Helga Edelsfeld

Sternstunden


 
Es ist kurz vor zwölf Uhr Mittag. Maria steht in der Küche und bereitet einen Topfenteig zu. Ihre Gedanken kreisen um ein kleines Mädchen mit großen dunklen Augen. Ein Lächeln erhellt dabei ihr Gesicht und macht es augenblicklich um Jahre jünger.
 
Topfenknödel sind Kerstins Lieblingsspeise. Palatschinken und Spaghetti mag sie auch sehr, aber gegen Topfenknödel – in allen Variationen versteht sich – hat kein anderes noch so köstlich zubereitetes Gericht eine Chance. Maria freut sich schon auf die gemeinsamen Stunden mit der Kleinen. Nach dem Tode ihres Mannes lebte sie bis vor kurzem eher zurückgezogen.
Wie durch einen jähen Windstoß wurde Kerstin plötzlich in ihr Leben geweht und bereichert es seither auf eine reizvolle Art und Weise. Kerstins Mutter, eine Alleinerzieherin, war froh für ihre Tochter eine liebevolle „Leihomi“ gefunden zu haben. Das kleine Mädchen kommt nun seit einiger Zeit an zwei Wochentagen nach der Schule zu ihr.
 
Es begann eine wundervolle Freundschaft.
Während Maria den Tisch deckt, läutet bereits die Türglocke. Lächelnd öffnet sie die Wohnungstüre und schon stürmt der kleine Wirbelwind herein.
 
„Hallo Pichler-Omi, schön dass ich wieder bei dir sein kann“, ruft Kerstin freudig. „Heute habe ich schon großen Hunger!“ Ihr suchender Blick entdeckt auf der Anrichte die vorbereiteten Topfenknödel und ihr Gesicht beginnt zu strahlen. „Hm lecker, mein Lieblingsessen“, ruft sie begeistert und hüpft von einem Bein auf das andere. „Du bist die beste Omi der Welt!“
Nachdem Kerstin ihre Portion Knödel samt Kompott mit Appetit verdrückt hatte, macht sie es sich auf dem Sofa bequem.
 
„Erzählst du mir bitte wieder eine Geschichte? Du kannst soooo schöne Geschichten erzählen, die sonst niemand kennt. Das ist echt cool!“ Erwartungsvoll schaut sie ihre Pichler-Omi an.
„Ja gerne, wenn du möchtest.“ Liebevoll blickt Maria zu Kerstin hinüber. Die Kleine hatte ihr Herz im Sturm erobert. „Also hör zu, heute erzähle ich dir die Geschichte vom Gockel mit der Pfauenfeder!“ „Das klingt ja interessant“, freut sich das Mädchen und nimmt ihre schwarze Plüschkatze vom Bücherregal. Mit angezogenen Beinen und der Katze im Arm wartet sie nun gespannt auf den Beginn der Geschichte. Maria holt sich eine Tasse Kaffee aus der Küche und beginnt zu erzählen.
 
Auf einem Bauernhof lebte einst ein stattlicher Hahn, dessen Federkleid immer wieder bewundert wurde. Das genügte aber dem eitlen Gockel nicht. Er wollte noch mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung haben. Also dachte er fortwährend darüber nach, wie er sich diese verschaffen könnte. Der Zufall wollte es, dass er eines Tages auf dem Nachbargrundstück eine Pfauenfeder erblickte. Aufgeregt flog er auf das Dach einer Gerätehütte, von der er eine besonders gute Aussicht hatte. Begehrlich blickte er über den Zaun und konnte feststellen, dass es sich bei der Feder um ein wunderschönes weißes Exemplar handelte. Nun fand er keine Ruhe mehr. Diese Pfauenfeder musste er sich unbedingt aneignen. Sie lag zwar auf einem fremden Grundstück, doch das war dem  geltungssüchtigen Gockel unwichtig. Immerhin könnte er mit ihr ja seine Selbstverliebtheit  zufriedenstellen.
Am nächsten Morgen, noch vor dem ersten Hahnenschrei, flog er auf das Nachbargrundstück und holte sich die Pfauenfeder. Mithilfe seiner Hühnerschar gelang es ihm, sich mit der fremden Feder zu schmücken. Obwohl diese überhaupt nicht zu seinen Schwanzfedern passte, stolzierte er nun aufgeblasen und wichtigtuerisch umher.
 
Am nächsten Tag kamen Schulkinder auf ihrer Wanderung  an dem Bauernhof vorbei. Als sie den Hahn erblickten blieben sie überrascht und sichtlich beeindruckt stehen. Schließlich machten sie ihren Klassenlehrer auf das spektakuläre Federkleid aufmerksam. Dieser schaute verblüfft auf den ganz in der Nähe hin und her stolzierenden Gockel und fing schallend zu lachen an.
„Wer hat dich den so aufgeputzt“, sagte er belustigt und beugte sich über den Zaun. Mit raschem Griff zog er dem Hahn die Pfauenfeder heraus und steckte sie an das Gartentor.
Jetzt hatten die Schüler plötzlich einen ganz gewöhnlichen  Gockel vor sich. Der anfänglichen Bewunderung folgte nun allgemeines Gelächter. Vergnügt setzten sie ihre Wanderung fort und diskutierten lebhaft über die soeben gemachte Erfahrung. Der angeberische Hahn aber flüchtete beschämt in den Hühnerstall und ließ sich nicht mehr blicken.
 
Kerstin hatte aufmerksam zugehört und den Sinn der Geschichte sofort erkannt.
„Ich weiß, man soll sich nicht mit fremden Federn schmücken“, sagt sie eifrig.
„Genau, so ist es, denn irgendwann kommt die Wahrheit doch ans Licht“, fügt Maria hinzu.
„Ja und dann ist der aufgeblasene Gockel auf einmal ein begossener Pudel“!
Kerstin springt lachend vom Sofa und holt sich ein Glas Saft. Maria genießt das Zusammensein mit dem Mädchen und ist dankbar für die Freude und Abwechslung, die ihr diese Stunden schenken.
 
„Das Leben ist doch schön, denkt sie glücklich, wie ein bunter Blumenstrauß!“
Nun gilt es die Herbstblumen einzusammeln. Vielleicht diese wundervollen Sternastern, die sie so sehr liebt. Von denen will sie noch recht viele pflücken, damit diese ihren Blumenstrauß des Lebens zum Leuchten bringen.   
 
 
 
Helga Edelsfeld
 
 
 ;) diese Geschichte habe ich schon vor einiger Zeit geschrieben. Sie ist eine meiner Kurzgeschichten, die bereits veröffentlicht wurden.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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