Rainer Pick

Neue Rentiere

 

Dieses Jahr soll alles anders werden.

Die Kinder wollen viel artiger sein, das jedenfalls hatten sie ihm im vergangenen Jahr unter dem Weihnachtsbaum versprochen. Also würde er in diesem Jahr nicht mehr die Rute benötigen. Das spart Platz auf dem Schlitten und Gewicht. Platz für noch mehr Geschenke und den Rentieren würde das Ziehen leichter fallen, weil der Schlitten ohne Rute weniger wiegt.

So denkt der Weihnachtsmann im Oktober diesen Jahres. Noch ohne den dicken roten Mantel steht er vor der Garage, in der Rentiere und Schlitten auf ihren Einsatz für diese Weihnacht fast das ganze Jahr warten mussten.

Na ja, für die Rentiere war das schon lange kein Problem mehr. Seit ungefähr fünfzig Jahren, hatte der Weihnachtsmann alle lebendigen Rentiere in die Tundra und Taiga entlassen. Sie sollten ihr freies Leben führen können, selber Familien gründen und sich in ihrer natürlichen Umgebung wohl fühlen. Denn vorher wurden die sechs Rentiere für den Schlitten vom Weihnachtsmann nach Weihnachten eingefroren und in der kalten Garage abgestellt. Bis sie wieder gebraucht wurden, mussten die armen Tiere - außen auf dem Fell ganz weiß vom Frost - für Monate darauf warten, wieder richtig laufen und leben zu können.

Deshalb hat er also vor fünfzig Jahren beschlossen, die lebendigen Rentiere gegen die Rentiere aus Blech aus zu tauschen.

Ein bekannter Schlosser, der seit sehr langer Zeit in der Nähe vom Nordpol wohnt und dem Weihnachtsmann gut bekannt ist, erhält den Auftrag, solche Blechrentiere zu bauen.

Das war vielleicht ein Lärm, als dieser Schlosser wie wild und doch sehr bedacht auf die Form, die herauskommen soll, mit seinem großen Hammer auf den Blechteilen herum schlug.

Grob und lauter wurde es, wenn er die großen Teile für Bauch und Rücken formte. Leiser hingegen, manches Mal sogar nur ein leises Bing, Bing war zu hören, wenn er am Kopf die Nase, Augen und Ohren formte.

Denn natürlich sollten die künstlichen Rentiere nicht künstlich, sondern natürlich aussehen.

Sie sollten ziehen können, vor allem den Schlitten mit den Geschenken und dem Weihnachtsmann oben drauf.

Sie sollten schnauben können, denn so wie bei den echten Rentieren sollte beim Schnauben auch ein kleiner Schneesturm entstehen, nur darauf konnte der Schlitten über den Wolken fahren und die ganze Erde schnell umrunden. Zuerst aber schnaubte bei dem Schlosser, der auch gleichzeitig ein Schmied war, eine heiße Flamme. Die machte die Blechteile warm, bis sie glühten, dann können sie leichter in die neue Form gebracht, die Rohre für die Beine gebogen und mit den übrigen Körperteilen besser verbunden werden.

Das mit dem Schnauben sollte ein eingebauter kleiner Ventilator, im Blechkopf, gleich hinter dem Maul übernehmen und Schnee für den kleinen Schneesturm gibt es ja am Nordpol überall. Das war kein großes Problem.

Hei was freute sich der Weihnachtsmann als der Schlosser ihn bat, mit dem Schlitten zu einer ersten Anprobe vorbei zu kommen.

Ganz alleine hatte er sich vor den Schlitten gespannt und galoppierte zum Schlosser.

Die Eichhörnchen am Wegesrand haben sich fast kaputt gelacht und sind vom Baum gekullert, hinunter bis in den Pulverschnee, so lustig muss das aus gesehen haben.

