Peter Kröger

Savanne



Es ging alles sehr schnell, als Ruth mich verlassen hat. Sie sagte zu mir, ich gehe, und dann war sie weg. Ich habe den Film, der im Fernsehen lief, einfach weitergeschaut, irgendetwas über das Leben in der Feuchtsavanne. Die Einzelheiten habe ich vergessen. Dass die bedrohte Kreatur der anderen nichts gönnen mag, nichts gönnen darf, nur um zu überleben, dass der ewige Wechsel von Mangel und Überfluss, von Tod und Neubeginn dieser Region ihren Stempel aufdrückt - bis auf diese wenigen Allgemeinplätze vermag ich mich an nichts zu erinnern, obwohl ich doch bestimmt eine Stunde pausenlos auf den Bildschirm gestarrt habe. In Gedanken war ich schon längst wieder in Hamburg bei Barbara, schnupperte an ihrem Haar, schlief mit ihr und schlief mit ihr ein, wie frisch erlegtes Wild sah ich uns daliegen im Dämmerlicht auf dem zerwühlten Hotelbett, und ich dachte die Worte Atemlose Stille vor Hafenlandschaft, bevor ich auf dem Sofa einschlief und den Amazonas hinuntertrieb in einem Boot ohne Ruder.
Später habe ich mich oft gefragt, wie ich so fahrig und unaufmerksam sein konnte, oder war es Gefühlskälte, Gleichgültigkeit, die mich nur kurz aufblicken ließ, als die Tür ins Schloss fiel. Ruth würde nicht wiederkommen und ich schlief mit offenen Augen den Schlaf der Gerechten vor der Flimmerkiste. Ich habe Ruth immer geliebt und daher lässt mich diese Frage nicht los. Es machte klick, und nur noch Gnuherden, Elefanten und Löwen liefen durch das Zimmer, über mich hinweg und durch mich hindurch, aber wo war Ruth, es gab keinen Film mit Ruth, hatte es sie überhaupt gegeben? Vermutlich, aber sicher war ich mir nicht.
Immer wieder versuche ich bis heute die vergangenen Jahre nicht aus den Augen zu verlieren, weil, wie mir scheint, das Verarbeiten nur durch Erinnern gelingen kann, eine Binsenweisheit, aber eine, die es in sich hat. Denn das Schöne und Hässliche, das Gute und Schlechte  entzieht sich meinem Denken unterschiedslos, Ruth ist, so kommt es mir vor, zu einer eigenschaftslosen Frau im luftleeren Raum mutiert, zu einem Phantom aus Fleisch und Blut, das auf dem besten Weg ist, zu guter Letzt auch noch diese Fleischlichkeit zu verlieren. Aber so, wie mein Gedenken an Ruth Schwankungen unterworfen ist, schwanke auch ich.
Die Unkenntlichmachung dessen, was war, die Verflüchtigung derer, die einst so eine zentrale Bedeutung für mich hatten, gegen meinen erklärten Willen aber durch meine unsichtbare Hand, ist mein Thema geblieben, denn obwohl ich Geschichte auf Geschichte aus meinem Leben aneinanderreihen könnte, fühle ich mich als Mensch ohne Vergangenheit. Wenn sich alles zusammenzieht und ich die Ereignisse von damals überdenke, fehlt auch gelegentlich die Dimension der Zukunft komplett, und ich befinde mich in einem merkwürdigen, reinen Ist-Zustand, einer Art Kristallkugel, um die herum sich die Ruths und Barbaras der Welt grimassierend ein Stelldichein geben und mich nur noch als verzerrenden Aggregatzustand erscheinen lassen, als gläserne Suppe zwischen den Salzen.
Aber diese Gedanken führen jetzt entschieden zu weit, wie ich merke. Immer versuche ich abzulenken, habe einen im Grunde ganz klaren Gedanken und verzettele mich in formalen Konstruktionen, die von Tierfilmen zu Aggregatzuständen führen. Dabei sollte von meinem Leben mit Ruth und Barbara und dem verblüffend Reibungslosen dieser Konstellation die Rede sein, nach außen hin nicht mehr als ein bloßes Licht aus, Licht an, für mich persönlich das Pendeln zwischen migränegeplagtem Zweifel hin zu fast schon animalischer Leichtigkeit.
Am Morgen nach der Feuchtsavannensafari nahm ich einen frühen Zug nach Hamburg und ging an der Außenalster spazieren. Ein Treffen mit Barbara war für den späten Nachmittag geplant und ein Hotelzimmer in der Nähe der Landungsbrücken gebucht. Wir trafen uns nahezu wöchentlich, meistens in Hamburg, wo Barbara wohnte und arbeitete, aber auch in Berlin, München oder Dresden, jedes Mal in schönen Hotels mit Blick auf den Michel, den Englischen Garten oder die Semper-Oper. In der Regel sahen wir uns nur einige Stunden, weil Barbaras Terminkalender zum Bersten gefüllt war und sie, soweit mir bekannt, in sogenannten geordneten großbürgerlichen Verhältnissen lebte, was mich in die komfortable Lage versetzte, keine der meist horrenden Hotelrechnungen bezahlen zu müssen.
