Fred Schmidt

Interludium auf nächtlicher Autobahn

 
Fred steuerte den Wagen mit großer Geschwindigkeit auf der Autobahn zwischen Nogales und Tucson. Die Nacht war dunkel und die Autobahn so gut wie völlig leer. Kaum dass von Zeit zu Zeit die Scheinwerfer eines entgegenkommneden Fahrzeugs aufleuchteten. Mit ihm fuhren seine Frau, ein befreundetes deutsches Paar, ein weiterer deutscher Freund und Mike und Dora Mitchel, die während der Ferien Ihre Gastgeber in Tucson waren. So waren sie also zu sieben im Wagen, aber der große Oldsmobile Stationwagon, den ihr Freund Ponch oder, besser gesagt, dessen Frau Ruth ihnen für drei Wochen zur Verfügung gestellt hatte, war geräumig genug für sieben Personen und auch noch für Gepäck. Sie kamen aus Nogales, jener Grenzstadt zwischen USA und Mexico, und jetzt kehrten sie nach Tucson zurück.
 
 
                                                                                                                                ***
 
Es war Mike gewesen, der die Idee gehabt hatte, nach Nogales zu fahren. Er hatte gesagt: 
„Wisst Ihr, es gibt eine sehr interessante Grenzstadt mit viel zu sehen und zu kaufen. Die Läden sind gerammelt voll mit Andenken und allem möglichen Krempel. In den Restaurants gibt es exotische und ziemlich preiswerte Essen, und in den Straßen und Lokalen spielen Mariachi-Bands und da sind hübsche Frauen, mit denen man tanzen kann. Alles in allem, eine völlig andere und amüsante Welt.“
Und gleich darauf fügte er hinzu: 
„Und noch was. Ruth hat Euch das herrliche Oldsmobile geliehen, in dem wir zu siebt fahren könnten. In Mexico sind alkoholische Getränke wesentlich billiger als hier. Und jeder ist berechtigt, eine Flasche Whisky oder Wodka oder egal was nach Geschmack zu kaufen und nach USA zollfrei mitzunehmen. Wenn wir zu siebt fahren, können wir die gesamten Getränke für eine Party kaufen.“
Alle hatten Mikes Idee für ausgezeichnet gehalten, da ja im Hause von Mike und Dora die Partys nie aufhörten, und da alle noch ziemlich jung waren, wurden Getränke immer literweise konsumiert.
 
Gesagt, getan! Sie machten sich auf den Weg nach Nogales, neugierig auf das, was Mike ihnen erzählt hatte. An der Grenze angekommen, fuhren sie direkt auf die mexikanische Seite, wo alle Läden auf die Ausländer, meistens Amerikaner, warteten. Das war eine Welt voller Farben und Lärm, eine Mischung aus Stimmen und Sprachen und Musik, die von allen Seiten zu kommen schien. Ohne Zeit zu verlieren kaufte jeder von ihnen eine Flasche Alkohol, und sie fuhren dann über die Grenze zurück, um den Wagen zu parken, stolz wie Oskar, dass sie so viel Schnaps für so wenig Geld gekauft hatten. Aber Mike sagte ihnen: 
„Das ist nicht alles. Jetzt gehen wir zu Fuß rüber. Es gibt einen Übergang für Fußgänger und wir können nochmals jeder eine Flasche kaufen.“
So war’s, und sie kehrten wieder zurück in die Staaten mit nochmals sieben Flaschen Whisky, Wodka, Cognac, Tequila, Campari usw., und diesmal waren sie noch stolzer, weil sie die Zollbeamten übers Ohr gehauen hatten. Die nächste Party war gesichert! Aber das war noch nicht der Fall für Mike, der sie die Flaschen in den geparkten Wagen packen und dann von neuem zu Fuß über die Grenze gehen ließ.
 „Es gibt noch einen Überweg in einem anderen Stadtteil, und das heißt nochmal sieben Flaschen.“
Und so, nachdem sie ein üppiges Mahl in einem Restaurant mit Mariachi-Musik genossen hatten, fanden sie sich schließlich in ihrem Oldsmobile wieder mit einundzwanzig Flaschen im Gepäckraum unter Decken versteckt.
                                     
                                                                                                                   ***
 
Und jetzt steuerte Fred diesen Wagen auf der Autobahn in der Dunkelheit der mondlosen Nacht. Da es nicht viel Verkehr gab und er vergaß, dass er sich nicht auf einer deutschen Autobahn befand, wo man volle Pulle fahren konnte, sondern in den USA, wo es bei hundert km Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt, trat er immer fester auf das Gaspedal und schließlich fuhr er mindestens mit 160. Und alle waren guter Laune, machten Witze und freuten sich schon auf die nächste Party mit Lammgrill, Herumtollen im Swimming Pool, Schwitzkuren in der Sauna und all den in Mexico gekauften Getränken.
 
