer alles egal. Kommt her und besorgt’s mir, ihr Drecksäue!“ Bei dem Wort „Drecksäue!“, spürte Larissa eine wilde, geile Flamme in ihrem Herzen auflodern. So hatte sie immer sein wollen, das war sie, jetzt war sie frei! Sie lachte böse auf und gab Michael einen Tritt unterm Tisch. Dann ließ sie sich in die Hände der drei Fremden gleiten, die sie gänzlich auszogen, sie schamlos liebkosten und zu wilden Spielen auf dem Fußboden hinrissen.
 
Larissa warf die Arme gen Himmel! Endlich frei! Die Nacht war keine Feindin mehr, denn sie war selber die Nacht, und ihr luschiger Tagesgefährte Michael verblutete langsam an seiner Stichwunde…
 
Larissas Wollust steigerte sich bis zur Raserei, und sie wusste nicht, was sie mehr erregte, die wilden Stöße des fuchsgesichtigen Künstlers oder Michaels elender Tod unterm Tisch. Am Horizont spürte sie den Orgasmus heraufdämmern, jeden Moment müsste es soweit sein…
 
Da packte etwas sie im Nacken und riss ihren Kopf herum. Sie sah in Michaels Gesicht, wie er verblutend unterm Tisch lag. Das gütige Lächeln war aus seinem Gesicht gewichen und hatte einem unsäglichen Leiden Platz gemacht, seine Augen sagten nur eins: Warum!
 
Da spürte Larissa, dass sie eine Sünderin war, und dass es für sie keine Gnade geben würde. Und im selben Moment wusste sie auch, wer sie im Nacken gepackt hielt. Wie hatte sie ihn vergessen können! Hatten ihre Erzieher sie nicht auf Schritt und Tritt vor ihm gewarnt? „Du bist ein schwaches Weib! Nur wenn du eines Fleisches mit deinem Manne bist, bist du sicher! Aber siehe, schon Eva war schwach und so wie sie seid ihr alle!“ Ja, natürlich: Es war Scheitan. Scheitan, der sie im Nacken gepackt hielt, der sie fest im Griff hatte, der ihr Meister war! Larissa schrie. Doch der eiserne Griff wurde noch fester. Erst hatte sie Michael gedemütigt, jetzt war sie an der Reihe, sie wusste es. Scheitan warf sie zu Boden und stand über sie gebeugt. Sein Gesicht war von einer dunklen Kapuze verborgen. Und da war ihr plötzlich klar: Sobald er ihr sein Gesicht offenbaren würde, wäre sie verloren. In panischer Angst versuchte Larissa, wegzuschauen, den Kopf abzuwenden, doch sie war wie festgefroren, sie war dem Bösen ausgeliefert, dem Bösen, das sie selbst gewählt hatte. In genussvoller Langsamkeit legte Scheitan seine behandschuhten Hände an die Kapuze, Larissa spürte sich vergehen. Sie spürte Scheitans Triumph, den dieser noch möglichst lange auskosten wollte. Nach unendlich langen Sekunden erbarmte er sich endlich. Jetzt warf Scheitan die Kapuze zurück…
 
Licht flammte auf, Michael stand im Raum. Sein regenfeuchter Mantel roch nach Nacht und Kühle. „Da bin ich wieder, Schatz!“, rief er fröhlich.
 
Larissa rappelte sich vom Boden auf und stand staunend vor Michael. Wie viel Leuchtkraft von ihm ausging, war ihr früher nie aufgefallen. Und sein mildes Lächeln war so gut, so liebevoll, so wie das Lächeln der Ikonen…
 
Michael hielt Larissa seine Hände hin.  Und da sah sie es. Aus Michaels Handinnenflächen tropfte Blut… Larissa unterdrückte einen Schrei.
 
 Mit schwungvoller Geste warf Michael seinen Mantel ab. Darunter war er nackt. Aus seiner rechten Hüfte floss ebenfalls Blut. Entsetzt sah Larissa in Michaels Gesicht. Ein rotes Rinnsal rann von der Stirn über seine Nase, auf seinem Kopf trug er eine Krone aus Dornen.
 
„Heiland, vergib mir, ich habe gesündigt!“, schluchzte Larissa, fiel auf die Knie und küsste dem Heiland die blutigen Füße. Die Orgel begann zu spielen, der Geruch von Weihrauch lag in der Luft und die Gemeinde sang „Großer Gott, wir loben dich!“ Und Larissa stimmte aus vollem Herzen mit ein. Oh, wie gut es tat, heimzukehren zu den wohligen, altvertrauten Klängen!  Heimzukehren aus dem Land der Sünde, fort von Scheitans würgendem Griff! Jetzt musste der Heiland ihr nur noch vergeben. Oh, wie sehr sie sich das wünschte! Denn nichts war schlimmer, als den Heiland zum Feind zu haben! „Trachtet danach, liebe Kindlein, dass Jesus euer Erlöser sei! Fürchtet ihn aber als euren Richter!“
 
Unendliche Momente später spürte Larissa, wie der Heiland ihre Hand ergriff. Behutsam hob er sie vom Boden auf und stellte sie sich gegenüber. Er hatte ihr Rosen mitgebracht. Er bedachte sie mit unzähligen Kosenamen. Er schloss sie fest in seine Arme, während ihr die Tränen in den Augen standen. Er hatte ihr vergeben. Wie immer.
 
So, 18. 11. 2012, 4: 30 Uhr.
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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