Irene Beddies

Die geheimnisvolle Laterne




Gestern war endlich der Sturm gekommen, auf den sie tagelang gewartet hatte. Heute säuselte der Wind nur leicht in den Nadelbäumen am Waldrand.
Sie saß auf einem Baumstumpf am  Waldparkplatz, neben sich zwei Einkaufstüten voller Tannen- und Kiefernzweige. Das Aufsammeln hatte keine Mühe bereitet, sie war schneller fertig als gedacht.
Sie wartete darauf, dass ihr Mann sie wieder abholte. Die leere Plastiktüte, die sie auf den Baumstumpf gebreitet hatte, um ihre Fellhandschuhe, auf denen sie saß, nicht nass werden zu lassen, hielt nicht ewig die Kälte ab. Ihre Füße waren warm, sie steckten in dicken Socken, aber ihre Hände wurden allmählich in den Manteltaschen klamm.
Warum kam Thomas nicht? Dauerte die Besprechung mit den Außendienstleuten so lange?
 
Es wurde schon dämmerig unter den Bäumen. Ab und zu piepste ein Vogel leise. Neben ihr knackte etwas im Wind, irgendwo rieben zwei Äste aneinander, wenn eine Windbö die Baumkronen erfasste. Jedes Mal quietsche es in einem jämmerlichen Ton.
Angelika fühlte sich beklommen. Nicht, dass sie sich fürchtete, sie war oft im Wald, auch bei Nacht. Das Warten machte sie nervös.
 
Sie stand auf, um ihre Glieder zu strecken und sich durch Bewegung ein bisschen aufzuwärmen. Als sie auf dem verschneiten kleinen Parkplatz auf der Stelle trat, entdeckte sie ein feines, aber deutliches Leuchten in den kahlen Zweigen der nahen Blaubeersträucher. Geistesabwesend blickte sie kurz darauf, dann trat sie an den Straßenrand, weil sich ein Auto näherte. Aber es raste vorbei. Wo blieb Thomas nur so lange?
 
Es wurde allmählich dunkel. Das Leuchten im Gebüsch verstärkte sich ein wenig. Angelika bückte sich und schaute genauer hin. Da hing doch tatsächlich eine kleine Laterne! Aus steifem Metallpapier gefaltet und ausgeschnitten, so wie sie es als Kind in der Schule gelernt hatte. Die Arbeit eines Kindes konnte es nicht sein, dazu war sie zu akkurat gefertigt. Und wie kam es, dass durch die Seitenschlitze Licht drang? Keine Kerze, keine elektrische Lichtquelle steckten in ihr.
Angelika nahm das Laternchen vorsichtig auf und betrachtete es aus der Nähe, soweit noch etwas zu erkennen war. Eine schöne Arbeit, aber nichts Außergewöhnliches. Am oberen Rand waren  winzige Zeichen zu erahnen.
 
Lichtkegel näherten sich. Auf den Parkplatz bog ein Auto ein und hielt.
„Hallo, Angelika! Komm, steig ein, du musst halb erfroren sein!
Hast du schöne Zweige für unsere Weihnachtsdekoration gefunden?“, rief ihr Mann ungeduldig.
„Gut, dass du da bist! Mir ist wirklich recht kalt.“
Mit Schwung stellte sie die Tüten  in den Kofferraum. Die kleine Laterne wollte sie schon wieder in die Sträucher zurückstecken, besann sich aber und faltete sie sorgsam zusammen.
 
Zu Hause brauste Angelika zuerst die Zweige in der Badewanne ab. Ein herrlich frischer Duft nach Nadeln und Harz erfüllte die Wohnung. An manchen Kiefernzweigen hingen sogar Zapfen. „Die werden in der Wärme lustig knacken“, meinte Thomas, der sie auf den Balkon zum Trocknen brachte.
 
Als Angelika etwas Ruhe fand, setzte sie sich an ihren Arbeitstisch, holte eine Lupe und legte die gefaltete Laterne vor sich hin. Sie erinnerte sich lebhaft an ihre kindlichen Versuche, das gefaltete
Papier mit gleichmäßigen Einschnitten wie bei einem Kamm zu versehen, um der geliebten Lehrerin  zu gefallen.
Sinnend betrachtete Angelika die regelmäßigen Einschnitte in dem blauen Metallpapier und suchte nach den Zeichen, die sie in der Dunkelheit glaubte entdeckt zu haben. Und tatsächlich, winzige Buchstaben waren auf dem Rand zu sehen. Mit der starken Lupe entzifferte sie mühsam die Worte: „Hier warten Hungrige“.
Sie knipste das Lampenlicht aus. Die kleine Laterne blieb dunkel. Angelika fragte sich, ob sie sich das Leuchten nur eingebildet hatte?
 
