Peter Somma

Es ist nicht so wie es aussieht

Marc und Seline gehörten zu jenen, die es besser hatten im Leben. Sie waren beide reich geboren worden und verdienten mehr, ohne dabei ins Schwitzen zu kommen, mehr als sie jemals hätten ausgeben können. Zu allem Überfluss hatten die zwei auch noch je eine eigene Villa geerbt und als sie heirateten, lösten sie das, was für sie ein Problem darstellte, für jeden anderen aber ein Glücksfall gewesen wäre, auf die Art, dass sie die Villa, die Seline geerbt hatte und die an einem See lag, der mit dem Auto nur wenige Minuten von der Stadt entfern lag, als ihr Sommerquartier wählten, während sie jenes Haus, das Mark in der Stadt besaß, zu ihrem Winterquartier machten.

Beide waren moderne Menschen und hatten beschlossen, eine offene Ehe zu führen, und dem anderen möglichst viel Freiheit zu gewähren, wobei es nicht ganz sicher war, ob beide unter dieser Freiheit dasselbe verstanden.

Denn Marc war der Meinung, dass es ihm als Mann zustünde, alle Grenzen, alle Barrieren, die Sittlichkeit, Anstand und Rücksicht auf den Partner geboten, jederzeit überschreiten könne, während er den Standpunkt vertrat, dass seine Frau Seline, das eine oder andere Techtelmechtel ruhig haben könne, dabei aber das Intimste, was zwischen ihnen in ihrer sexuellen Beziehung stattfand, nicht mit anderen teilen dürfe, dass durch so ein Verhalten ihrerseits leicht eine Grenze zwischen Abenteuer oder Liebelei zu einer wirklichen Leidenschaft und Liebe überschritten werden könne, was ihrer Beziehung Schaden zufügen hätte können. Seine Frau Seline aber, dachte heimlich, bei sich, dass das was für Ihren Partner erlaubt sei, natürlich auch ihr gestattet sein sollte.

Neben den exquisiten beiden Villen, die sie bewohnten, gönnten sie sich auch noch jedes Jahr eine dreiwöchige Kur in einem bekannten Kurort.

Sie hatten vereinbart, dass jeder in einem anderen Ort Quartier nehmen sollte und dass sie sich, während dieser Zeit mit Briefen über das Wohlergehen und die diversen, zu erwartenden Abenteuer berichten sollten. Dabei sollten sich die beiden Partner kein Blatt vor den Mund nehmen und über ihre bestandenen oder laufenden Abenteuer, aber auch über Affären, die nur als Wunschtraum existierten, im Detail berichten. Diese Unsicherheit über Wahrheit oder Phantasie sollte ihren frivolen Neigungen neue Nahrung geben und die sexuelle Spannung zwischen ihnen steigern, die sich nach ihren Kuraufhalten in einem wahren Feuerwerk der Erotik entladen, und so ihrer Liebe zueinander wieder neue Nahrung geben sollte.

Marc hatte dieses Jahr eine eher biedere Kuranstalt im Süden Österreichs gewählt, die aus der Mischung aus alter traditioneller Bauweise und einer nach den modernsten architektonischen gewagten Prinzipien errichteten Kuranlage seinen Reiz bezog. Ein gepflegter Kurpark gab den Gästen die Möglichkeit, neben den angebotenen Bädern, Kontakte zu pflegen, oder auf längeren oder kürzeren Spaziergängen die nähere Umgebung zu erkunden.

Marc hatte schon den dritten Tag hier verbracht, ohne eine geeignete Partnerin gefunden zu haben, die ihn zu einem amourösen Abenteuer angeregt oder gar eingeladen hätte und wartete voll Ungeduld auf den ersten Bericht Selines, die heuer einen bekannten Kurort im oberen Italien ausgewählt hatte.

Seline war in einem noblen Hotel untergebracht, in dem sämtliche Kuranwendungen von den Schlammpackungen, über die Bäder im warmen Swimmingpool bis zum Einsatz moderner Kosmetik angeboten wurden, von denen Seline reichlich Gebrauch zu machen, die Absicht hatte.

Kaum angekommen hatte sie unter den Gästen einen Herrn mittleren Alters ausgemacht, der deutliches Interesse an ihr zeigte und schon die ersten Kontakte im Swimmingpool überzeugten Seline, dass sie ihrem Gatten bald Interessantes berichten werde können. Am dritten Tag war es dann soweit, dass sich Seline an den kleinen Schreibtisch setzen, und an ihren Mann den ersten Brief schreiben konnte:

Mein lieber Marc!
Endlich ist mein langweiliger Kuraufenthalt durch ein wahrhaft amouröses Abenteuer unterbrochen worden. Schon am ersten Tag meines Aufenthaltes war mir ein Herr in den besten Jahren aufgefallen, der mir ganz offen den Hof machte und dabei nicht mit intimen Handgreiflichkeiten sparte. Als ich ihn heute mit aufs Zimmer nahm und mich auffordernd auf dem Bett niederließ, begann er, nachdem er mich zärtlich entkleidet hatte, mich mit Küssen zu überschütten. Langsam wanderte er von meinen Ohrläppchen zu meinen Lippen, wo er lange und wollüstig verweilte. Dann rutschte er langsam zwischen meinen Brüsten nach unten, lutschte an meinen Nippeln um schließlich weiter und weiter nach unten zu wandern, bis er schließlich jenen Punkt erreichte, von dem Du weißt, wie sehr ich darauf abfahre. Mein ganzer Körper erbebte und ich musste in meine Finger beißen, damit ich nicht laut aufschrie. Schließlich erschütterte mich mein erster Orgasmus, dem ein zweiter und ein dritter folgten. Dann sank ich ermattet in die Polster. Mein Atem war ein einziges Keuchen und mein Galan lag, noch deutlich erregt, neben mir. Ich aber war in diesem Augenblick zu keiner Gegenleistung mehr fähig.

