Peter Kröger

Wir sitzen auf einem Balkon



Wir sitzen auf einem Balkon in Rom in der Via dei Cavalleggeri und Wilfried sagt, es ist sinnlos zu bleiben und zwar aus ganz verschiedenen Gründen, als da wären erstens unsere mangelnden Italienischkenntnisse, zweitens die große Hitze und drittens unsere Streitereien über Haffner. Früher haben wir mit Haffner gestritten, aber Haffner ist nicht mehr dabei, und darum haben Wilfried und ich uns auf Rom geeinigt, weil Haffner Rom gehasst hat und wir mit Rücksicht auf ihn im letzten Jahr nach Regensburg und im vorletzten nach Bonn gefahren sind und jetzt erst nach Rom, obwohl Wilfried und ich nicht gläubig sind, schon gar nicht katholisch, aber Haffner war gläubig, trotzdem hat er Rom gehasst.
Wilfried sagt, es steht und fällt alles mit der Beherrschung der Landessprache, im Grunde ist es ihre Nichtbeherrschung, die uns Rom verdorben hat, neben der sengenden Hitze natürlich, der wir nördlich der Alpen glücklicherweise nicht ausgesetzt sind, oder nur gelegentlich für einige Tage, jedenfalls nicht über den ganzen Sommer hinweg wie in Rom. Aber die Sprache, sagt Wilfried und wiederholt sich, ist das A und O, und sei es nur, um einem flüchtenden Taschendieb eine angemessene Verwünschung hinterherzuschreien. Ach du mit deinen Verwünschungen, sage ich und sehe, wie Wilfried in seinem Sprachführer blättert, vielleicht auf der Suche nach Geeignetem, um Taschendiebe in die Schranken zu weisen oder einfach nur zu beeindrucken, er will sie beeindrucken, denke ich, Wilfried ist verrückt, dabei sollte er froh sein, dass seine gestohlene Brieftasche nur wenig Geld enthielt, keinen Ausweis und keine Karten.
Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage, dass selbst einem gestandenen Italiener oder einer gescheiten Italienerin unter Umständen keine Verwünschung einfällt gegenüber einem flüchtenden Taschendieb und dass wir wissen, wie wir im Restaurant ein Essen bestellen und nach dem Weg fragen können, soweit reicht unser Italienisch. Nur Haffner, sage ich zu Wilfried, hätte ohne mit der Wimper zu zucken eine Bemerkung gemacht, die vielleicht nicht den Dieb erreicht aber auf jeden Fall den Umstehenden am Campo dei Fiori gefallen hätte, denn Haffner hat, wie wir beide wissen, mehrere Sprachen gesprochen und die italienische gehörte dazu.
Trotzdem, sagt Wilfried, war Haffner ein unverbesserlicher Arroganzling, obwohl er es nicht nötig gehabt hätte, aber wer weiß, was Haffner nötig hatte. Seine Neigung, dem Anderen über den Mund zu fahren, störte gewaltig, mir ist sie jedenfalls gehörig auf den Wecker gegangen, das Gerede vom anständigen Gebrauch der Muttersprache als Grundlage für das Erlernen von Fremdsprachen war immer eine große Irreführung gewesen, natürlich als Einschüchterung gemeint, die Andere davon abhalten sollte, in seinen Jagdgründen zu wildern. Du weißt, sagt Wilfried und schaut mich prüfend an, ich habe Haffner für einen Idioten gehalten, einen Aufschneider, allerdings auch für einen Scharlatan mit großen Talenten. Er kann mich mal, sage ich heute rückblickend, aber ich sage auch, die Trostlosigkeit seines Abgangs war enorm, ein Abgang, der mich stärker erschüttert hat, als der Tod meiner Frau.
