Diethelm Reiner Kaminski

Angenehme Nachtruhe

 
 
So mancher von Flugangst Geplagte würde sich unbesorgt einem Flugzeug anvertrauen, wenn da nicht diese unvermeidlichen Turbulenzen wären. Sie zwingen die herumstreunenden Passagiere zurück in Sitze und Gurte, schütteln sie durch wie bei einem Erdbeben mittlerer Stärke und lassen ihnen das Herz in die Hose rutschen. Einige beten in der Annahme, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, einige Männer nutzen ihre Chance und ergreifen die Hand der Nachbarin, um der Verzagten Mut zu machen, in Wahrheit aber, um die eigene Angst zu überwinden und in der Stunde des Todes nicht allein zu sein. Alle, selbst die wenigen Nichtalkoholiker, bedauern, dass sie nicht beizeiten eine ganze Flasche Whisky geordert haben, um ihre Todesfurcht zu ertränken, dann könnten sie jetzt zur Beruhigung einen tiefen Schluck aus der Flasche nehmen, denn die Getränke in den Plastikbechern sind längst verschüttet.

Ein flugerfahrener Vielflieger verbreitet gerade die Theorie, die Turbulenzen seien künstlich erzeugt, um Speisen und Getränke zu sparen. Er untermauert seine Theorie mit dem Argument, dass die Turbulenzen immer, und er betont das Wort immer, ausnahmslos, also immer, unmittelbar vor der Essensausgabe einsetzten und bis kurz vor der Landung andauerten. Um eine Massenpanik zu verhindern und die Passagiere ruhig zu stellen, sei der Tomatenjuice, ein Schlafmittel, kaschiert als schwarzer, grob gemahlener Pfeffer, beigegeben. Zustimmendes Nicken der Sitznachbarn.

Nur ein Neunmalkluger mault dagegen an:„Und was ist mit denen, die Orangensaft oder stilles Wasser ohne Pfeffer bestellen?“

„Na was wohl“, entgegnet der Vielflieger. „K.o.-Tropfen, was sonst? Der Tiefschlaf der Fluggäste erklärt auch die hohe Diebstahlsrate an Bord.“

„Sie meinen, es schlafen gar nicht alle? Wirken die Tropfen nicht bei jedem?“

„Nicht die Passagiere natürlich, mehr sage ich jetzt nicht. Man ist also gut beraten, sein Geld und seine Wertsachen zu verstecken.“

„Und wo?“

„Das müssen Sie selber herausfinden. Ist das mein Problem? Jedenfalls nicht in den Schuhen, denn selbst die werden den Schlafenden noch ausgezogen. Am besten verschlucken … aber mehr möchte ich zu meiner eigenen Sicherheit nicht verraten.“

„Hatte der Flugkapitän vor dem Start nicht Informationen zur Flugroute angekündigt? Jetzt sind wir schon drei Stunden in der Luft, aber null Information.“

„Wie kann der uns Informationen geben, wenn er doch schläft.“

„Schläft?“, rufen die Sitznachbarn entsetzt.

„Wussten sie denn nicht, dass der Kapitän, kaum dass er gestartet ist, den Autopiloten einstellt und erst mal ein langes Nickerchen macht? Ist ja auch ein stressiger Beruf. Stundenlang stumpfsinnig in die Dunkelheit starren, schlimmer als Fernfahrer auf deutschen Autobahnen. Wenn der Kapitän pennt,  unterlaufen ihm aber auch weniger Fehler.“

„Und der Kopilot?“

„Der vergnügt sich mit den Stewardessen in der Bordküche. Deshalb lassen die sich auch nie blicken, nicht mal, wenn Sie klingeln. Oder sehen Sie welche? Darum ist doch der Vorhang auch so lange zugezogen.“

„Verstehe, das dürfte die wahre Ursache für die Turbulenzen sein. Ich würde zu gerne mal nachschauen, was die da treiben, aber wir dürfen uns ja erst wieder von den Sitzen erheben, sobald das Leuchtzeichen „anschnallen“ erloschen ist.

„Ob die sich dabei anschnallen?“, fragt eine Sitznachbarin interessiert.

Eine Antwort bleibt aus, denn gerade stürzt die Maschine senkrecht in ein Luftloch und die verängstigten Passagiere werden tief in die Sessel gedrückt.

„Keine Sorge“, ruft der Vielflieger. „Wir sind hinaufgekommen, dann kommen wir auch irgendwie wieder runter. Ich wünsche Ihnen allen eine angenehme Nachtruhe.“


30.11.2012

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