Am nächsten Tag, als ich ihm dann wieder begegnete, würdigte er mich allerdings keines Blickes. Offenbar war er beleidigt, dass ich ihn mit seiner Erregung im Stich gelassen hatte und seine Zärtlichkeiten nicht erwidert hatte. Das lieber Marc, ist das Neueste, das ich dir berichten kann und ich hoffe, dass auch Du mir bald Ähnliches erzählen kannst.


In Liebe mit tausend Küsschen, Deine Seline!


Marc war von dem Gelesenen erregt und besorgt zugleich. Er fürchtete, dass Seline diesem Galan nicht vergessen könnte, dass Seline, hätte sie zwischen ihm und diesem Kerl wählen können, ihn verlassen, diesem Kerl verfallen könnte und plötzlich war sein Verständnis für die „Freie Liebe“ ins Wanken geraten.

Marc fand keine Ruhe mehr und er musste unbedingt wissen, wie dieses Verhältnis, zwischen seiner Frau und dem Fremden, sich weiterentwickelt hatte. Deshalb setzte er sich in seinen schnellen Wagen und fuhr in den italienischen Kurort, um dort nach dem rechten zu sehen.

Dort angekommen fand er bald das Hotel, man nannte ihm die Zimmernummer und als er vor der Türe stand klopfte er so leise, dass er sicher sein konnte, dass man sein Klopfen überhört hatte und stürmte in das Zimmer und fand dort genau das, was er vermutet hatte:

Der Mann lag am Rücken und Seline kniete vor ihm am Boden und verwöhnte ihn. Die Szene war so eindeutig, dass sie keiner Erklärung bedurft hätte. Seline stand erschrocken auf, der Mann versuchte sich notdürftig zu bedecken und Seline sagte erschrocken: „Aber Marc, wo kommst Du denn jetzt her!“ Marc fragte, was auf Grund der Situation eigentlich völlig überflüssig war: “Was machst denn Du da und was macht denn dieser Herr in Deinem Zimmer?“ Worauf Seline ihm antwortete: „Aber Marc, ich hab’ doch gar nichts gemacht, es ist ja gar nichts passiert, ….. es ist nämlich nicht so wie es aussieht.“

Marc hatte genug gesehen und war nicht neugierig darauf, dass ihm Seline erklärte, wonach es ausgesehen hätte und sagte nur: „Sie mein Herr suchen Ihre Sachen zusammen, bekleiden sich so, dass sie das Zimmer verlassen können und Du Seline packst Deine Koffer und dann fahren wir nach Hause!!“

Daheim angekommen war die Stimmung eisig. Es war schon spät und die beiden gingen zu Bett. Nach den ersten Annäherungsversuchen, versuchen eine Versöhnung herzustellen, die beide zunächst zurückwiesen, näherten sie sich dann doch einander, versöhnten sich und schliefen mit einander. Nachdem sie eine Weile danach noch schweigend im Bett gelegen waren sagte Seline: „Du, Marc, Du wist doch hoffentlich nicht geglaubt haben, dass ich das, was ich Dir in dem Brief geschrieben habe, wirklich erlebt habe? Der Herr, von dem ich angenommen hatte, er wäre ein Abenteuer wert, hatte sich bald eine Andere gefunden und ich habe Dir in dem Brief nur geschrieben, wie ich mir vorgestellt habe, wie es mit ihm hätte sein können..“ „So?, und der Mann heute? Der war wohl auch nur Phantasie?“ Nein, natürlich nicht, aber er hatte sich am Oberschenkel eine Verletzung zugezogen und ich war gerade dabei, ihm seine Wunde zu versorgen.“ „Die Wunde kann ich mir gut vorstellen!“ erwiderte Marc, dann schwiegen beide wieder. Nach einer Weile meinte Marc: „Seline, weißt Du was? Ich denke vielleicht ist es besser, wenn wir nächstes Jahr wieder gemeinsam auf Kur fahren.“ „Gar keine schlechte Idee“ meinte Seline.

"Es ist nicht so wie es aussieht", diese Frase,hat mich, wenn ich sie im Fernsehen gehört habe, wenn eine Frau ihren Mann oder ein Mann seine Frau in flagranti erwischt hat immer einen Lacher gekostet. Deshalb mußte ich unbedingt auch einmal dieses Thema in einer meiner Geschichten behandeln. Dass ich dabei in der Sprache doch recht deutlich werden mußte, was ich sonst nicht tue, war mir bewußt. Aber ein wenig Sex wird ja auch niemanden umbringen. Peter Somma, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wenn erst ein laues Lüftchen weht,
das sich naturgemäß dann dreht
und schnelle ganz geschwind,
aus diesem Lüftchen wird ein Wind,
der schließlich dann zum Sturme wird,
und gefahren in sich birgt-
Dann steht der Mensch als Kreatur,
vor den Gewalten der Natur.
Der Mensch wird vielleicht etwas klüger,
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