Florence Siwak

Die Fotos



Carola runzelte die Stirn und rückte das silberne Triptychon zurecht, das unter dem Spiegel auf der antiken Kommode stand – seit mehr als 30 Jahren schon.
Frau Heubock hatte wieder mal die seitlichen Flügel ungleichmäßig aufgeklappt und Knut, dem die rechte Seite gehörte, war nur halb zu sehen.
Sie verglich ihr Spiegelbild mit dem linken Teil des dreiteiligen Bildes, das eine junge Claudia zeigte, die sich aber erstaunlich wenig unterschied von der
heutigen, über 60-jährigen Frau.

Ein schwarzer, tadellos geschnittener Bubikopf mit langen Ponyfransen umrahmte ein feines, weißes Gesicht mit schwarz geschminkten Augen und einem
spitzen Kinn. Pikant hatte das mal jemand genannt. Ja, pikant. Die riesigen silbernen Kreolen waren dieselben wie auf dem Foto und sogar das weiße Oberteil
vom Foto glich ihrem Top, das sie heute unter einer silbernen Strickjacke trug. Perfekt! Dachte sie. Perfekt!

„Sind das deine Kinder“ hatte doch tatsächlich heute Morgen Frau Heubocks vierjährige Enkelin gefragt. Ihre Haushaltshilfe brachte Anja manchmal mit zur Arbeit,
wenn sie nicht in den Kindergarten gehen konnte.

Anja tänzelte unternehmungslustig vor dem Spiegel herum, in dem sie nur ihren blonden Dutt erkennen konnte, der gefährlich schief auf ihrem Kopf thronte.
Sie hüpfte auf und ab, in der Hoffnung einen Blick in den Spiegel erhaschen zu können und kam dabei dem Bild, diesem heiß geliebten Bild gefährlich nahe.
Ich muss Frau Heubock untersagen, die Kleine mitzubringen, dachte Carola aufgebracht und schnappte sich energisch das zierliche Geschöpf, um es in die
Küche zu ihrer Oma zu schieben.

„Bitte, Frau Heubock, achten Sie doch etwas auf Anja. Sie macht noch was kaputt!“ Anjas Oma merkte, dass es Ernst wurde. Anjas arglose Bemerkung hatte
getroffen, dachte sie. Und zwar tief! Aber schließlich war sie ein Kind und hatte nur die Wahrheit ausgesprochen.

Carola hatte Marga Heubock und Anja heute früher nach Hause geschickt. Nicht mal gemeinsam Kaffee hatten sie getrunken. Carola hätte die Gesellschaft dieses
kleinen Unruhestifters nicht mehr ausgehalten.

Nun stand sie vor dem Spiegel, das Bild in der Hand – wie täglich und polierte es mit einem weichen Tuch.
Auf dem mittleren, breiteren Foto blickten Knut und sie sich liebevoll an, eng umschlungen. Knut mit nacktem Oberkörper, auf dem noch der Nordseesand klebte
und sie mit einem im Nacken verschlungenen Bikini-Oberteil. Jung waren sie und verliebt. Sie wollten nach diesem Nordsee-Urlaub heiraten. Sie wollten.

Aber drei Tage vor dem Termin glaubte ein übermüdeter LKW-Fahrer, dass er unbedingt noch zum Tatort rechtzeitig zuHause sein musste und übersah Knuts Golf,
der das Tempo verringert hatte um die Autobahn zu verlassen. Er schob ihn mehr als einen Kilometer vor sich her, bis es ihm gelang, den voll beladenen LKW zum
Stehen zu bringen.
Knut hatte keine Chance. Sie hatte danach auch keine Chance mehr. Sie beide nicht.

35 Jahre war das jetzt her. Und Abend für Abend hielt sie mit den Bildern Zwiesprache – ein Glas Wein vor sich, oder auch zwei.

Naja, es gab schon mal Männer, Männer fürs Grobe sozusagen, für „Bedürfnisse“, wie sie es nannte, aber keinen wie Knut, der in ihrem Herzen immer jung geblieben war.
Sie setzte sich ins Wohnzimmer auf die breite cremefarbene Couch und stellte das Bild vor sich auf den niedrigen Tisch

Es war eigentlich noch zu früh für dieses abendliche Ritual, aber heute war alles irgendwie anders. Sie musterte sich, das heißt, die junge Carola und dann Knut,
den jungen, herrlich gewachsenen Mann. Seine Muskeln zeichneten sich deutlich unter seiner Haut ab. Zarte Haut hatte er gehabt, gar nicht wie ein Mann.
Wunderbare Haut. Zum Streicheln schön.
Carola bemerkte, dass sie errötete, ihr wurde heiß, aber es war keine leidenschaftliche Hitze.

„Sind das deine Kinder“ hatte Anja gefragt.
Sie könnten es sein. Knut könnte ihr Sohn sein.

Sie ließ die Weinflasche ungeöffnet. Heute wollte sie nicht von ihm und von sich träumen. Sie schämte sich.

Sie ging in die Diele, knipste die beiden Wandleuchten an und setzte ihre Brille auf. Was sie sah, ließ sie erschrecken.
Eine alte Frau. Sie hatte Falten um den Mund und die Augenbrauen und die Haare waren zu schwarz, viel zu schwarz. Die Säcke unter den stark geschminkten
Augen hatte sie bisher noch gar nicht bemerkt, oder nicht bemerken wollen.
Eine alte Liebhaberin für einen jungen Geliebten.

Carola seufzte, kämmte sich die langen Ponyfransen hinter die Ohren und ging ins Bad, um die Augen abzuschminken.
Die silbernen Kreolen wanderten in ihren Schmuckkasten.

Die Bilder, diese wunderschönen Bilder, ihr Leben – wohin damit?
Sie holte das schwere Album aus der untersten Schublade des Sideboards und suchte irgendwo vorne – so zwischen 20 und 30 – eine freie Seite.
Liebevoll befestigte sie die drei Fotos, lächelte auf sie hinunter und nahm Abschied von ihrer Vergangenheit.

Sie waren nun Bilder unter Bildern, Erinnerungen unter anderen Erinnerungen. Alles Teile eines Lebens, ihres Lebens und seines Lebens.
Sie legte das Album zurück und legte den kostbaren Bilderrahmen dazu. Sie würde ihn irgendwann mit neuen Inhalten füllen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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