Irene Beddies

Ein verkürzter Adventskalender




Frau Dietze war entrüstet: wieder musste sie in die 7b und den kranken Kollegen vertreten. In ihre 3. Klasse würde jemand anderes geschickt. Der las bestimmt nur etwas vor oder ließ ein Bild malen.
„So ähnlich kann ich es eigentlich auch machen“, brummelte sie. Aber was? Einen Nutzen sollte es haben, etwas anderes ließ ihr pädagogisches Gewissen nicht zu. „In einer Woche ist Nikolaus. Vielleicht kann die 7b etwas für meine Klasse basteln?“
Auf dem Weg zu Fuß nach Hause grübelte Frau Dietze. Vor dem Bastelgeschäft blieb sie stehen und sah die Auslagen im Schaufenster an. Das gab ihr auch keine Idee. Trotzdem betrat sie den Laden.
Sie ging langsam von Regal zu Regal. Plötzlich durchzuckte es sie beim Anblick kleiner Holzfiguren. Sie waren aus Rundstäben gedrechselt, hatten einen Kugelkopf und warteten als Rohlinge noch auf ihre Bestimmung. Im Geiste sah Frau Dietze Engel, Hirten, Könige….
Eine Verkäuferin kam auf sie zu und fragte freundlich: „Was suchen Sie?“
„Hätten Sie so etwas wie eine Krippe? Ich möchte nämlich die Weihnachtsszene aus diesen Figuren zusammenstellen. Aber es fehlt die Krippe.“
„Wir haben eine Wiege, glaube ich, und einen anderen Rohling, der sehr schön eine Maria abgeben könnte. Ich werde gleich auf die Suche gehen.“
Die Verkäuferin verschwand. Frau Dietze legte von verschiedenen Holzrohlingen jeweils mehrere in ein Körbchen: schlanke kegelförmige für die Engel, zylinderförmige für die Hirten, etwas größere mit der Andeutung eines Hutes für die Könige und Josef. Nur Maria und die Wiege fehlten; aber die brachte die Verkäuferin schon bald.
Zufrieden bezahlte Frau Dietze und ging beschwingt nach Hause.
 
Zwei Tage später betrat die Lehrerin das Klassenzimmer der 7b. Die Klasse galt als schwierig, aber Frau Dietze kannte mehrere Jungen und Mädchen noch aus deren  Grundschulzeit. Da war sie ihre Klassenlehrerin gewesen. Darum musste sie wohl auch öfter hier den Kollegen vertreten.
Die Schüler guckten interessiert auf den Korb, den Frau Dietze auffällig auf das Pult stellte. „Ich muss euch um etwas sehr Wichtiges und Schönes bitten…“
Sie machte eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. „Der eine oder die andere von euch können sich sicherlich an die Nikolaustage in der Grundschule erinnern, als ihr die Säckchen an der Tafel hängen saht, die der Nikolaus gebracht hatte.“
Einige Schüler kicherten. „Ich habe immer gewusst, dass Sie die dahin gehängt haben“, platzte Claudia heraus.
„Ja, das war wohl offensichtlich. Aber ihr habt gerne gerätselt, was ihr bekommen würdet, und euch auf die Überraschung gefreut. Nicht wahr, Marcel?“ Marcel fuhr verdattert hoch. 
„Dieses Jahr habe ich in meiner dritten Klasse etwas ganz Besonderes vor. Dabei könnt ihr alle mir helfen.“
Jetzt spürte Frau Dietze wirklich Spannung unter den Schülern.  Sie nahm eine Handvoll der Holzrohlinge aus dem Korb, ging zwischen den Tischen umher und zeigte den Jungen und Mädchen, was sie in der Hand hielt. Dann stellte sie sich wieder ans Pult und sah auffordernd in die Klasse.
„Dürfen wir die anmalen?“ „Was wird denn daraus?“ „Was kann man daraus machen?“  riefen die Schüler durcheinander.
Frau Dietze hob beschwichtigend die Hand: „Ich möchte euch bitten, diese Teile zu gestalten. Sie sollen Figuren einer Weihnachtskrippe  für meine 3a werden, also Engel, Hirten, Könige. Ihr könnt sie bestimmt hübsch mit euren Deckfarben bemalen und ihnen Flügel, Kronen und Hirtenstäbe ankleben. Ich habe euch Metallpapier, Holzspießchen und Streichhölzer mitgebracht.“
Sie hob die Sachen aus dem Korb. –
„Wer möchte gern einen Engel?“
Mehrere Finger hoben sich, und Frau Dietze verteilte die kegelförmigen Figürchen. Ebenso  geschah es mit den Rohlingen für die Hirten und Könige.
„Und wer darf Maria und Josef und die Krippe anmalen?“, fragte Heidrun.
„Das hängt davon ab, wer am saubersten arbeitet und Fantasie beim  Ausgestalten seiner Figur beweist.“
Nun beratschlagten die Kinder, die die gleichen Figuren ausgesucht hatten, untereinander lebhaft: Wie könnte man einen Engel bemalen? Wie malte man Arme, wo doch keine Andeutung an der Holzfigur zu sehen war? Und die Haare? Auf kahlen Köpfen?
Frau Dietze half hier und da mit Vorschlägen. Ihr Gesicht strahlte vergnügt, als sie sah, mit welchem Eifer alle bei der Arbeit waren.
Bald liefen Schüler durch die Klasse, um sich bei anderen letzte Ideen zu holen. Die Engel bekamen goldene, silberne oder blaue Flügel in verschiedensten Formen, die Könige erhielten goldene Kronen. Klara malte bunte Litzen an den Mantel ihres Königs. Dieser Einfall wurde von anderen aufgenommen, auch für die Verschönerung der Engel. Den Hirten, die meist grüne oder braune Kleidung bekommen hatten, klebten die Kinder  Holzspießchen als Hirtenstab an. Julia klebte ihrem Engel ein Streichholzköpfchen als Kerze über die gemalten Hände. Das schlug ein!
 