Wir sitzen auf dem Balkon und ich sage Wilfried, bitte, und dann schenke ich viel zu warmen Rotwein nach, während die Hitze noch unerträglicher zu werden scheint, obwohl sie den ganzen Tag schon unerträglich ist und unten auf der Straße schlagen zwei Jugendliche aufeinander ein, zunächst sieht es wie ein harmloses Gerangel aus, aber dann fliegen die Fäuste, und ich frage Wilfried, ob man eingreifen soll, und Wilfried sagt, du bist verrückt, lass sie sich prügeln, oder willst du auch noch Dresche beziehen. Beide schauen wir auf die gegenüberliegende Hausfassade, wo alle Fensterläden geschlossen und die Balkone verwaist sind, immer diese verwaisten Balkone, sage ich, niemand sitzt auf ihnen, weil es zu heiß ist, eigentlich sind Balkone überflüssiger Schnickschnack, nie kann man auf ihnen sitzen, nur wir betreiben solch einen Unsinn, daran erkennt man sofort den Touristen, dass er keinen Unsinn unterlässt, sondern im Gegenteil exzessiv Unsinniges tut, und dazu gehört das Hocken auf Balkonen zur Unzeit, denn um eine sogenannte Unzeit handelt es sich allemal, einem Römer käme es nicht in den Sinn, sich in der Nachmittagssonne auf dem Balkon rösten zu lassen. Unsere lieben Jugendlichen sind übrigens fort. Siehst du, sagt Wilfried.
Ich will Wasser holen und sage Wilfried, ich glaube, etwas Wasser würde uns guttun, klares, kaltes Wasser, aber Wilfried sagt, was willst du mit Wasser, das wirft uns zurück, viel wichtiger ist es, die Abreise zu regeln und alles zu besprechen, und du denkst an Wasser, aus der Leitung ist es ohnehin von minderer Qualität, der Wein wird ohnehin nicht reichen, zumindest leidet er, wenn wir ihn verwässern, was glaubst du, was dein lieber Haffner zu diesem Frevel gesagt hätte, trinkt Wasser oder Wein, hätte er gesagt, aber vermengt um Gottes Willen nicht alles wahllos miteinander, zum Schluss habt ihr gar nichts, keinen richtigen Rausch, aber nüchtern wäret ihr ebenso wenig, nur von einer niederschmetternden Labbrigkeit erfüllt, bestimmt hätte Haffner Labbrigkeit gesagt, so Wilfried, trotz seiner angeblichen Sprachverliebtheit wäre ihm nichts Besseres eingefallen.
Ich bleibe also sitzen und hole kein Wasser aus der Küche unserer Wohnung, um Wilfried nicht zu erzürnen. Meinen Gemütszustand erkennt Wilfried sofort, als ich, nur um etwas zu sagen, auf Rom zu sprechen komme und seine stillen Orte, und ich schwärme von den ruhigen Plätzen Trasteveres, vom Blick über die Stadt auf der Piazza Garibaldi, den Verkehrslärm im Stadtzentrum übergehe ich, das Gedränge übergehe ich, den Nepp übergehe ich, die Hitze übergehe ich, soweit sie auf unserem Balkon übergangen werden kann, aber Wilfried schlägt  mit seiner Rechten auf die steinerne Brüstung, die ganze Konstruktion zittert, und ich beende vorzeitig meinen Vortrag über die schönen Seiten Roms.
