Christine Sitte

Das gestohlene Geschenk

 


In der Werkstatt vom Weihnachtsmann stapelten sich noch kurz vor dem Weihnachtsfest  viele unverpackte Geschenke auf den Tischen, den Sitzbänken der vielen Helfer und in den hohen Regalen an den Wänden.
Geschäftig liefen alle hin und her, damit auf Erden jeder sein Geschenk zur rechten Zeit auf dem Gabentisch liegen hat.
 
Ein kleiner Kobold von nebenan lugte neugierig durch das Fenster der Werkstatt vom Weihnachtsmann. Er war sichtlich erstaunt über die vielen Spielzeuge für die Kinder, ebenso über die Geschenke für die Erwachsenen. Jedes Geschenk wurde liebevoll von den Helfern in buntes Papier eingewickelt und zur Tür gebracht, wo ein anderer sie entgegennahm und auf den Schlitten packte. Und wie er so dem geschäftigen Treiben zusah, bemerkte er hinten im Regal neben der Puppe für Tina und der Eisenbahn für Tom, ein höchst interessantes Geschenk. Das muss ich haben, dacht er, so etwas Schönes habe ich ja noch nie gesehen. Was man wohl damit alles machen kann, überlegte er und sah sich in Gedanken mit dem Geschenk schon zu Hause spielen. Doch wie komme ich zu diesem Geschenk, das eigentlich für ein Erdenkind bestimmt ist?
Er musste sich  schnellsten einen Plan zurecht legen. Und der sah so aus. Er durfte das Geschenk keine Sekunde aus den Augen verlieren. Jedoch beim Beobachten sehr vorsichtig sein, damit ihn niemand sah, da jeder wusste, dass er nie etwas Gutes im Schilde führte. Vor allem sollte der Weihnachtsmann ihn nicht erblicken, denn er hätte ihm zu Recht verwiesen.
 
Daher beobachtete er koboldschlau das Geschehen aus der Ferne, aber so, dass er sein gewolltes Geschenk nicht aus den Augen verlor. Am Abend wurde es eisig kalt vor der Werkstatt, doch das musste er aushalten, wollte er wissen, wo genau das Päckchen auf den Schlitten verpackt wurde. Denn von da aus war es ein Leichtes für ihn zu mopsen, wenn alle im tiefen Schlaf versunken waren. Der Schlitten war bereits zur Hälfte voll beladen und es ging zügig weiter voran. Nach weiteren zwei Stunden hörte er, wie einer der Helfer sagte: „Das ist das letzte Geschenk, was verpackt werden muss. Hurra, wir haben alles rechtzeitig geschafft.“
 
Der Kobold hüpfte nicht nur vor Kälte von einem Bein aufs andere, nein auch vor Freude.  Er rieb sich dabei kräftig die Hände und ulkte vor sich hin. Der Weihnachtsmann, der in seinem alten bequemen Sessel Platz genommen hatte, nahm nochmals die Liste zur Hand und überprüfte alle Adressen. Es sollte doch keiner vergessen werden. Alles stimmte auf seiner langen Liste überein und er war, wie jedes Jahr, mit seinen vielen Helfern sehr zu frieden. Jetzt schliefen alle und auch der Weihnachtsmann nickte im Sessel ein.
 
Der Kobold beobachtete alles genau und war sich in diesem Moment ganz sicher zum Schlitten gehen zu können, um sich sein Traumgeschenk zu holen. Er näherte sich ihm und in seinen Augen funkelten hell kleine silberne Sternchen. Vorsichtig zog er an dem Geschenk, um es aus dem Stapel heraus zu ziehen. Doch beim Ziehen kamen die Geschenke  ins Wanken und vor Schreck stieß er: „Autsch…“ aus. Zum Glück hatte keiner was bemerkt und so hielt er kurz darauf das Geschenk stolz in seinen Händen. So schnell ihn seine kleinen Füße tragen konnten, rannte er flugs nach Hause. Dort packte er das gestohlene Geschenk aus und begann mit ihm zu spielen. Er hatte riesigen Spaß dabei, das konnte man sehen.  
 
Der Klang eines Glöckchens weckte am zeitigen Morgen den Weihnachtsmann. Er rieb sich die Augen und blickte geradeaus durchs Fenster seiner Werkstatt direkt auf den voll beladenen Schlitten. Die Schimmel waren eingespannt und warteten  ungeduldig auf den Weihnachtsmann, um die Fahrt zur Erde anzutreten. Und um die Geschenke an die Erdenkinder rechtzeitig zu verteilen.
 
Auch dieses Jahr hatte der Weihnachtsmann wieder viel zu tun und keiner durfte vergessen werden. Als auf dem Schlitten das letzte Päckchen lag, seufzte der Weihnachtsmann zu frieden tief auf. Er nahm sich zur Kontrolle nochmals die Liste zur Hand und bemerkte, dass ein Häkchen auf ihr fehlte. Das Geschenk für Juliane war noch nicht abgegeben worden. Hatten die Helfer vergessen es auf den Schlitten zu packen oder war es gar unterwegs vom Schlitten gefallen? Er rief in der Werkstatt an und bat um Prüfung, ob es vielleicht liegen geblieben war. Nein, in der Werkstatt lag es nicht, kam die Antwort zurück.
 
Unterdessen amüsierte sich der kleine Kobold weiter mit dem coolen Geschenk, als sich plötzlich bei ihm starke Bauchschmerzen einstellten. Sie hörten nicht auf, im Gegenteil, sie wurden immer heftiger. Er krümmte sich vor Schmerzen, wie eine alte Bogenlampe, er warf sich zu Boden und strampelte mit den Füßen in der Luft herum. „Aua, Aua …..“, stöhnte er voller Schmerzen. Es nutzte nichts, die Bauchschmerzen wollten von ihm nicht weichen. Er wusste genau, dass der Auslöser der Schmerzen sein schlechtes Gewissen war. Und als er sich nicht mehr zu helfen wusste, rief er den Weihnachtsmann an und bat ihm um Hilfe. Eigentlich wollte er gerade losschimpfen, um ihn eine Lehre zu erteilen, doch als er merkte, welche starken Schmerzen ihn plagten, schmunzelte er sichtlich erfreut in seinen Bart hinein. Seine Strafe hatte der Kobold bereits erhalten, dacht der Weihnachtsmann, jetzt muss ich  ihn bloß noch von seinen Schmerzen befreien.
 
Das gestohlene Geschenk gab der kleine Kobold gern dem Weihnachtsmann zurück. Und als das Geschenk Juliane erreicht hatte, verflogen wie von selbst die Bauchschmerzen aus dem kugeligen Bauch. Dem Weihnachtsmann jedoch, musste er fest versprechen, nie wieder etwas zu stehlen.
 
 
 
 
 
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.12.2012. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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