Stellt euch das mal vor, ein großer Schlitten mit einer breiten Zuggabel für sechs Rentiere und ein kleiner, kugelrunder Weihnachtsmann stapft in der Zuggabel und schleppt den Schlitten ab. Wahrscheinlich hättet ihr sogar laut los gelacht. Als der Weihnachtsmann bei der Werkstatt angekommen war, brachte der Schmied und Schlosser die bereits zusammen gebauten Rentiere heraus. Der Weihnachtsmann hatte sich noch schnell abgeschnallt, damit er die Anpassung nicht stört und der Schlosser brachte eines nach dem anderen die Blechdinger, also die künstlichen Rentiere in die Zuggabel. Dann standen die beiden Herren, einer im roten Flanell- Hemd und der andere im blauen Schlosseranzug, dessen Latzhose stramm um den dicken runden Bauch spannte, vor dem Schlitten. Genauso gespannt betrachteten die Männer jede

Kleinigkeit und freuten sich, dass alles so ideal funktionierte. Ja, vor jedem Blechrentier entstand der kleine Schneesturm und jedes dieser künstlichen Tiere konnte mit dem rechten Ohr und dem linken Ohr wedeln, die Augen öffnen und schließen. Auf ihren Köpfen trugen sie Geweihe und sahen recht majestätisch aus. Ja, das sah gut aus. Klar, die Rentiere hatten zum Teil rostige Flecken am Bauch und eines sogar am Ohr und glänzten alle metallisch blau bis braun. Aber sie passten exakt in diese Schlittenzuggabel.

Da freuten sich die beiden alten Herren, der eine mit Vorfreude, weil es nun noch schneller an das Geschenke- Verteilen gehen konnte und der andere mit großer Freude über sein gelungenes Werk.

Aber, so ohne jede Farbe konnten sie nicht bleiben, die Blech- Rentiere. Sie könnten ja sonst rosten, denn Schnee kann tauen und wo Eisen und Wasser zusammen sind, da beginnt das Eisen zu rosten. Damit das nicht passiert, beschlossen sie gemeinsam die Rentiere anzustreichen. Zuvor jedoch war eine Probefahrt angesagt.

Sie stiegen auf den Schlitten- Kutschbock.

Was?”, fragte der Weihnachtsmann erstaunt den Schmied,

Was denn? Du willst mitkommen?”

Natürlich!”, kam die postwendende Antwort.

Ich muss doch sehen, wie meine Rentiere funktionieren. Und wenn mal eines ausfällt, kannst du es doch sowieso nicht reparieren! Oder?”

Ja, dass musste der Weihnachtsmann nun einsehen und so saßen zwei Bartträger auf dem Schlitten, als der sich hoch in die Wolken erhob und mal mit viel Gestöber und hoher Geschwindigkeit über das Himmelszelt fegte oder ganz plötzlich aus voller Fahrt bremste, dass die Kufen quietschten. Richtig festhalten mussten sich die beiden alten Herren, sonst wären sie noch vom Schlitten herunter gepurzelt. Der Schlosser überlegte sogar, ob er nicht ein paar dicke Sicherheitsgurte für die Schlitten- Passagiere einbauen sollte. Schnell vergaß er diesen Gedanken dann, weil die Blech- Rentiere mit dem Schlitten wieder sanft und ohne zu ruckeln direkt vor der Werkstatt landeten.
“Ho, ho!”, 
rief der Weihnachtsmann gut gelaunt und lachte dabei, dass sich sein weißer Bart nur so schüttelte. Das war eine Fahrt, ho, die hat mir Spaß gemacht!”

Das war auch der Schlosser zufrieden und froh.

Nun musste also noch der Anstrich der Rentiere mit wetterfester Farbe gemacht werden. Und das wollten sie gemeinsam machen.

Schon am nächsten Tag, gleich früh am Morgen begannen sie damit. Jeder hatte sich drei der Blech- Rentiere vor sich hin gestellt und als erstes damit begonnen, die großen Körperteile mit einem schönen Braun anzumalen. Den ganzen Tag malten sie an ihren Tieren. Als die Sonne aufging, da standen die Tiere noch rostig herum. Mittags konnte man schon sehen, wie der braune Lack trocknete und am Abend dann, hatten alle Tiere nicht nur an allen Körperteilen die richtige Farbe, nein, die war schon fast vollständig getrocknet.

Und die Rentier- Augen strahlten mit Sanftmut unter langen Wimpern hervor. Wieder waren die beiden alten Männer mit sich und dem vollbrachten Werk zufrieden.

Der Weihnachtsmann bedankte sich bei dem Schlosser, wollen wir einmal reinhören, was er dem alles sagte:

... und so hast du mit großer Kunstfertigkeit Geschöpfe hergestellt, die den natürlich geborenen Rentieren es erlauben wieder glücklich und ohne Trennung von ihren Familien in der Tundra zu leben. Statt ihrer sind hier sechs Blechrentiere nun bereit dem Weihnachtsmann zu helfen, artigen Kindern auf der Erde am 24. Dezember jeden Jahres die Geschenke zu bringen.”