Gleich wird Wilfried wieder mit dem Thema Abreise anfangen, denke ich, Rom und Abreise, das scheinen für ihn mittlerweile Synonyme zu sein, es scheint kein Halten zu geben, obwohl die Wohnung für insgesamt zehn Tage, also noch für weitere sechs Tage, bezahlt ist und wir bislang weder die Vatikanischen Museen, den Palatin oder die Via Appia gesehen, geschweige denn einen Ausflug nach Ostia oder nach Frascati unternommen haben, also uns weder ein abschließendes noch ein vorläufiges Urteil über Rom bilden können, aber das interessiert Wilfried gar nicht, er will weg, ohne Rücksicht auf den finanziellen Verlust möchte er die Stadt verlassen, sicher könnte ich allein hierbleiben, aber diese Reise, dieser Aufenthalt ist unser gemeinsames Projekt gewesen, das Produkt einer langen Vorbereitung und das erste Projekt ohne Haffner, der von Rom immer nur in abschätziger Weise gesprochen hat, gegen Ende mit Kraftausdrücken der unfeinsten Art, wie wir sie von Haffner noch nie gehört hatten und zwar zu dem Zeitpunkt, als Haffner befürchten musste, dass wir uns per Mehrheitsbeschluss für eine gemeinsame Romreise aussprechen würden. Haffner sagte noch kurz bevor wir nach Regensburg fuhren, Rom sei eine einzige Jauchegrube und der Petersplatz zum bewachten Freilufttheater für Eventgläubige verkommen, die in fein herausgeputzten Kolonnaden und in einer hässlichen Trutzburg namens Petersdom Antworten zu finden glaubten, für die sie nicht mal die Fragen wüssten. Erst im Verlauf unserer Regensburg-Freizeit, wie er es nannte, so wie er unseren Ausflug nach Bonn im Jahr zuvor Bonn-Freuden genannt hatte, erst in Regensburg also, war es Haffner möglich gewesen, sich wieder zu beruhigen und keine weiteren Romschmähungen auszusprechen. Sogar Wilfrieds Auslassungen, Haffner sei ein Möchtegernpurist, ein Spielverderber und intellektueller Halsabschneider, nahm der Gescholtene amüsiert und, wie mir schien, auch mit Stolz zur Kenntnis, was Wilfried wiederum zu der Bemerkung veranlasste, bei Haffner sei eben Hopfen und Malz verloren und Besserung nicht zu erwarten, man müsse wohl, bis ans Ende seiner Tage, Haffner gewähren lassen, und nein, man werde nie nach Rom fahren, nicht mit Haffner jedenfalls, obwohl er es sei, der durch seine Kenntnis des Italienischen die Stadt und das Land und mit seinem Katholizismus sogar den Erdkreis, so Wilfried augenzwinkernd in Regensburg, für alle Teilnehmer einer solchen Expedition zugänglich machen könne.
Wir sitzen auf einem Balkon, und Wilfried sagt, morgen reisen wir ab, meinetwegen können wir nach Florenz oder Neapel fahren, ich hätte auch nichts gegen Siena oder Verona einzuwenden, überall ist es heiß, schließlich sind wir in Italien, sagt Wilfried, alles ähnelt sich, wirst du sagen, wir verstehen auch in Siena kein Wort, es liegt an Haffner, er ist schuld, wirst du sagen, ich ahne es, sag was du willst, aber in Rom bleiben wir nicht.
Ich sehe Wilfrieds hochroten Kopf und bemerke wieder die prügelnden Jugendlichen, einander belauernd, blutend und erschöpft, Grimassen schneidend, die Hemden zerrissen, ratlos. Warum, sagt Wilfried, der zu lallen begonnen hat, dreht sich alles um Dinge, die einem zum Hals heraushängen, warum immer wieder Haffner, warum Rom, nicht trotz, du weißt es, sondern wegen Haffner, Haffner ist die negative Bezugsgröße, habe ich das schön gesagt, ich habe einen Sonnenbrand, der sich sehen lassen kann, wenn es so weitergeht, wird es ein Sonnenstich, dann wird es eben ein Sonnenstich, aber das beantwortet die Frage nicht, warum Haffner, ich mache mich lächerlich, und du denkst dir, sagt Wilfried mit blutunterlaufenen Augen und schaut auf einen Punkt irgendwo zwischen mir und der Weinflasche, du denkst dir, er dreht durch, er hat diesen Haffner-Tick, Wilfried ist am Ende, genau das ist es, was du denkst, dabei bist du selbst ein wenig wie Haffner, nämlich den einen Schritt voraus, aber du bist kein Purist, kein hochherziger Mensch, gut, der Wein tut seine Wirkung, ich weiß, sagt Wilfried, aber warum dieses dauernde Haffner hier, Haffner dort, warum zum Beispiel nicht Irene hier, Irene dort, es ekelt mich an, Irene und Haffner sind tot, morgen ist es ein Jahr, ein volles Jahr, und alles dreht sich um Haffner, um Irene dreht sich nichts, davor erschrecke ich zutiefst, du magst es glauben oder nicht, aber ich erschrecke, warum sind wir am Ende hier, du siehst aus, als wüsstest du es, Haffner hätte geschwiegen, in einem solchen Moment hätte er geschwiegen, aber du wirst es sagen, sagt Wilfried.