Aber Barbara forderte mich. Als Vorstand eines großen Konzerns und Ehefrau eines vermögenden Mannes mit, wie sie sagte, großem Namen war sie es nicht gewohnt, Widerspruch zu dulden, wenn sie mir gleich nach der Ankunft im Hotel alle Programmpunkte für den Tag präsentierte, wie zum Beispiel Museumsbesuch, Essen in einem Spitzenrestaurant, Wellness und anschließendem Liebesspiel. Andererseits waren diese freundlich vorgetragenen Ansagen in sich schlüssig und fanden fast immer meine sofortige Zustimmung, zumal ich durch Ruth vor allem langwierige Diskussionen ohne greifbare Ergebnisse gewohnt war, einem zähen Ringen gleich, mit ausgerenkten Gliedern, erschöpft und ratlos.
Meist sagte ich Ruth, wenn sie fragte, ich müsse ein wenig Zeit für mich haben, was eine doppelte Lüge war, denn erstens traf ich Barbara und zweitens konnte von Ruhe keine Rede sein; auch reichten vier Stunden Schlaf nicht, wieder Boden unter den Füßen zu bekommen, während Barbara schon taufrisch in aller Herrgottsfrühe zum Aufbruch drängte.
Ruth hingegen schlief schlecht aber lange, und wenn es zwischen uns zum Äußersten kam und wir uns leidenschaftlich durch ergonomische Kopfkissen und Bio-Federbetten wälzten, folgte oft ein Vortrag über Nähe und Distanz oder Sex als Kommunikationsform.
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass zwischen Ruth und Barbara die Savanne stand. Ruth sehe ich als sensibles, tropisches Gewächs im diffusen Licht des Regenwalds, Barbara als Königin der Wüste, als Herrscherin in der Kargheit. Es war das Uneindeutige, Wechselhafte, wenn man so will: das Savannenhafte, dem ich niemals etwas abgewinnen konnte, von einem schönen Dokumentar- oder Spielfilm mal abgesehen, den man ein- oder ausschaltet. In einem klar bestimmbaren Milieu bewegte ich mich am liebsten, einem Areal Gleicher und Gleichgesinnter. Der aggressive, prügelnde Klassenkamerad, die liebende, fürsorgliche Mutter, damit ließ sich seit frühster Kindheit umgehen und leben, rot oder grün, schwarz oder gelb und so weiter. Barbara, die Wüste, Ruth, der Regenwald, ich muss einräumen, eine eigenwillige Konstruktion, eine auch für meine Verhältnisse nicht ganz alltägliche Vorstellung, aber in ihr erscheint die Geschichte meines Lebens, der Hang zur Vermeidung von Grautönen, ein kindliches, wenn nicht sogar frühkindliches Wahrnehmungs- und Orientierungsmuster.
Immerhin, auch in der Phase der Verdopplung meines Privatlebens war ich ganz bei Ruth oder ganz bei Barbara und genoss beide Welten, die in sich abgeschlossen zu sein schienen. Nur dieses eine Mal war ich nicht ganz bei der Sache gewesen, als Ruth und ich uns geliebt hatten und sich das anschließende Gespräch um Verlustangst und emotionale Abhängigkeit drehte, ein ungünstiger Zeitpunkt für Unkonzentriertheiten. Ich redete wirres Zeug, sagte häufig ja, oder genau, ohne damit eine Frage zu beantworten, einfach nur, um irgendetwas zu sagen. Dabei schaute ich aus dem Fenster oder auf meine wippenden Füße, schaltete den Fernseher an und sah die Feuchtsavannenbilder, bis Ruth sagte: ich gehe.
Barbara, der ich diese Szenerie nicht beschrieben habe, hätte kein Verständnis gehabt für postkoitale Diskussionen, die seelische Befindlichkeiten thematisieren. Sie würde einen Raum verlassen, dachte ich, weil die Vorstandssitzung vorbei war oder ein Flieger nicht warten konnte, und nicht, weil jemand die Antwort auf Fragen verweigerte, die sie, Barbara, niemals gestellt hätte. Ruth hingegen habe ich nie einen, wenn auch nur versteckten Hinweis auf das durchorganisierte und imponierend strukturierte Leben einer Konzernlenkerin gegeben, weil sie mich zweifellos fragend angeschaut und sich nach meinem Geisteszustand erkundigt hätte.
Heute denke ich, Ruth und Barbara waren zwei Seiten einer Medaille. Nachdem ich an jenem besagten Tag danach  die Außenalster umrundet hatte, setzte ich mich in ein Café am Jungfernstieg und blätterte in einer Illustrierten. Es waren die Bilder, die mich beeindruckten und berührten, Bilder, die Geschichten erzählten, Bilder, die logen, wenn sie einen eigentlich alten Menschen jugendlich erscheinen ließen und die ebenso logen, wenn sie unglückliche Menschen mit strahlenden Mienen zeigten, und manchmal war die Lächerlichkeit kaum zu überbieten, wenn die Posierenden betont locker auftraten und Souveränität ausstrahlen wollten, obwohl oder weil sie klein und hässlich waren. Mir taten diese Leute leid, und der äußere Zustand der etwas ramponierten Zeitschrift verstärkte diesen Eindruck noch.