Tief bewegt umarmt er den Schlosser. Der zupft sich an den dichten Augenbrauen, weil auch er sehr gerührt davon ist, dass seine Arbeit so gut gelungen, nickt und fragt dann:

Ja, lieber guter Weihnachtsmann, werde ich denn nun auch meinen Lohn für diese Arbeit erhalten?” 
Da zieht der Weihnachtsmann eine sehr bedenkliche Miene,

schüttelt genauso nachdenklich mit dem Kopf und sagt:

Ja, sieh doch, lieber Schlosser ..”, tief luftholend unterbricht er seinen Satz und fährt dann fort: “Also sieh doch, Schlosser, die öffentlichen Kassen sind leer! Und der Weihnachtsmann ist in der Finanzierung ganz hinten angesiedelt, weil er ja eh nur einmal im Jahr zum Auftritt kommt.”

Das verstehe ich wohl, lieber Weihnachtsmann, aber von irgend etwas muss ich doch auch leben und weißt du eigentlich, wer das Blech für die Rentiere, die Kohle für das Schmiedefeuer und die Farben bezahlt hat?”

Ja.”, entgegnet sorgenvoll der Weihnachtsmann.

Ja, ich weiß es wohl. Das warst du! Und ich will dir ja auch dankbar sein! Du hast eine wunderbare Arbeit geliefert, warst pünktlich und alles funktioniert, wie versprochen. Aber wie schon gesagt, Geld vom Amt bekomme ich dafür nicht. Aber, und der Weihnachtsmann wirkt plötzlich gar nicht mehr so beklommen wie vorher, aber ich habe da eine Idee!

Auf meinem Schlitten ist ja auch viel mehr Platz, seitdem ich keine Rute mehr mitnehmen muss. Die Kinder sind viel, viel artiger als früher. Sie machen das ganze Jahr über keinen Unsinn mehr und hören stets auf das, was ihnen ihre Eltern sagen. Da kann ich dich nun in jedem Jahr zur Weihnachtszeit auf dem Schlitten mitnehmen. Wir werden gemeinsam die Geschenke aus dem dicken Sack verteilen und du bekommst die Hälfte von dem, was ich in jedem Jahr Weihnachten als Lohn für meine Arbeit bekomme. Und ich lebe gut davon, wie du ja weißt.”, fragend schaut der Weihnachtsmann den Schlosser an.

In dessen Augen schimmert die Freude ganz allmählich auf.

Würdest du das wirklich machen? Künftig in jedem Jahr?”, fragt er, noch immer ein bisschen ungläubig den Weihnachtsmann.

Aber ja doch! Jedes Jahr der Zukunft, beginnend in diesem Jahr bin ich morgens am 24. Dezember vor deiner Schlosserei und klingle dich aus deinem Bett. Und ohne Frühstück und schnell musst du herauskommen. Und dann geht sie los, die Fahrt rund um den Erdball.

Wir bringen Millionen Kindern ihre Weihnachtsgeschenke und wenn sie die finden und die Pakete und Tüten und Kartons öffnen, dann werden wir unseren Lohn empfangen.

Freude und Dankbarkeit strömt immer wieder aus Millionen Kinderherzen in den Himmel hinauf.

Genug für uns beide, ein ganzes Jahr leben und arbeiten zu können.

Glücklich zu sein und zufrieden, ein ganzes Jahr lang.”,

andächtig endet der Weihnachtsmann seine Rede und schaut dem Schlosser in die Augen.

Der nickt ebenso andächtig zurück.

Seit dieser Zeit ist es also ein wenig anders zu Weihnachten.

Auf dem Schlitten, gezogen von sechs schnaubenden Rentieren, dessen Kufen auf einem kleinen Schneesturm dahin gleiten und dessen Laderaum von einem dicken Sack gefüllt ist, indem die Geschenke für die Kinder der Welt auf ihre Verteilung warten, sitzen zwei Gestalten.

Einer von den beiden lenkt die Rentiere und der andere zeigt hin und wieder mit ausgestreckter Hand in die Richtung, in die der Schlitten nun fliegen sollte.

Und wenn es um dich herum ganz still ist, dann kannst du neben den Geräuschen des kleinen Schneesturmes, das tiefe fröhliche Lachen aus zwei alten Männerkehlen hören.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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