Sie sind direkt unter uns, sage ich, deshalb sieht man sie nicht. Man denkt, sie sind weg, aber sie sind direkt unter uns und vermutlich schlagen sie sich, aber vielleicht sind ihre Energien auch endgültig erschöpft, eben sah es so aus, als könnte ebenso gut alles im Sande verlaufen. Manchmal lösen sich Probleme einfach von selbst, sie lösen sich auf, keiner weiß warum, das ist Italien, in unseren nördlichen Breiten sind derlei Erscheinungen unbekannt, alles müssen wir unbeirrt-entschieden angehen und einer Lösung zuführen, schau uns beide an, auch was wir nicht wissen, beantworten wir.
Du wirst es sagen, wiederholt Wilfried und fixiert mich. Ich werde es dir sagen, antworte ich, aber du wirst es nicht hören wollen, wie du alles verwirfst, was andere über Haffner, und, man muss hinzufügen, was andere über dich und Haffner, und dich und Haffner und Irene sagen, es beginnt schon damit, dass du gar nicht hören willst, warum wir am Ende hier sind, sage ich, aber ich werde es dir sagen, auch wenn mir jetzt nach einem Schluck Wasser wäre, es ist nur ein kurzer Sprung in die Küche, eine Karaffe Wasser täte uns beiden gut, du und dein Zurückwerfen, es ist Haffner, der uns zurückwirft.
Wasser, brüllt Wilfried plötzlich, und ein Speicheltropfen trifft meinen Handrücken auf dem Balkontisch, zum Teufel mit klarem, kaltem Wasser, wen interessiert das blöde Wasser, morgen reisen wir ab, Rom, eine Zumutung, eine Fehlentscheidung, so muss man es nennen, Kriminalität, Hitze, Raufereien auf der Straße, aber entschuldige, du wolltest etwas sagen, grad wolltest du ansetzen, schon falle ich dir ins Wort, ich beruhige mich, ich kann mich beruhigen, du wolltest etwas sagen, sag es, sagt Wilfried.
Es ist ein Desaster, wir auf diesem Balkon, wir Übriggebliebenen, denke ich, wir sind das, was von Haffner übrig geblieben ist. Benebelt vom Wein und ohne eine Vorstellung, was zu tun ist, betrachte ich erst meine flache rechte Hand auf dem Tisch und dann den mutlosen Wilfried und sein hochrotes Gesicht mit der salzverkrusteten Stirn, die zu kleinen Schlitzen verengten Augen, die herabhängenden Arme und höre seinen keuchenden Atem, der nicht langsamer wird, nicht schneller. Also, sage ich, warum wir hier sind.
