Rainer Pick

Am Morgen

 

Hatschi!“, pruscht es aus dem Schlafzimmer.

Na? Hast du dich etwa erkältet?“, fragt eine besorgte, weibliche Stimme aus der Küche.

Die liegt gleich ein paar Schritte weiter, nur über den Flur hinweg, gegenüber vom Schlafzimmer.

Nein, ich bin dieser Tage immer richtig warm angezogen! Das muss eine Hausstauballergie sein.“, vermutet hingegen eine etwas poltrige, männliche Stimme.

Kannst du mir mal verraten, woher der Hausstaub in unserem Haus kommen soll?“, so nun die drohende Gegenfrage, wieder aus der Küche.

Nein, nein.“, beteuert die männliche Stimme versöhnlich stimmend,

Ich bin doch dieser Tage andauernd in einem anderen Haushalt. So kann man sich schnell so eine Allergie holen.“

Dann erscheint in der Tür vom Schlafzimmer eine dickbäuchige Gestalt. Die Haarpracht um das Kinn und die Nase herum, verrät uns, dass der Ehemann inzwischen aufgestanden ist und den Tag begonnen hat.

Offenbar nach seiner Frau, die in der Küche inzwischen den heißen Kakao in zwei hohe Pötte eingefüllt hat. Dampfend stehen sie auf dem Küchentisch, gleich neben zwei Brötchen, dem Frühstücksteller und Butter, Marmelade und Honig.

Erstemal verschwinde im Bad. Waschen und die Zähne putzen! Den Kindern erzählst du andauernd, wie wichtig das ist und selber bist du gerne bereit, darauf zu verzichten! Nix da. Wenn ich dir dein Brötchen fertig geschmiert habe, dann hast du das geschafft und wir können frühstücken.“, resolut scheucht sie, mit einer schnellen Armbewegung, den dicken Bartträger aus der Küche. Gehorsam, seit vielen Jahren kennen sich die Beiden gut und jeder weiß was er vom anderen zu halten hat, schlurft er hinüber in das Badezimmer. Lautes Schnaufen und Prusten hört sie in der Küche und weiß nun genau, dass ihre

Aufforderung ordentlich befolgt wird. Vor sich hin lächelnd schneidet sie nun sein Brötchen auf, trägt die gelbe Butter auf die dampfende Hälfte. Die Butter schmilzt an den Rändern bereits, da kommt eine Schicht süßer, durchsichtiger Honig hinzu. Als sie diese Brötchenhälfte auf die Frühstücksteller befördert, setzt sich der alte Mann gerade mit Schwung auf den Küchenstuhl. Nach einem kurzen, aber tiefen Schnubbern mit der knolligen Nase, die über dem Bartgeflecht thront, greift er sich das Honigbrötchen und beisst hinein. „Hmmh!“, gibt er seinem Behagen Ausdruck und dankbar schauen seine Augen auf die Gefährtin.

Die lächelt ihn an. Das hat nicht nur damit zu tun, dass ihm der gelbe Honig vom Brötchen direkt in den Bart tropft und die Haare verklebt.

Das hat viel mehr damit zu tun, dass sie beide schon so viele Jahre miteinander einen neuen Morgen erleben.

Gleich nach dem Frühstück muss ich los.“, informiert nun der ältere Herr. „Ist schon klar, schließlich wirst du erwartet.“, antwortet ihm die freundliche Frau. „Gleich gehe ich ins Schlafzimmer und werden die Betten richtig aufschütteln, dann kommst du noch besser mit deinem Schlitten voran.“, ergänzt sie noch und nach einem dicken Abschiedsschmatz verschwinden beide aus der Küche.

Etwas vor sich hin ächzend zieht der Mann dicke Filzstiefel an die Füße und einen warmen, roten Wintermantel hängt er sich über die Schultern, denn da draußen ist es ziemlich windig und kalt.

Kalt wie im Winter.

Der Himmel zeigt all seine Sterne.

Sie glitzern wie Goldsplitter, nur der Mond glänzt wie ein dicker Brocken.

Als der alte Mann nun vor der Tür steht und mit seiner dicken Knollennase die frische, kalte Luft einzieht, beginnt langsam der Schnee zu fallen.

Einsam schwebt erst eine Flocke vorbei, es folgen immer mehr, in immer

dichterem Reigen. Schon liegt eine weiße Schneedecke vor dem Filzstiefeln des alten Mannes, der quer über den Hof zu einem der Stallgebäude schreitet. Nach rückwärts geht noch einmal sein Blick.

Lächelnd beobachtet er ein offenes Schlafzimmerfenster, in dem ein großes, weißes Deckbett von kräftigen Frauenhänden geklopft und geschüttelt wird. Hin und wieder entdeckt er auch den Kopf seiner Frau, deren Blicke nebenbei seinen Weg zum Stall zu verfolgen scheinen.

Gute Gedanken wehen zu ihm herunter.

Manches Mal ist es eben so, dass zwei Menschen, die so lange miteinander leben, sich ohne Worte, nur in Gedanken, miteinander verständigen können.

Als er die Stalltür öffnet, quillt ein Schwall warmer Stallluft in die kalte Luft nach draußen. Einzelne Schneeflocken schmelzen darin.

Schnell tritt der Mann in den Stall hinein und schließt die Tür hinter sich.

Hier im Stall stehen keine Kühe, keine Schweine. Ja nicht einmal Hühner oder Kaninchen sind hier zu finden. Vielleicht befinden die sich ja in einem der anderen Stallgebäude?

Hier stehen die Rentiere und gleich daneben ein riesiger Schlitten.

Da reicht es gerade für eine schnelle Fortbewegung, dass es zwölf Rentiere sind. Alle Rentiere drehen sich um und sehen den alten Mann an. In ihren Augen ist zu erkennen, dass sie genau wissen, was der heutige Tag bringen wird.

Sie sind bereit für eine große Fahrt.

Quer über den nachtblauen Himmel.

Einmal rund um den Erdball.

Ganz und gar freiwillig nehmen sie ihren Platz an der starken Deichsel des Schlittens ein.

Der alte Mann schnallt nur noch die Leinen fest und lädt einige Säcke auf, bis keiner mehr Platz findet.

Nun steht der Schlitten auf dem Hof.

Da ist die Schneedecke inzwischen so dick geworden, dass Dächer, Zäune, Bäume und Büsche dicke Pudelmützen tragen.

Am erleuchteten Küchenfenster steht die ältere Frau, von der die meisten nun wissen, dass es Frau Holle ist.

Sie winkt dem alten Herrn auf dem Schlitten fröhlich zu.

Und nur die ganz klugen Leute wundern sich darüber,

dass der Weihnachtsmann mit Frau Holle zusammen lebt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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