Noch gut drei Stunden würden vergehen und ich würde Barbara auf ein Klopfzeichen hin mit einem artigen Diener in unser Hotelzimmer mit Hafenblick bitten, denn in Hamburg musste immer alles besonders konspirativ ablaufen. Barbara wollte verständlicherweise auf keinen Fall erkannt werden.
Ich dachte daran, wie wir vor zwei Jahren in einem Hotel in Weimar aufeinandertrafen und uns ohne große Umschweife in eine Beziehung stürzten, die nie weiter hinterfragt wurde und sich nie aus  dem Hotelmilieu herausbewegt hatte.
Da sah ich sie plötzlich auf der anderen Seite des Jungfernstiegs, zusammen mit einem jungen Mann, den sie eng umschlungen hielt. Er war kleiner als sie, fast einen halben Kopf, und erwiderte zärtlich ihr liebevolles Lächeln. Ich hatte Barbara nie mit einem solchen Gesichtsausdruck gesehen, seltsam entrückt und doch ganz im Hier und Jetzt. Der Mann in ihrem Arm schien etwas zu sagen, wobei der Mund  seines relativ kleinen Kopfes leicht geöffnet blieb und die Zunge zu sehen war, die mit Zähnen und Lippen spielte. Dann lachten beide, der junge Mann jauchzte vor Vergnügen, und kurz darauf verschwand das Paar in der Menschenmenge. Als ich spät am Abend mit Barbara auf dem Hotelbett lag, versuchte ich das Gespräch auf ihren unbekannten Begleiter zu lenken.
Ich habe dich nie nach deiner Familie gefragt, sagte ich, als der silbrige Mond  tief über dem Hafen stand und sich das fahle Licht auf unsere nackte Haut legte, aber sie spielt eine Rolle, so wie wir eine Rolle füreinander spielen. Ich weiß noch nicht mal, ob du Kinder hast.
Barbara schwieg lange, schaute vom Bett auf den Hafen, und ich bewunderte ihre schönen blauen Augen. Sie küsste mich, zog sich an, ganz ohne Hast, und verließ überraschend das Hotelzimmer ohne ein Wort, mit geschmeidigen Schritten, fast lautlos. Am Morgen entnahm ich einer hinterlegten Nachricht an der Rezeption, dass Barbara mich nicht wiedersehen wollte.
Mit dem nächsten Zug fuhr ich zurück nach Berlin. Ich dachte an Ruth, an Nähe und Distanz und Sex als Kommunikationsmittel. Und ich dachte an die Savannne, an Gnuherden, Antilopen und lauernde Löwen. Zuhause angekommen hörte ich die Nachricht eines Freundes auf dem Anrufbeantworter ab. Ruth war tot. Sie war in der vergangenen Nacht  beim Versuch abgestürzt, über den stählernen Bogen der Schlossbrücke in Charlottenburg zu balancieren. Ein Auto hatte sie überrollt.  
Nie werde ich verstehen, was in sie gefahren sein mochte, einen akrobatischen Akt dieser Art zu wagen und so unerhört leichtsinnig mit ihrem Leben zu spielen. Aber mehr noch als die verrückte Tat an sich stört mich mein Unverständnis und der Zorn Ruth gegenüber, die dauernd die Welt zerlegte und dann entschwand wie ein Papiertaschentuch im Wind.
Bei ihrer Beerdigung legte mir ihr Vater, den ich kaum kannte, die Hand auf die Schulter. Er sah mich aus verweinten Augen an, aber er lächelte, als er mir ein Buch gab, das notdürftig in altes Geschenkpapier eingeschlagen war.
Später saß ich an meinem Schreibtisch und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Dieses Buch gehört Ruth Faber, stand in Kinderschrift auf der Innenseite des Buchdeckels. Ich sah Fotos von grünen Graslandschaften und vertrockneten wüstenähnlichen Gebieten. Dann las ich zum wiederholten Mal den Titel: Von der Feucht- zur Dornsavanne. Afrikanische Exkursionen. Auf einem unbedruckten Blatt zwischen zwei Kapiteln entdeckte ich einen mit Buntstift gezeichneten Elefanten und darunter den Kommentar des kleinen, selbstkritischen Mädchens: Dieser Elefant ist leider nicht sehr gut geworden.
Ich faltete das Geschenkpapier zusammen und stellte das Buch auf das Regal für Neuerwerbungen. Mir fiel Barbara und der junge Mann an ihrer Seite ein. Ich tauchte ein in ein Meer von Tränen. Mein Mund war geöffnet und meine Zunge spielte mit Lippen und Zähnen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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