„Ich bin fertig!“, rief Torben als erster, „was kann ich nun tun?“
„Du darfst noch ein zweites Figürchen bemalen. Such dir eins aus.“
„Dann nehme ich diesmal ein anderes.“  Er suchte sich eine Hirtenfigur und machte daraus einen Engel.
Auch Bettina und Claudia holten sich ein zweites Figürchen. Die ersten, die sie bemalt hatten, gefielen ihnen nicht recht.
Als es zur Pause läutete, sammelte Frau Dietze alle Figuren ein.
„Ich komme nach der Pause noch einen Augenblick zu euch und sage, wer von euch Maria, Josef und die Wiege anmalen darf. Die Rohlinge dafür müssen eben zu Hause bemalt werden.“
Renate seufzte vernehmlich: „Schade, dass ich nicht auch so einen Engel habe.“
Frau Dietze schenkte ihr eins von den übriggebliebenen Holzteilen. Als das andere sahen, baten noch weitere Mädchen um ein Figürchen.
 
Am nächsten Tag kam Frau Dietze noch einmal auf einen Sprung in die 7b und zeigte den Schülern die roten Säckchen, in die die bemalten Krippenfiguren hineinkamen, und nahm die wunderschön bemalte Wiege, Maria und Josef in Empfang. In der Wiege lag ein auf Pappe gemaltes und dann ausgeschnittenes Jesuskind.
„Nach dem Nikolaustag könnt ihr immer einmal in meine 3. Klasse kommen und sehen, wie  der Stall von Bethlehem sich mehr und mehr füllt.“
 „Wie machen Sie denn den Stall? Kann ich den nicht basteln?“, fragte Torben.
„Da wäre ich froh, wenn du mir die Arbeit abnimmst. Ich hatte schon eine Idee und  hab sie aufgezeichnet. Du hast damit einen Anhaltspunkt, wie groß sie ungefähr werden muss. Komm in der nächsten Pause zum Lehrerzimmer, da kann ich dir den Zettel geben.“
 
Rechtzeitig zum Nikolaustag brachte Torben den fertigen Stall. Er hatte aus den dünnen Brettchen einer Clementinenkiste eine Art Regal gebastelt mit einem schrägen Dach.  
Sehr früh kam Frau Dietze am Nikolausmorgen in den Klassenraum der 3a. Sie zog die Gardinen vor die großen Fenster und befestigte die Säckchen mit den Krippenfiguren an der Tafel. Den Stall stellte sie auf einen halbhohen Schrank, so dass er von allen gesehen werden konnte.  Jedem Kind legte sie einen Schokoladenweihnachtsmann auf seinen Platz.
Als die Mädchen und  Jungen zur ersten Stunde herein gelassen wurden, brannte am Adventskranz auf dem Pult die erste dicke rote Kerze.
Fast jedes Kind machte sich sofort über seine Süßigkeit her, bevor Frau Dietze dazu kam, Lose ziehen zu lassen. Mustafa durfte das Kästchen mit den Losen herumreichen.
„Ich habe Nr. 1“, rief Karl triumphierend.  
„Du darfst als erster ein Säckchen abschneiden. Such dir eins aus.“
 Karl befingerte einige der Säckchen und schnitt mit der Schere das dickste ab. Als er es öffnete, kam die Wiege zum Vorschein. „Was soll ich denn mit einer Wiege“, rief er ein wenig empört.
„Du hast gleich das Wichtigste erwischt, Karl. Das ist die Wiege mit dem Jesuskind.“ Sie deutete auf den Stall: „Stelle sie dort bitte hinein. Morgen stellt, wer Los Nr. 2 gezogen hat, eine Figur dazu. Und so geht es dann weiter, bis zu unserer Weihnachtsstunde am letzten Schultag.“
 
Ab und an kam Torben mit Claudia in die 3a, um die wachsende Krippenszene zu bewundern. Kurz vor den Weihnachtsferien trug er eine Schachtel unter dem Arm. Stolz zeigte er Frau Dietze den Inhalt: Weihnachtskrippenfiguren wie die, die jetzt fast vollzählig in dem Stall standen.
Frau Dietze sah ihn fragend an.
„Das ist eine Überraschung für meine Eltern. Danke, Frau Dietze, für die Idee! Und schöne Weihnachtstage!“
 

(c) I. Beddies



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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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