Christine Wolny

TAGE MIT GOLDRAND

 

Weihnachtsgeschichte

Wenn ich kurz darüber nachdenke, weist der Titel auf besondere Tage hin, denn bei Goldrand denke ich an Geschirr, das nur an bestimmten Feiertagen hervor geholt wurde.
Ich denke an meine Jugendzeit.
Kam die Familie zusammen, wurde das beste Geschirr aus dem Schrank geholt. Eben das, mit dem Goldrand.
Da wurde vorher tagelang gebacken und gekocht und geputzt. Man kam gar nicht mehr aus der Küche. Es waren anstrengende Tage, denn man war von morgens bis abends auf den Beinen.
Manchmal war ich froh, dass ich ein paar Minuten sitzen konnte.

Zwischendurch musste ich immer noch schnell mit dem Fahrrad los fahren, um etwas einzukaufen. Mal reichten die Rosinen für den Mohnkuchen nicht, dann war der Mohn nicht fein genug, die gemahlenen Mandeln zu knapp, Orangeat und Zitronat zu hart, weil noch vom Vorjahr, und die Butterplätzchen hatten in der letzten Zeit so abgenommen, dass sie noch einmal gebacken werden mussten.
Es waren viele Vorbereitungen notwendig, bis alles am Heiligabend rund um den Tisch saß.
Das Geschirr, welches nur ganz selten gebraucht wurde, musste erst gewaschen werden. Eine Spülmaschine gab es damals noch nicht. Außerdem darf Geschirr mit Goldrand nur handgewaschen werden.
„Nur nichts fallen lassen, sonst gibt es Ärger, und den kann ich gar nicht brauchen.“
Es ging alles gut. Der Abend mit dem Goldrand konnte beginnen.
Als erstes gab es eine Fischsuppe. Auf die verzichtete ich gerne.
Mir wurde ganz komisch, wenn ich in den Kochtopf schaute und mir der Fischkopf samt Augen entgegen blickte.
Danach kam gebratener Karpfen auf den Tisch. Er war in Stücke geschnitten, die Teile waren wie Schnitzel paniert, dazu wurde der selbstgemachte Kartoffelsalat serviert.
„Ein echtes Schnitzel wäre mir lieber gewesen“, das dachte ich, aber ich wagte es nicht laut zu sagen. In der Familie, in der ich wohnte, gehörte der Karpfen zum Weihnachtsbrauch.
Muss ich nicht verstehen.
Ich bekam das kleinste Stück, und das war gut so.
Auf dem Nebentisch stand eine große Dose mit allerfeinsten Plätzchen.
Zwischendurch schielte ich immer wieder hin. So rutschte der Fisch schneller herunter.
Die Bescherung erfolgte erst nach dem Essen. Und das dauerte lange.
Da war Geduld gefragt, denn nach dem Essen wurde erst das Geschirr gewaschen, damit der Fischgeruch schneller aus der Wohnung verschwand. Es musste wieder gut im Wohnzimmerschrank verstaut werden. Dort ruhte es ein paar Stunden bis zum 1. Weihnachtsfeiertag, denn dann gab es den 2. Tag mit Goldrand.


© C.W. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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