Fritz Lenders

PET( Teil 10 ) Hypnose oder Irrsinn

…Alisters  Haare stellten sich auf.

Schlagartig.. und zwar alle auf einmal.

Er war sich sicher, daß er  momentan aussehen mußte wie ein  wild gewordener Gorilla.
Zumindest fühlte er sich so. Irgendwie Pelzig und so unendlich weit entfernt von dem gewohnten Intellekt des smarten Lehrers
.
Aber warum erschrak nur er alleine ?
Warum sahen Julia und ihr Vater nicht ebenso betroffen auf die zerbrochene Jesusfigur, die sich so abenteuerlich vom Kreuz gelöst hatte..,
die so unternehmungslustig einen rasanten Sprung von der Mauer wagte..,
Bungee-Jumping auf sakrale Art.

Na toll. Und  da lagen nun also die Überreste eines verlogenen Aktes der Gläubigkeit. Seiner verlogenen Gläubigkeit.
Er hatte das Kreuz an die Wand gehängt, weil er sich dachte, daß es immer ein gutes Licht auf Ihn werfen würde, wenn er sich mal den einen oder anderen Gast, weiblichen Geschlechts.. einladen wollte.

Eine gewisse symbolische Geste, die zumindest versuchen sollte, dem jeweiligen Gast zu suggerieren,  ... aha, dieser Mann glaubt an Gott.. dann wird er sicher auch ein bestimmtes Maß an Ehrgefühl haben und mich nicht nur in sein Bett locken wollen…
 
Zugegeben.. eine etwas verlogene Art, sich als ehrlicher Mensch darzustellen.
Noch dazu, wo er eigentlich gar nicht an Gott glaubte..
Naja, ein bischen vielleicht doch. Er wußte es selber nicht so genau.

Es war ja auch keine einfache Sache, an jemanden zu glauben, der vor etwa 2000 Jahren seinen Sohn auf die Erde schickte, um Ihn anschließend wie ein  Opferlamm den Römern zu schenken, damit sie Ihn an ein Kreuz genagelt… als  Souvenir zur Schau stellten.

Na gut.. wie auch immer, jedenfalls war er nicht der streng katholische Gläubige und  ebensowenig war er der sittsame Ehrenmann.., als der er sich eigentlich gerne verkaufte.

Aber nun war es  mal so, daß Jesus, kopflos und vom Kreuz gefallen beim Ihm in der Küche am Boden lag.
Toll..
und keiner wollte es beachten.

Alister blickte zu seinem Freund, zu Julias Vater hinüber..
Der jedoch war gerade damit beschäftigt, seiner Tochter zu gratulieren..
Irgendwie kam er Ihm vor wie ein Hahn.
Es fehlte nur noch, daß er einen geschwollenen roten Kamm auf dem Kopf trug, dann wäre Alles perfekt gewesen.
 
„ Alister, Julia hat heute Nachmittag als allererstes Mädchen in dieser Altersklasse die Prüfung mit Auszeichnung bestanden.“

Die Worte kamen aus seinem Mund wie ein Krähen.. Kikeriki…, Kikeriki..
Wäre die Situation mit dem kopflosen Jesus am Boden.. nicht so angsteinflößend gewesen.. er hätte sich lachend zu Boden geworfen..
 
„ Alister, was ist los mit Dir? Hast Du nicht verstanden.. Julia hat die Zwischenprüfung in ihrem Psychologiefach mit Auszeichnung bestanden. Sie ist die Erste, die  mit 16 Jahren das Thema Hypnose  aufgearbeitet hat und die sogar eine Verbesserung der alten Methoden  vorgeschlagen hat. Die einen neuen Weg der Hypnose entwickelt hat.. „
 
Und er blickte zu Alister, besser gesagt, er verfolgte die Blickrichtung von Alister, er versuchte zu erkennen, welchen imaginären Punkt am Boden.. sein Freund so verzweifelt anstarrte..
 
„ Alister, was ist an diesem kleinen Bild`chen so besonderes, daß Du es mit den Augen in Flammen aufgehen lassen willst ? „

Er bückte sich und vollbrachte das Wunder, daß seine Finger,
 während sie sich Jesus, kopflos am Boden liegend am Küchenboden amüsieren durfte…
 das Horrorzenarium zu einem kleinen Bildchen verwandelten.. und  schlicht und ergreifend..
aufhob.

Alister schaute den Fingern seines Freundes zu.. als würden sie ein super kompliziertes Zauberkuststück aufführen.
 
Vorsichtshalber blickte er nochmals nach oben, zum Türstock und erschrak zu Tode..
Weil.. Jesus, völlig friedlich, aufgespießt an seinen Nägeln.. am Kreuz hing.
 
An diesem Punkt war es Alister klar, daß in seinem Kopf etwas ganz gewaltig.. nicht stimmte.

Schnell noch ein Blick zu Julia..
Sie saß am Tisch, wie die personifizierte  Jungfrau Maria höchstpersönlich.
Er hatte noch nie so ein süßes, unschuldiges Mädchen gesehen, mit dem Gesicht eines Engels.. wie eben Julia..

Wenn da leider nicht die Tatsache gewesen wäre, daß Sie, egal was auch immer in der Zwischenzeit passiert sein mochte…
Mit Ihren bloßen Fingern versucht hatte, den Hals von Rebekka zu zerfetzen.
Das Blut der Studentin im ganzen Keller verteilt hatte und dabei gegrinst hatte und sich zu allem Überfluß auch noch den Pullover hochgerissen hatte, weil es ja scheinbar unglaublich geil machte.. ein Menschenleben auszulöschen-
Welch widerliche Kreatur.
 