In der Nacht schlief sie unruhig. Immer wieder kam ihr  die Botschaft in den Sinn. Wer hungerte? Hatte ein Naturfreund etwas für hungernde Mäuse oder Vögel tun wollen? Aber warum hatte er nicht selbst etwas getan? Woher konnte er überhaupt wissen, dass diese kleine Laterne je gefunden  werden könnte? Und warum hatte sie im Wald geleuchtet und später nicht? Angelika kam das ein wenig unheimlich vor. Zwerge oder Wichtel gab es doch nicht!
 
Sie wollte Gewissheit. So stieg sie am Vormittag in ihr kleines Auto, kaufte eine Tüte Vogelfutter, und fuhr zu dem Waldparkplatz, auf dem sie am Vorabend gewartet hatte. Im Schnee sah sie undeutlich ihre Fußspuren und die Abdrücke der beiden Tüten neben dem
Baumstumpf. Als sie an das Blaubeergebüsch trat, schaute sie sich um. Kein Tier hatte inzwischen Spuren hinterlassen, keine Abdrücke von Mäusepfötchen oder Vogelfüßen waren zu entdecken – ganz zu schweigen die von Wichtelschuhen.
„Werd nicht komisch, Wichtel gibt es nur im Märchen“, redete sie sich ärgerlich zu.
Dennoch fühlte sie sich  fast mit Gewalt gezwungen, das Vogelfutter hier auszuleeren. Zwischen die Sträucher kullerten die Samen.
Eine Weile stand sie sinnend da, dann gab sie sich einen kräftigen Ruck und stieg wieder in ihren  Wagen. Zufrieden überdachte sie ihr Tun. Sie schüttelte den Kopf über ihre Gedanken, aber freute sich, irgendwelchen Wesen Gutes zu tun.
 
Als Angelika und Thomas ein paar Tage darauf den Weihnachtsbaum schmückten,  befestigte Angelika die kleine Laterne an der Spitze.
„Warum nimmst du nicht  wie üblich unseren Goldstern?“, fragte Thomas. „Und überhaupt: wo hast du sie her? Solche haben wir früher in der Grundschule gebastelt.“
„Wir auch. Diese habe ich gestern am Parkplatz gefunden. Sie leuchtete zwischen den Sträuchern.“
„Leuchtete?“ Thomas schüttelte den Kopf, machte sich weiter aber keine Gedanken.
 
Als am Heiligabend alle Kerzen mit ihrem warmen Lichtschein den Weihnachtsbaum verzauberten, blieb die Tannenbaumspitze ungewohnt dunkel. Es fehlte der Glanz des Goldsterns. Als aber die Kerzen heruntergebrannt und ausgepustet waren, erstrahlte die kleine Laterne wieder in ihrem feinen Licht, das durch die Ritzen drang.
Thomas sah es mit ungläubigem Staunen.
Angelika war glücklich, ihre Gabe war angenommen.
 
©I. Beddies

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Irene Beddies).
Der Beitrag wurde von Irene Beddies auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Irene Beddies:

cover

In Krollebolles Reich: Märchen von Irene Beddies



Irene Beddies hat in diesem Band ihre Märchen für Jugendliche und Erwachsene zusammengestellt.
Vom Drachen Alka lesen wir, von Feen, Prinzen und Prinzessinnen, von kleinen Wesen, aber auch von Dummlingen und ganz gewöhnlichen Menschen, denen ein wunderlicher Umstand zustößt.
In fernen Ländern begegnen dem Leser Paschas und Maharadschas. Ein Rabe wird sogar zum Rockstar.
Auch der Weihnachtsmann darf in dieser Gesellschaft nicht fehlen.

Mit einer Portion Ironie, aber auch mit Mitgefühl für die Unglücklichen, Verzauberten wird erzählt.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (5)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Weihnachten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Irene Beddies

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Mohrchens Verschwinden von Irene Beddies (Tiergeschichten)
FUCHS ALS LEBENSRETTER von Christine Wolny (Weihnachten)
Goslarer Geschichten von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)