Diethelm Reiner Kaminski

Grüß Gott, Yolo

 
Kaspar laschte mit vornübergeneigtem Rücken neben seiner Mutter her.

„Wir haben heute den gleichen Weg. Ich habe einen Termin in der Arbeitsagentur. Da muss ich ohnehin an deiner Schule vorbei“, hatte Kaspars Mutter ihm beim Frühstück eröffnet.

Kaspar war das zwar gar nicht recht, aber Protestieren war zwecklos bei seiner Mutter.

„Heb die Füße hoch. Latsch nicht so, und halt dich gerade. Vierzehn Jahre und kann noch nicht richtig gehen. Das sag ich dir schon seit hundert Jahren.“

„Du musst mich ja nicht begleiten. Ich finde den Weg auch allein. Ich geh, wie ich will, und wenn du es mir noch hundert Jahre beibringen willst.“

„Heb die Füße hoch, so schwer dürfte das doch nicht sein. Wie ein alter gebrechlicher Mann.“

Ein Junge überholte sie. Kaspar hob andeutungsweise die rechte Hand und sagte „Yolo.“

„War das nicht der Danny aus deiner Klasse? Den kenne ich doch. Und wieso nennst du ihn dann Yolo?“

„Das ist kein Name.“

„Sondern?“

„Ein Gruß.“

„Ein türkischer Gruß?“

„Quatsch. Das ist Englisch.“

„Nie gehört. Was soll denn das für ein Wort sein?“

„Das ist kein Wort. Das ist eine Abkürzung.“

„Abkürzung wofür?“

„You only live once.“

„Und das teilst du deinem Freund am frühen Morgen mit? Das weiß er doch selbst.“

„Na und? So grüßen sich alle.“

„Sehr witzig. Ebenso könntest du „Yohta“ sagen.“

„Und was heißt das?“

„You only have two arms.“

„Sehr witzig.“

Sie wurden von mehreren Klassenkameraden überholt. Jedes Mal hoben Kaspar und seine Mitschüler kurz die Hand und sagten mit müder Stimme: „Yolo.“

Nur einer sagte laut: „Hallo, grüß Gott.“

„Grüß Gott“, sagte Kaspars Mutter, während Kaspar den Gruß nicht erwiderte.

„Aber das war doch Manuel. Warum grüßt du ihn nicht?“

„Den kenn ich nicht.“

„Den kennst du nicht? Der geht doch auch in deine Klasse, oder?“

„Geht er, aber ich kenne ihn trotzdem nicht.“

„Das heißt, du willst ihn nicht kennen. Habt ihr euch gestritten.“

„Das nicht, aber der ist immer so komisch.“

„Weil er nicht Yolo sagt, sondern grüß Gott?“

Kaspar schwieg. Mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.

Als er mittags aus der Schule nach Hause kam, war seine Mutter schon zurück.

„Yolo“, begrüßte Kaspar sie, als sie die Haustür öffnete. „Hast du eine neue Fußmatte gekauft? Und was heißt das da drauf? Ist das Vietnamesisch – carpe diem?"

„Das ist Latein.“

„Und warum steht da nicht gleich „Haxen abkratzen“ drauf?

„Weil es nicht „Haxen abkratzen“ heißt.

„Und was heißt es dann?“

„Pflücke den Tag.“

„So ein Blödsinn. Mit den Füßen? Scheiß auf den Tag wäre besser.“

In dem Augenblick klingelte das Telefon und Kaspars Mutter eilte ins Wohnzimmer. Sie hob den Hörer ab und sagte, ganz außer Atem: „Yolo“, aber bevor sie mitkriegte, wer da am anderen Ende war, hatte der Anrufer schon aufgelegt.

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