Haffner hat Rom geliebt, und du weißt es, sage ich. Mir hat er es anvertraut und es kann auch dir nicht verborgen geblieben sein, aber Rom wollte er für sich allein, und es ist ihm gelungen, Bonn und Regensburg seien römisch genug, das waren seine Worte vor ziemlich genau einem Jahr, natürlich meinte er, römisch genug für uns, Wilfried, so hart das klingt, aber man muss Haffner recht geben, Haffner war ein harter Knochen, zu hart für uns beide, außerdem war er mein Freund, deiner war er auch, vielleicht möchtest du es jetzt leugnen, vielleicht weißt du es wirklich nicht mehr, was schwerer wiegt, magst du entscheiden, du entscheidest, sage ich. Trotzdem möchte ich vom Freund Haffner sprechen, ein schwieriger Freund, aber das bist du auch, Wilfried, das bin ich auch. Und Rom, Rom wollte er für sich, ganz für sich, meines Wissens hat er es mit niemandem geteilt, und wenn er von der Jauchegrube gesprochen hat, von Eventgläubigen und all diesem Unsinn, dann wollte er uns fernhalten, einmal sagte er zu mir, es gäbe keinen besseren Ort auf der Welt als das Pantheon, im Pantheon fühle er sich in der Mitte von allem und im weitesten Sinne aufgehoben. So spricht kein Romhasser, aber uns wollte er nicht dabeihaben, wir aber wollten bei Haffner sein, hier in Rom, aber erst in der Nachhaffnerzeit ist es möglich, die Eventgläubigen sind wir, Wilfried, sage ich, wir sind zu Haffner gepilgert, und jetzt willst du fort und weißt nicht wohin. Irene hat es auch nicht gewusst, deine Frau war Haffner verfallen, und Haffner wollte es nicht wahrhaben und wurde doch vom selben Auto überrollt wie Irene, eine Woche nach unseren Herrentagen in Regensburg, nur weil er Irene zurückziehen will am Straßenrand und Irene ihn stattdessen mitreißt, ich begreife es bis heute nicht, woher nimmt Irene die Kraft, aber du und ich stehen daneben und schauen, noch zwei Sekunden nach dem Aufprall schauen wir nur, und zwei Sekunden sind lang, in diesem Fall eine Ewigkeit. Und darum sitzen wir hier und trinken und sagen, es ist die Hitze, wir glühen, soll ich sagen immer noch, und ich will Wasser holen, du aber willst nicht, du verdampfst lieber ganz und gar, Wasser willst du nicht, nach einem Jahr, Wilfried, sehe ich deinen Schmerz noch, sage ich, aber es war nicht Haffners Schuld, überhaupt wollen wir nicht von Schuld sprechen, deine Frau war Haffner verfallen, alle wussten es, nur Haffner war ahnungslos, und Irene war hilflos, vor allem war sie hilflos, Wilfried, was soll ich sagen.
Wir sitzen die dritte Stunde im dritten Stockwerk der Via Cavalleggeri Nummer 6, auf einem Balkon, der endlich im Schatten liegt. Wilfried betrachtet eine mit Rotweinflecken übersäte weiße Papierserviette und zieht aus seinem verschwitzten Jackett einen Kugelschreiber, den er langsam zwischen den Fingern wandern lässt, um ihn schließlich vor sich auf den Tisch zu legen, neben sein leeres Rotweinglas.
Nun geh schon, wir brauchen Wasser, ich habe verstanden, dass wir Wasser brauchen, sagt Wilfried und lächelt angestrengt. Dann wird sein Blick ernst und er gibt mir ein Zeichen, geh schon. Gleich aufstehen sieht merkwürdig aus, denke ich, aber ich warte nicht, worauf soll ich warten. Auf dem Weg zur Küche gehe ich an Wilfrieds Zimmer vorbei und sehe seinen gepackten Koffer vor dem gemachten Bett stehen, auf dem Kopfkissen den großen, gemeinsam beschafften Rom-Reiseführer, in dem ich von weitem ein großes Photo des Pantheons erkenne. Bis in den kleinen, dunklen Flur höre ich den Lärm der Straße, gelegentliches Rufen, vielleicht ein Flugzeug, doch ich bin nicht sicher.