Plötzlich sah Fred im Rückspiegel in einiger Entfernung hinter sich den so charakteristischen Leuchtbalken amerikanischer Streifenwagen. Dieser Leuchtbalken gab drohende Lichtsignale in Gelb, Blau und Rot von sich, und die Polizei holte mit rasender Geschwindigkeit auf, bis sie das Oldsmobile überholte und Zeichen zum Anhalten gab. Während dieser Sekunden waren Dora und Mike immer schweigsamer geworden und versuchten, sich auf der Rückbank  immer kleiner zu machen, während die anderen wohl noch nicht wahrgenommen hatten, was vor sich ging. Sie kannten noch nicht die amerikanische Polizei und ihre Strenge. Mike sagte zu Fred: 
„Halt an, halt an. Mach das Fenster auf und lass die Hände auf dem Lenkrad. Wir dürfen uns nicht bewegen. Hier kennt die Polizei keinen Spaß!“
Einer der beiden Polizisten im Polizeiwagen stieg aus, trat heran, und Fred tat, was Mike ihm geraten hatte.
„Sir, ich nehme an, dass Sie wohl wissen, dass Sie zu schnell gefahren sind. Hier haben wir eine Geschwindigkeitsbegrenzung von sechzig Meilen und Sie hatten hundert drauf. Das ist eine Übertretung von vierzig Meilen. Das kostet Sie einen Dollar pro Meile.“
Fred begriff, dass es da nichts zu leugnen gab. Da war nichts zu machen. Trotzdem versuchte er, sich zu entschuldigen und eine Erklärung für sein Verhalten zu geben.
„I’m sorry, officer, aber als Deutscher, der seine Ferien in den Vereinigten Staaten verbringt, habe ich auf dieser Autobahn ohne Verkehr zu dieser Zeit einfach die Verkehrsregeln der USA vergessen, weil es in Deutschland auf den Autobahnen keine Geschwindigkeitsbegrenzung gibt. Es tut mir sehr leid. Könnten Sie mir das Bußgeld vielleicht erlassen, wenn ich verspreche, in Zukunft die Verkehrsregeln zu beachten?“
Der Polizist lachte und sagte dann, dass dies schon nicht mehr möglich sei, weil sie schon mit dem Polizeirevier in Tucson telefonisch in Verbindung waren, um unser Auto zu identifizieren und auch schon wüssten, dass der Wagen einer Mrs. Ruth Ponchetti gehöre und er ja wohl nicht diese Dame sei.
„No, officer, das bin ich nicht. Mrs. Ponchetti ist eine Freundin, die mir den Wagen für die Ferien geliehen hat.“
 
Der Polizist wurde misstrauisch und verlangte, Freds Führerschein zu sehen, der ja in den USA wie ein Ausweis zur Identifizierung dient, da Ausweise nicht Vorschrift sind.
Fred begann, unruhig zu werden, da er befürchtete, das die Situation sich zuspitzte. Unter allen Umständen musste er vermeiden, dass der Polizist sich das Oldsmobile genauer ansehen und sogar einen Blick ins Innere werfen wollte, wo seine Freunde stumm saßen bei einundzwanzig geschmuggelten Schnapsflaschen, die dürftig unter einer Decke versteckt waren. Er war sich im klaren, dass man sie wegen Zollhinterziehung anklagen oder zumindest ihnen eine sehr schmerzhafte Geldbuße aufbrummen konnte, falls die Flaschen entdeckt würden.
Schließlich sagte der Polizist: 
„Morgen müssen Sie das Bußgeld für die Geschwindigkeitsüberschreitung an das Polizeirevier überweisen und eine Kopie Ihres Führerscheins einschicken. Sie werden als Verkehrssünder registriert. Und jetzt empfehle ich Ihnen, vorsichtig zu fahren und die Verkehrsregeln zu beachten. Ich wünsche allen eine gute Nacht, die ja noch mit einem guten Schluck beendet werden kann.“
 
Kaum war die Polizei verschwunden, atmeten alle tief vor Erleichterung auf und fingen alle gleichzeitig zu reden an, beglückwünschten sich gegenseitig, dass sie dieser Gefahr glücklich entkommen waren, obwohl sich inzwischen der Preis für den eingekauften Schnaps mit dem Bußgeld um vierzig Dollar erhöht hatte.
 
Prost!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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