Julia konnte seinetwegen aussehen wie der bravste Engel der Welt.. und welche Prüfungen auch immer Sie Nachmittags bestanden hatte.. .,
Die Unterschrift auf den Ergebnislisten der Prüfungen hatte Rebekka mit Ihrem Blut geleistet...

Da war sich Alister jedenfalls sicher.

Und die Sache mit dem Jesus am Kreuz.
Nun gut.. er war in einer Ausnahmesituation.. da mußte er sich selber wirklich eingestehen, daß eine kleine Wahnvorstellung wohl mehr als angemessen sein dürfte.

Andere Menschen wären vermutlich tot umgefallen, hätten sie da erlebt, was Alister in den letzten Stunden wiederfahren war.
Aber die Sache mit den anderen Klamotten.. Tja, wie konnte er sich dies selber erklären ?

Wie kam er zu der anderen Bekleidung ?
Wann hatte er sich umgezogen ? Oder wer hatte Ihn umgezogen ?
Wie konnte er dieses Vorgang rekapitulieren ?
Er wußte es wirklich nicht..
Und ehrlich gesagt.. es war im Moment wohl das kleinere Übel.

Rebekka lag tot im Keller des Pavillions, Und er saß hier in der Küche mit Julia und Ihrem Vater und war gerade dabei.. ein bischen verrückt zu werden.
Toll…
 
„ Du Papa, ich habe drüben am Pavillion, beim Eingang, die gelbe Verschalungstafel über den Graben geschoben, damit Niemand runterfällt. Aber Du solltest wirklich den Graben zuschütten lassen. Du hast doch Deine Arbeiter, die eigentlich noch schnell rausfahren könnten, damit ich mir keine Sorgen mehr zu machen brauche.. Bitte.. „

Sie sah Ihren Vater so eindringlich und auch zugleich so fordernd an.. Als wäre der gesamte Weltfrieden davon abhängig, ob der Graben zugeschüttet würde, oder auch nicht. Warum beharrte Sie so sehr darauf ?

Alister krabbelte ein böser, kleiner Verdacht über das Rückenmark herauf und nistete sich ganz wiederlich pochend in seiner Hirnrinde ein. Er verbiss sich in seinem Kopf.. schlimme  Ahnungen ausstrahlend.

Julias Hände waren wirklich ziemlich schmutzig..
Gerade so, als hätte Sie ein tiefes Loch geschaufelt..
Wie eine kleine Bauarbeiterin.

Alister stellte sich Julia in der Grube vor.

Grabend, ein lustiges  Liedchen  trällernd. Einen  gelben Schutzhelm auf dem Kopf..
Und daneben  Rebekka, mit zerfetzter Kehle im Dreck liegend.., geduldig darauf wartend.. von Julia mit Schutt und Erde beworfen zu werden.

Eine herrliche Vorstellung.

Wunderbar dazu geeignet, entweder wirklich verrückt zu werden...
oder über den Tisch zu springen und dem Frettchen die Kehle.. für immer.. zuzudrücken.

Dieses verdammte Miststück umzubringen, zu erwürgen und sich daran zu erfreuen, wie Ihr vor Atemnot, die Augen aus den Höhlen traten..
Alleine die Vorstellung daran, verschaffte Alister ein erregendes Gefühl der Befriedigung.. Fast schon in der Nähe eines etwas ungewöhnlichen Orgasmuses...

Herrlich..
 
Und in diesem Moment läutete sein Telefon.
Vor Schreck hätte er beinahe laut aufgeschrieen.
Wo war diese verdammte Ding ?
Er suchte mit zitternden Fingern seine Tschen ab.

Ahh, da..

Schnell aufgeklappt, das Display leuchtete fröhlich die Buchstaben gegen seine  Augen.
Wundervoll grün bildete sich das Wort zusammen

  .. REBEKKA ..
 
Mit zusammengezogener Kehle und mit flimmernden Augen.. mit klopfendem Herzen und mit  heiserer Stimme meldete er sich..

„ Ja… „

Aber Sie hatte scheinbar schon aufgelegt.. Tüt..tüt..Tüt..
Das Telefon warf Ihm enttäuscht die nervtötenden  Töne gegen das Trommelfell.
Fast konnte er körperlich den Kampf spüren, den seine Ohren mit dem Lautsprecher des Handys ausfochten.
 
Und schon drei Sekunden später die Meldung einer eingehenden SMS..

„ hallo Alister, ich rufe später noch mal an.. Kuß.. Rebekka.. „
 
Und jetzt wurde es Zeit, daß er schnellstmöglichst auf die Toilette kam, der er merkte, wie sich sein Magen daran machte, den Inhalt der letzten Tage.. über den Küchenboden zu verteilen.
 
„ Max, hilf mir.. ich habe ein wirkliches Problem.. „
 
Mit diesen Worten, an seinen Freund gerichtet.. fiel er zu Boden und verlor die Besinnung..
 
Und im Nebel  hinabsinkend.. hörte er noch Frettchens Stimme…

„ Um Gottes Willen.. Herr Alister.., Papa, hilf schnell… , wir müßen Ihn ins Bad bringen.. „
 
Alister konnte noch  im kurzen Übergang zwischen Bewustsein und Ohnmacht..,spüren wie Julia sich hinter Ihn zu Boden kniete, seinen Kopf auf Ihre Knie zog, Ihm die Harre zurückstreichelte.. und er spürte  Ihre Wärme.. und da war da noch dieser Duft..

Schon wieder dieses Aroma.. eine Mischung zwischen totaler Angst und alles zerstörender Geilheit.
Ach ja.. und natürlich der Geruch des Todes..

Oder bildete er sich auch dies nur ein ?
Egal.. den nun war alles schwarz und wundervoll still..

 Endlich

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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