Wenig später kehre ich zurück, ein Tablett in der Hand, darauf die gefüllte Karaffe und zwei Wassergläser. Wir werden das Wasser trinken, denke ich, und morgen werden wir fahren, früh am Morgen, wie ich Wilfried kenne, lass uns in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, höre ich ihn sagen, und er wird den Eindruck machen, als könne kein Haffner der Welt ihm einen Strich durch die Rechnung machen, darum werden wir nach Neapel fahren, nie hat Haffner von Neapel gesprochen, zu viel Mafia, Haffner war ein gläubiger aber auch ein ängstlicher Mensch, wir können einen neuen Anfang wagen in Neapel, und Wilfried wird nur noch einen Sonnenbrand haben, und ich werde den Tag den ersten Tag nach Rom nennen und wir werden unseren geretteten Resturlaub feiern und mit etwas Glück unseren ersten Tag ohne Haffner, aber die verborgene Trauer über Irenes Tod erdrückt ihn, er muss endlich die Trauer über Irenes Tod zulassen, denke ich.
Aber Wilfried ist fort, sein Weinglas steht, wo es eben stand, der Balkonstuhl allerdings, auf dem er eben noch saß, ist umgefallen, ich habe nichts gehört, denke ich und sage Wilfried und noch einmal Wilfried und etwas Sinnloses wie nein, nicht, das mir schon sinnlos und abgeschmackt vorkommt, wie ich es sage. Es ist heiß, denke ich, dann schaue ich über die Brüstung. Unten kauern die beiden Jugendlichen mit den zerrissenen Hemden neben einem Mann, der leblos daliegt und unmöglich Wilfried sein kann, weil Wilfried nicht tot sein kann und eben noch Wasser wollte, wie ich denke, auch wenn nun Passanten hinzukommen und einige in meine Richtung zeigen und ich mich wegducke und nicht weiß warum.
Es ist heiß, denke ich wieder, wer wird das Wasser trinken, dann erkenne ich Wilfrieds Schrift auf der Papierserviette und stelle das Tablett ab. Meine Hände zittern. Ich lese: Sie hat Haffner geliebt, aber mit Walter hat sie es  getrieben aus Langeweile.
Schreibt’s auf und springt, denke ich, sage abermals nein und zerreiße die Serviette. Haffner wollte immer nur Abstand halten, nicht nur zu uns, sondern auch zur schönen Irene, aber Irene hat im entscheidenden Moment sich nicht nur nicht von Haffner zurückreißen lassen, sondern hat ihn selbst mit aller Macht in den fließenden Verkehr gezogen, Wilfried und ich standen direkt daneben, aber Wilfried und ich leben und Haffner ist tot. Vielleicht gibt es einen Hinterausgang in der Via Cavalleggieri Nummer sechs in Rom, denke ich und wage erneut einen vorsichtigen Blick vom Balkon auf das Unabänderliche, doch die Straße ist leer.
Keine Angst, alles wird gut, sagt Wilfried, der Heuchler, der plötzlich hinter mir steht, schau, wen ich mitgebracht habe. Die beiden jugendlichen Schläger kommen mir bekannt vor, ein abgekartetes Spiel, das Ganze, dabei wäre ich bereit gewesen, nach Neapel zu fahren, für einen Neuanfang könnten wir meinetwegen sogar bis Palermo fahren, sage ich, wir können Rom sofort verlassen, diesen Balkon, sofort, welche Serviette, wovon sprichst du, Wilfried, ich habe keine Serviette gesehen. Du Lügner, sagt Wilfried.
Als sie mich packen, will ich alles erklären, für alles gibt es eine Erklärung, aber es verschlägt mir die Sprache. Haffner, Rom, warum sind wir hier. Wilfried schlägt auf die Brüstung und gibt ein Zeichen. Dieser Urlaub ist ein Irrtum, denke ich, es ist sinnlos zu bleiben, mehr noch, nie hätte dieser Urlaub stattfinden dürfen, ein kriminelles Pflaster wie Rom sollte man niemals betreten, unter keinen Umständen, es sind keine Umstände denkbar, die Rom zu einem anziehenden Ort machen. Irene hat Haffner geliebt, darauf kommt es an, nur die Liebe zählt. Ich schließe die Augen und fliege heim.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.11.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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